Die Sandra-Maischberger-Sendung am Mittwochabend war mit dem Titel Die Rechtsextremismusdebatte: Wo endet die Toleranz? überschrieben. Anlass war der skandalöse Auftritt der Staatsanwaltschaft Mühlhausen, die nach einer lebensbedrohlichen Jagd von Neonazis auf zwei Journalisten keinen Grund für Ermittlungen sieht. Bei einem der von den beiden Journalisten identifizierten Täter gestaltet sich die Identifizierung laut Staatsanwaltschaft kompliziert. Die Bild-Zeitung hat entgegen sonstiger Gepflogenheiten noch keine Bilder der Verdächtigen auf Seite eins veröffentlicht, um die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung zu bitten. Lassen wir uns von rechtsextremer Gewalt unsere Werte verraten?

Ooops, in der Woche verrutscht, pardon. Der Titel der Maischberger-Sendung gestern lautete natürlich: Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?. Es ging um die Wahrscheinlichkeiten einer "Islamisierung" Deutschlands, wovon man ja ständig liest und hört – zumindest wenn man pausenlos in dem Roman Unterwerfung von Michel Houellebecq blättert oder sich den Fernsehfilm anschaut, den der Neffe von Hauptdarsteller Edgar Selge daraus für die ARD gemacht hat.

Das ist zwar eine literarische Fiktion, und sie spielt in Frankreich, aber frei nach dem Andy Möller zugeschriebenen Zitat: Fiktion oder Frankreich, Hauptsache Krawall. Darauf sind die wöchentlichen Auftritte von Sandra Maischberger abonniert, die nur deshalb Talkshow genannt werden, weil man damit, liebe Kinder und junge Erwachsene, früher Sendungen bezeichnete, in denen Leute miteinander redeten.

Maischberger ist eigentlich eine Frageshow. "Die Frage ist die" ist der häufigste Satz, der in der Sendung fällt – Ausdruck einer hilflosen Suchbewegung, die geradewegs in die Welt der Schizophrenie führt. Der Einspielfilm, der den Kreuzerlass des bayrischen Ministerpräsidenten in seiner Lächerlichkeit vorführt, rafft sich am Ende in seinem sonoren Provokationstourette zu einer Frage auf, die alles vorher Gesagte größtdümmlich dementiert: "Was ist daran falsch, christliche Traditionen wieder zu stärken?"

Erfahren will die Moderatorin nichts

Wenn als eine von fünf Eingeladenen die Journalistin Bettina Gaus sagt: "Ich finde, es geht einiges durcheinander", beschreibt die Gastgeberin den Zustand ihrer Veranstaltung immerhin treffend: "Wie immer." Da die Frage in der deutschen Grammatik ursprünglich dazu diente, ein "zu erörterndes Thema", eine "zu klärende Sache" zu benennen, muss man feststellen, dass Sandra Maischberger nicht mehr auf dem Regelwerk unserer schönen deutschen Sprache steht.

Maischbergers Fragen sind wie Holzscheite, die jemand in ein Lagerfeuer legt, damit es nicht ausgeht. In der Sendung dienen sie dazu, die Stille zu überbrücken, die zwischen den drei vorbereiteten Einspielfilmen (ab Minute 11, 25 und 47) sonst herrschte. Die Fragescheite sind maximal angespitzt, damit sie schneller Feuer fangen. "Halten Sie diese Angst vor Islamisierung übertrieben oder beschleicht sie das manchmal selber?", gibt Maischberger etwa vor, von der Politikerin Julia Klöckner wissen zu wollen.

Erfahren will die Moderatorin nichts, weil sie eh nur fragt, was sie schon weiß: "Aber deswegen habe ich sie ja gefragt, dass Sie das sagen", erklärt sie sich einmal gegenüber dem Politiker Haluk Yildiz. Wenn zufällig doch ein, sagen wir großzügig, Disput (eigentlich ist es ein Geschrei) zwischen zwei Teilnehmerinnen entsteht, kann man sicher sein, dass Maischberger ihn fix beendet: "Das werden wir nachher vertiefen", sagt sie dann – selbstverständlich ohne nachher etwas zu "vertiefen" oder auch nur darauf zurückzukommen. Bleichgesicht spricht mit gespaltener Zunge, hätte Karl May geschrieben.

"Vertiefen" ist aber sowieso nur eine rhetorische Geste für das Programm von Maischberger. "Verflachen" oder "Anheizen" wären treffendere Begriffe, weil es der Sendung allein darum geht, die Stunde zwischen der Unterwerfung-Ausstrahlung und den Tagesthemen mit erwartbarem Geräusch zu füllen: Die einen sollen für das Sendungsthema sein, die anderen dagegen. So isses im Leben, mal ist's holprig, mal ist's eben.

"Ich hab Theologie studiert"

Mögliche Abweichungen von der redaktionell ausgeheckten Polarisierung stören dementsprechend nur. Also wenn der Spiegel-Autor Jan Fleischhauer in seiner Haltung zum Sendungsthema Übereinstimmungen mit der taz-Autorin Gaus herstellt, aber gleichzeitig, um seine Trademark als rechter Blinker zu pflegen, die CDU-Frau Klöckner mit einem Vorhalt aus dem Wörterbuch der AfD angeht ("Ihre Partei lässt eine Million Leute ins Land").

Oder wenn der um Differenzierung bemühte Muslim Yildiz sich gegen den "Genderwahn" engagiert, als wäre er in der AfD. Und Frau Klöckner darauf hinweist, dass man im Blick auf das Adoptionsrecht von Schwulen und Lesben auf einer Parteilinie läge, was Frau Klöckner in diesem Moment aber schlecht bejahen kann, weil sie als Vertreterin einer sogenannten christlichen Partei ("Ich hab Theologie studiert") ja in Opposition zu Yildiz gecastet ist.

Das Vorbild für die Show von Sandra Maischberger ist Jeopardy! – jenes Quiz aus dem amerikanischen Fernsehen, bei dem die Kandidatinnen eine Antwort präsentiert bekamen, zu der sie die Frage erraten mussten. Die Antworten, die Maischberger mit ihren Fragen abhaken will, stehen auf der Bullshit-Bingo-Karte zum jeweiligen Thema – in diesem Fall also: Schweinefleisch, Weihnachtsfest, Schwimmunterricht, Zwangsehe, Polygamie, Werte, Grundgesetz. Und so weiter. Sie wissen doch auch, was die Stichworte zum Thema sind.

Wie früher die Bahnstrecken im Nachtprogramm

Auffällig ist dabei, dass AfD-Freunde vor der Glotze besonders häufig "Bingo" rufen dürfen, denn von deren Karte leitet Maischberger die meisten ihrer Fragen ab. Die Überleitung "Es gab auch Menschen auf der Straße" meint in echt zum Beispiel ein paar Hundert Pegida-Anhänger, die in der Sendung zu "vielen Deutschen" verallgemeinert werden, und natürlich, ohne dass Maischberger "Pegida" sagte.

Dass die triste Sendung des in seiner Idee einst so stolzen öffentlich-rechtlichen Fernsehens AfD-Positionen auch dann prominent ventiliert, wenn gar kein Politiker der größtenteils rechtsextremen Partei eingeladen ist, erklärt sich durch das Primat des Lautstärkepegels. Wem es um nur Lärm geht, der reagiert auf Lärm logischerweise am besten.

Es ist deshalb durchaus interessant, Maischberger stumm zu gucken. Dann kann man sich den sinnlos-deliranten, aber eben Action suggerierenden Kamerafahrten hingeben wie früher den Bahnstrecken im Nachtprogramm.

Gebrüll auf allen Kanälen

Vor allem aber kann man sich ausmalen, wie die Grafikabteilung der Redaktion die Bildhintergründe für die Show entworfen hat: die vollverschleierte Frau vor großem Schwarz-Rot-Gold. Oder die Köln-Ansicht, in der neben den riesigen Dom eine Moschee montiert ist, die dort gar nicht steht.

Und wie die Diskussion im Rücken der Grafikerin gelaufen sind: "Ist schon ganz schön, aber kannste die Spitzen vom Minarett nicht noch etwas höher ziehen? Das wäre wichtig für das Thema unserer Sendung, dass die Moschee einen Ticken größer ist als der Dom, davon handelt doch diese Vision von dem Houellebecq-Film. Und kannste die Moschee auch noch etwas greller strahlen lassen? Die Leute vor der Knipse gucken doch auf die Runde, die müssen in Sekundenbruchteilen erfassen, was unsere Botschaft ist."

Und wie diese klugen und studierten Menschen sich am nächsten Morgen über die Einschaltquoten freuen und dann wieder eine Woche lang ihr Ohr auf das Gleis der Gegenwart legen, um aus dem Gebrüll auf allen Kanälen das Thema herauszufiltern, was am lautesten danach schreit, in all den Reizworten durchgaloppiert zu werden, die es zu ihm schon gibt ("Scheiße, der Plasberg macht schon 'Flüchtlinge', wir müssen uns einen anderen Dreh überlegen").

"Und eine schlaffe, liberale, westliche Gesellschaft nimmt das einfach hin" (Sandra Maischberger).