"Ich hörte irgendwann auf, alles verstehen zu wollen, und lehnte mich einfach zurück." Diesen Satz sagt der Sänger Krishna Das zwar in einem eben angelaufenen Dokumentarfilm über spirituelle Musik aus der Yogatradition. Wenn man die Äußerung aber ein bisschen aus dem Zusammenhang reißt,  lässt sich damit auch gut eine Haltung skizzieren, die zur Rezeption von Dokumentarfilmen passt. Wer oft genervt ist vom großen medialen Rauschen, von immer wieder neuen Säuen, die immer schneller aus dem Dorf gejagt sind, und wer sich stattdessen gern einlässt auf einen ausgeruhten Blick auf Einzelphänomene oder auf Geschichten und Personen, von denen er zuvor niemals auch nur das Geringste gehört hat, der könnte sich häufiger Dokumentarfilme anschauen.

Derzeit ist die Auswahl besonders groß. Denn der eben erwähnte, Mantra – Sounds into Silence, ist nur einer von gleich sechs Dokumentarfilmen, die in dieser Programmwoche im Kino angelaufen sind. Sechs. Das ist fast die Hälfte aller Neustarts der Woche. Boomt also der Dokumentarfilm?

Die Antwort darauf ist komplex bis uneindeutig, was nicht nur daran liegt, dass das dokumentarische Genre mindestens so vielfältig ist wie das fiktionale. "Netflix, HBO und Amazon haben dazu beigetragen, das weltweite Interesse an dokumentarischen Formaten zu stärken", sagt zum Beispiel Astrid Beyer, die für das Haus des Dokumentarfilms in Stuttgart arbeitet und dort für das Programm des jährlichen Branchentreffens Dokville verantwortlich ist. Netflix etwa hat mit der Dokumentarserie Making a Murderer mehrere Emmys gewonnen. Außerdem zeigte der Streamingdienst unter anderem The Wormwood (Wermut). Darin rekapituliert der renommierte Dokumentarfilmer Errol Morris (The Fog of War) den mysteriösen Tod des für den CIA tätigen Bakteriologen Frank Olson im Jahr 1953. Und HBO zeigt demnächst eine Dokumentation über den 2014 verstorbenen Schauspieler Robin Williams (Come Inside My Mind).

Der deutsche Branchentreff Dokville findet jedes Jahr Ende Juni während des SWR Doku Festivals statt, auf dem auch der Deutsche Dokumentarfilmpreis verliehen wird. In der Jury für diesen Preis sitzt in diesem Jahr auch die Hamburger Filmemacherin Pia Lenz. Sie ist selbst bereits mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet worden für ihren im vergangenen Jahr gestarteten Film Alles gut, der den Alltag zweier Schulkinder aus Flüchtlingsfamilien in den Blick nimmt. Kürzlich war Lenz mit Alles gut beim Full Frame Documentary Film Festival in Durham in North Carolina vertreten, und die Eindrücke, die sie von dort aus Gesprächen mit Kollegen und Netflix-Managern mitgenommen hat, decken sich mit denen Astrid Beyers. Netflix wolle offenbar noch mehr dokumentarische Formate in Auftrag geben, sagt Lenz. Und die Budgets, die der Streamingdienst zur Verfügung stelle, seien um ein Vielfaches höher als das der hiesigen Fernsehsender. Das Interesse von Netflix an non-fiktionalen Inhalten dürfte noch einmal gestiegen sein, seitdem das Unternehmen mit Ikarus, einem Film über Staatsdoping in Russland, im März den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewonnen hat. Es war der erste Oscar für Netflix überhaupt.

Auch in Deutschland spreche der Streamingdienst derzeit mit verschiedenen Dokumentarfilmproduzenten, sagt Christian Beetz. Er hat mit seiner Berliner Produktionsfirma vor Kurzem The Cleaners ins Kino gebracht, in dem es um Menschen geht, die für Dienstleister auf den Philippinen im Akkord gewalttätige oder aus anderen Gründen zu löschende Inhalte aus sozialen Netzwerken entfernen müssen. The Cleaners ist ein enorm aufwendiger Film, daher hat Beetz rund 20 Fernsehsender aus aller Welt als Finanzierungspartner akquirieren müssen. Allein 250.000 Euro hätten 30 bis 40 Rechercheure gekostet, die sich auf den Philippinen auf die Suche nach aktiven oder früheren Cleaners machten, um diese davon zu überzeugen, am Film mitzuwirken. Wohlgemerkt: Diese Kosten fielen an, bevor überhaupt die erste Szene gedreht war. Bei der Einordnung dieser Summe helfen andere Zahlen: Für einen 90-Minuten-Film, so Beetz, bekomme ein Produzent von Arte 120.000 Euro und von einer ARD-Landesrundfunkanstalt zwischen 80.000 und 120.000 Euro.

Beetz sagt, er hätte bei The Cleaners auch mit Netflix zusammenarbeiten können. Der Streamingdienst habe einsteigen wollen, "aber nur, wenn er die Weltrechte komplett bekommt". Der Produzent stand vor einem Dilemma: Sammelt er viele verhältnismäßig kleine Beträge ein oder spart er sich die Arbeit und nimmt den ganzen Batzen von Netflix? Beetz entschied sich für die erste Variante, "weil ich beim WDR und bei Arte bereits im Wort stand". Die Pointe ist nun, dass das Geld der beteiligten Sender aus bürokratischen Gründen – öffentlich-rechtliche Mühlen mahlen langsam – noch gar nicht geflossen ist. Netflix locke dagegen damit, dass man schnell entscheide und zugesagtes Geld flott überweise, sagt Beetz. Die behäbigen Strukturen der Öffentlich-Rechtlichen könnten folglich Produzenten "in die Arme von Netflix" treiben.