Mangelnde Wertschätzung, schlechte Bezahlung und wenig Mitspracherechte am eigenen Stoff: Drehbuchautorinnen und -autoren haben in Deutschland keinen leichten Stand. Das soll sich nun ändern. In ihrem "Kontrakt '18" haben sich fast 100 namhafte Vertreter und Vertreterinnen der Branche verpflichtet, künftig nur noch Verträge zu unterzeichnen, in denen ihnen bestimmte Rechte zugestanden werden: Verantwortung über das Buch bis zur Drehfassung, Mitbestimmung bei der Auswahl der Regie, Teilnahme an der Rohschnittabnahme, namentliche Nennung auf Plakaten oder Werbungen. Wir sprachen mit der Drehbuchautorin Annette Hess darüber.

ZEIT ONLINE: Frau Hess, Sie gehören zu den Mitinitiatorinnen des "Kontrakt '18". Welche Reaktionen erwarten Sie aus der Film- und Fernsehbranche?

Annette Hess: Einige Redakteure und Produzenten könnten fürchten, dass wir bei einem Projekt unkündbar werden, auch wenn wir Unsinn schreiben. Manche Regisseure werden vielleicht ihre Machtposition gefährdet sehen.Es gibt aber auch schon viele Regisseurinnen und Regisseure, Produzenten und Senderverantwortliche, die eine künstlerische Augenhöhe mit uns schätzen. Wir wollen uns nicht zu Alleinherrschern erklären, sondern wünschen uns eine kollegiale Zusammenarbeit. Aber wir möchten künftig verhindern, dass es – wie in der Vergangenheit geschehen – möglich ist, in einem Handstreich über ein Drehbuch zu gehen und zu sagen: "Es wird jetzt ganz anders."

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Erfahrung erzählen?

Hess: Ein Szenario, das fast jede Autorin und jeder Autor schon einmal erlebt hat: Der Regisseur ändert eine Szene im Drehbuch oder einen Dialog und verlangt dann, dass er auch als Autor genannt wird. Und von Sender- oder Produktionsseite wird diese Forderung dann meistens durchgewunken. Ich rede hier natürlich von den schwarzen Schafen der Branche, es gibt auch viele sehr befruchtende Partnerschaften zwischen Regie und Drehbuch. Aber mit dem Kontrakt wollen wir uns versichern, dass solche frustrierenden und auch ungerechten Vorkommnisse gar nicht mehr möglich sind.

ZEIT ONLINE: Die Herrschaft in Film- und TV-Produktionen lag also bisher vor allem bei der Regie?

Hess: Die Regie muss natürlich auch Kompromisse machen und soll hier nicht als Alleinherrscher über die Produktion verstanden werden – aber in der Hierarchie stand sie bisher klar über dem Autor. Und konnte so ab einem gewissen Moment die Geschichte, das Drehbuch, beherrschen und eben auch verändern oder Änderungen verlangen. 

ZEIT ONLINE: Was bedeutete das konkret für die Autoren?

Schreiben mit angezogener Handbremse

Hess: Stellen Sie sich einen Maler vor, der an einem Gemälde arbeitet. Und noch während er malt, weiß er, dass ab dem Punkt, an dem er sein Werk dem Auftraggeber oder anderen Personen zeigt, alle noch einmal einen Pinsel nehmen und mit Rot, Gelb oder Blau reinmalen können, wie es ihnen gefällt. Das ist jetzt drastisch ausgedrückt, aber so versteht man, mit welch angezogener Handbremse so ein Künstler arbeitet. Wenn mir zum Beispiel ein Redakteur sagt: "Frau Hess, was wollen Sie erzählen? Sie haben freie Hand." Dann gebe ich alles! Aber wenn ich höre: "Na, machen'se mal, und dann schauen wir, was draus wird", dann mache ich Dienst nach Vorschrift. Das zwangsläufig mittelmäßige Ergebnis ist dann auf dem Fernsehbildschirm zu sehen.

ZEIT ONLINE: Die oft kritisierten schwachen Drehbücher aus Deutschland sind also Ihrer Ansicht nach vor allem dieser künstlerischen Beschränkung geschuldet?

Hess: Wenn man mit Kollegen aus den USA oder Skandinavien spricht, fragen die: Warum kommen aus eurem großen TV-Land nur so wenig qualitativ hochwertige Produktionen? Aus unserer Sicht liegt das daran, dass den Autorinnen und Autoren hier zu wenig Vertrauen entgegengebracht wird, denn sie sind ja nicht mehr oder weniger begabt als die im Rest der Welt. Es ist einfach qualitätsfördernd, wenn man weiß, dass man die Verantwortung für sein Werk bis zum Ende trägt. 

ZEIT ONLINE: Waren die Autoren bisher einfach auch zu sehr Einzelkämpfer?

Hess: Das bringt unser Beruf natürlich mit sich. Wir arbeiten meist im Verborgenen, es gibt zu wenig Vernetzung unter Kollegen. Das hat sich im letzten halben Jahr positiv verändert. Wir sind dabei, eine Website einzurichten, sowohl für die Öffentlichkeit wie auch als internes Forum für einen Austausch und die gegenseitige Unterstützung der Unterzeichner. Ein wichtiger Punkt in unserem Kontrakt betrifft die Überarbeitung fremder Bücher. Wenn wir Drehbücher von Kollegen zum Rewrite angeboten bekommen, verpflichten wir uns, zuerst einmal mit diesen Kollegen in Kontakt zu treten, abzufragen, wie die Projektentwicklung war. Es geht uns auch um Respekt und Wertschätzung untereinander.

ZEIT ONLINE: 2018 könnte man als Jahr der Drehbuchautorinnen bezeichnen. Angefangen hatte es mit dem Protest ihrer Mitinitiatorin Kristin Derfler gegen die autorenfeindliche Einladungspraxis des Deutschen Fernsehpreises. Nun legen Sie mit dem "Kontrakt '18" nach. Woher kommt dieser Selbstbewusstseinsschub?

Hess: Der Markt hat sich für uns durch die ganzen neuen Anbieter wie Netflix und Amazon erweitert. Wir sind nicht mehr hundertprozentig abhängig von den alteingesessenen Sendern, wir sind freier, wir sind gefragter. Und langsam fangen wir an zu begreifen, wie wertvoll die Geschichten und Inhalte, der sogenannte Content, sind, den wir erschaffen. Wir bilden das Fundament jeder Produktion. Serienautoren werden zum Beispiel zu Recht als die Romanautoren der heutigen Zeit bezeichnet.