Man lernt nur was, wenn man mit Freude lernt. Diesem Satz würden heute alle Pädagogen und Eltern zustimmen. Kinder sollen sich ohne Druck und möglichst selbstbestimmt zum gewünschten Erziehungsziel hinentwickeln. Sie sollen sich durch eigenes Nachdenken zu den Werten bekennen, die die Gesellschaft für entscheidend hält. Man soll die Kinder nicht abrichten, sondern positive Anreize schaffen. Kein Kind lernt Goethes Erlkönig auswendig, weil es bei jedem Hänger einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf bekommt. Die Schwarze Pädagogik gehört ins 19. Jahrhundert, wo Väter aus Liebe ihre Kinder prügeln wie im Weißen Band.

Es wäre nun ein billiger rhetorisch-journalistischer Trick auf der Suche nach Originalität, diesen Konsens zu stören und daran zu erinnern, dass Erziehung natürlich immer etwas mit Zwang und Druck zu tun hat: von der rechten Handhabung von Messer und Gabel bis zum Geigenspiel. Wem als Kind zwei Bücher unter die Achselhöhlen geschoben wurden, damit sie oder er beim Essen die Oberarme eng am Brustkorb führt, der wird auch später bei jedem Candle-Light-Dinner bella figura machen.

Nein, es soll hier nicht die Schwarze Pädagogik rehabilitiert, doch zumindest an einen nicht unwesentlichen Aspekt erinnert werden: Sie, die Schwarze Pädagogik, schafft sehr nachhaltige Erinnerungen. Schreckens- und Angsterfahrungen prägen sich dem kindlichen Gemüt unauslöschlich ein. Und was wäre das Leben ohne die Tiefe der Erinnerung? Noch die schlimmsten Albträume von Erwachsenen handeln von unangekündigten Matheklausuren in der sechsten Klasse, wie der Verfasser aus eigener Erfahrung bezeugen kann.

Lernziel erreicht

Inbegriff der Schwarzen Pädagogik ist Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Der Kinderbuchklassiker gilt als so finster und für Kinderseelen so traumatisierend, dass er aus dem frühschulischen Curriculum verschwunden ist. Und doch gehört der Struwwelpeter zu den Büchern, die man nie vergisst: Zu krass und genüsslich ist die unverhohlene Freude des Verfassers am Ausmalen unverhältnismäßig brutaler Strafen für eher kindlich-unschuldige Vergehen.

Jan Böhmermann hat sich dieses Buch jetzt wieder vorgenommen, und einer der hübschen Effekte ist, dass man die Geschichten und ihre Reime mitsprechen kann, obwohl man das Buch mehr als 40 Jahren nicht mehr in der Hand hatte. Lernziel erreicht, das muss man dem alten Hoffmann lassen.


Jan Böhmermanns Witz lebt ja von seinem Gespür für die nicht offen artikulierten Sehnsüchte und Bauchgefühle unserer Gesellschaft. Und in der Tat: Wenn er und sein Team vom Neo Magazin Royal sich jetzt den Struwwelpeter vorgenommen haben, dann leuchtet es einem sofort ein, dass dieses Buch in Zeiten eines allgemein beklagten Erziehungsnotstands und der Renaissance des Autoritarismus ein gewisses Erlösungsversprechen bergen könnte.

Böhmermann spielt in der Rahmenhandlung den Leiter der öffentlich-rechtlichen Kindertagesstätte Rattennest, der den Eltern die Erziehungsprinzipien seines Instituts verklickern möchte: "Im Rattennest haben die Kinder die Freiheit, zu machen, was sie wollen, wenn sie vorher gelernt haben, was sie nicht dürfen." Das ist die alte Paradoxie: Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit, wie es im Sozialismus hieß. Jetzt aber, für die Kinder "abgehängter Karrieretypen und bildungsferner Vollpfosten", soll es der Struwwelpeter richten.

Die Galerie von gesellschaftlichen Prototypen, die sich im Stuhlkreis der Kindertagesstätte versammelt haben und alle nur das Beste wollen für ihre Kinder, ist fabelhaft getroffen: Von der Helikoptermutter zum Chemtrail-Verschwörungstheoretiker, vom Powercouple bis zum ganzheitlich lactoseintoleranten Yoga-Spiritualisten. Das ganze zeitgenössische Deutschland ist in diesem Stuhlkreis versammelt und gut getroffen. Mit scharfem Sinn fürs Karikaturhafte wird dieses Deutschland verkörpert von Devid Striesow, Annette Frier, Kida Ramadan, Ralf Kabelka, Anna Schudt, Marlene Lufen, Larissa Rieß, Florentin Will und William Cohn.