Die Berlinale ist nicht die Volksbühne, aus Fehlern lernt man. Für die Nachfolge Dieter Kosslicks soll kein global agierender Eventmanager aus einer Weltmetropole her. Nach bislang noch unbestätigten Medienberichten soll der Job an Carlo Chatrian gehen.

Chatrian, Mitte vierzig, aus dem italienischen Aostatal, ist der Anti-Dercon. Glamour bringt er keinen mit, der Introvertierte mit den Locken ist ein Cineast wie aus dem Drehbuch. Studiert hat er Literatur und Film an der Universität in Turin, seine Abschlussarbeit behandelte das Frühwerk von Jacques Rivette. In Locarno zeigte er als künstlerischer Leiter eine klare Linie, die fast schon Kante war: Seit bald sechs Jahren kuratiert er am Lago Maggiore rigoros ein sehr anspruchsvolles Wettbewerbsprogramm, an dem sich das Publikum, aber auch gestandene Filmjournalisten fleißig abarbeiten.

Und nun Chatrian für Berlin? Man stutzt erst einmal. Er spricht kaum Deutsch, und vor allem: Er will nicht so recht zur Möchtegern-Global-City Berlin passen. Chatrian ist nicht hip. Was ein Flat White ist, wird man ihm erklären müssen. Der Mann trinkt Ristretto.

Andererseits: Als Chatrian in Locarno übernahm, hatte man ihn auch nicht auf der Rechnung. Damals beerbte er den Franzosen Olivier Père, der sehr plötzlich zu Arte France Cinéma gewechselt hatte. Père, weiße Anzüge, häufig mit Sonnenbrille im Gesicht, war ein schillernder Festivalleiter, ein südfranzösischer Kosslick. Chatrian füllte die Fußstapfen.

Viel Aufhebens um seine Person macht er nicht. Er sei keiner fürs Rampenlicht, das sagt er selbst: Als die ZEIT ihn vergangenes Jahr fragte, ob er nicht nach Kosslicks Posten schiele, wiegelte er ab: "Die Berlinale ist ein großartiges Festival mit viel Potenzial, aber ich glaube nicht, dass ich dafür geeignet bin." Er sagte: "Anchorman? Showman? Vielleicht bin ich das einfach nicht. Mein Job ist es, die Filmemacher vor mich zu stellen."

Seine Wahl wäre ein klares Signal: Ihm geht Substanz über Bling-Bling. Wie es heißt, hat sich Chatrian auch gegen Cameron Bailey vom Filmfestival Toronto durchgesetzt, der das Gegenmodell versprochen hätte. Bailey machte aus Toronto einen Gemischtwarenladen, ein funkelndes Markenkaufhaus. Am Lake Ontario läuft alles, was Rang oder zumindest Namen hat. Aber dem Festival fehlt zunehmend das Profil. Ganz anders Locarno: Dieses Festspiel, das im August ins 71. Jahr geht – älter sind nur Moskau und Venedig –, ist klar positioniert.

Chatrian geht nicht mit der Mode, er will Wegbereiter sein, ein Entdecker. Als der Philippino Lav Diaz mit seinen Mehrstündern Berlin aufschreckte, hatte er in Locarno längst einen Goldenen Leoparden gewonnen. Der Japaner Ryûsuke Hamaguchi, der dieses Jahr in Cannes im Rennen um die Goldene Palme war, machte zuvor im Tessin mit einem Fünfstünder von sich reden. Nein, Chatrian schont das Publikum nicht. Das Kunstkino einer Chantal Akerman findet bei ihm im Hauptwettbewerb statt, die deutsche Minimal-Art einer Angela Schanelec (Der traumhafte Weg) steht bei Chatrian hoch im Ansehen. Er kennt keine Scheu vor Unbequemem, das verspricht neue Impulse für die Berlinale.

Was man von Chatrian nicht erwarten kann: klassisches Erzählkino. Der US-Indiefilm fand unter ihm in Locarno kaum statt, um allzu Bekömmliches machte er einen Bogen. Auf der Piazza Grande, dem schönsten Freiluftkino der Welt, wo die größeren Filme außer Konkurrenz gezeigt werden, setzte Chatrian selten Akzente. Im vergangenen Jahr war da etwa Jan Zabeils Drei Zinnen zu sehen, es gab den Ötzi-Film Der Mann aus dem Eis und Ausschussware aus den USA: Atomic Blonde, ein Actionfilm. Das Publikumswirksame ist nicht Chatrians Stärke.

Eigentlich wäre Carlo Chatrian auch prädestiniert für die experimentellere Berlinale-Sektion Forum, deren Chef Christoph Terhechte kürzlich seinen Abschied bekannt gab. Hoffentlich hat nicht jemand die Personalie durcheinandergebracht.