"Jesus Christus war der erste Sozialist", sagte Evo Morales, Boliviens sozialistischer Präsident, vor einigen Jahren. Möglicherweise betrachtet der Politiker auch Papst Franziskus als eine Art Genossen. In Wim Wenders’ Dokumentarfilm Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes ist eine Szene auf einem Flughafen zu sehen: Das Staats- und das Kirchenoberhaupt posieren für ein gemeinsames Foto und Morales hebt dabei die linke Faust.

Dass Franziskus zumindest ein besonders politischer Papst ist, dem an einem globalen gesellschaftlichen Wandel gelegen ist – das ist die Stoßrichtung von Wenders' Film. Relativ früh im Film antwortet der Papst auf die Frage eines Kindes, dass wir "in einer Welt leben, in der es so viele Ressourcen gibt, um andere zu ernähren". Und weiter: "Wenn wir unser Essen teilen, werden wir nicht ärmer, sondern reicher." In der aktuellen politischen Debatte hierzulande, in der die Armen der Welt einen schlechteren Stand haben als je zuvor, hätte so ein früher als wenig verfänglich geltender Satz schon politische Sprengkraft.

Die Initiative, einen Dokumentarfilm über den Papst zu drehen, ging von Dario Viganò aus, dem damaligen Direktor des Centro Televisivo Vaticano (CTV), das den Film auch mitproduziert hat. Wenders bekam ungewöhnlich umfangreichen Zugang zum Archiv des Vatikan und viel Zeit mit dem Kirchenoberhaupt selbst zugesichert. Dass Organisationen oder Personen sich aus strategischen Gründen dafür entscheiden, einen Filmemacher oder eine Journalistin privilegiert zu behandeln, ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Prinzipiell kann dabei durchaus ein anregender Film herauskommen.

Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes besteht aus drei Teilen: Wir begegnen dem Papst unterwegs, auf Veranstaltungen, während Besuchen in Gefängnissen und Flüchtlingslagern oder im Flugzeug während einer Fragerunde mit Journalisten. Mal stammt das Material vom CTV, mal hat es Wenders mit seinem Team gedreht. Wenn der Papst auf die Bevölkerung trifft, haben diese Passagen alle ein ähnliches Muster. So hoffnungslos die Lage der jeweiligen Menschen – aus ganz unterschiedlichen, in seltenen Fällen sogar selbst verschuldeten Gründen – ist: Der Papst verzückt sie alle. Auch raubeinige Männer im neapolitanischen Knast skandieren: "Pa-pa Fran-ces-co".

Den Kern des Films machen Wenders' Interviews aus, die er mit dem Papst über mehrere Jahre an verschiedenen Orten im Vatikan geführt hat. Diese Passagen haben allerdings keinen Gesprächsfilmcharakter, weil der Zuschauer Wenders' Fragen nicht hört. Der Papst spricht dabei direkt zum Publikum, was unter anderem den Vorteil haben dürfte, dass diese Bilder auch noch intensiv wirken, wenn sich jemand den Film irgendwann auf einem Smartphone anschaut. Die meisten Menschen, die in Wenders’ Film zu sehen sind, werden jedenfalls nicht die Gelegenheit (oder das Geld) haben, sich den Film im Kino anzusehen.

Als Rahmenhandlung hat Wenders schließlich Szenen aus dem Leben des von der katholischen Kirche als Heiligen verehrten Franz von Assisi nachgestellt, den Wenders als eine Art Vorbild für den aktuellen Papst sieht. Dabei kommt eine Kurbelkamera aus den Zwanzigerjahren zum Einsatz, weshalb manchmal der durchaus reizvolle Eindruck entsteht, es handle sich um Ausschnitte aus einem Schwarzweiß-Stummfilm.

Hartgesottene Politiker zu Tränen gerührt

Wenders hält sich mit Wortmeldungen zwar zurück, optimal gewichtet sind sie aber nicht. Nach Bildern von einer Rede des Papstes vor dem US-Kongress sagt Wenders, Franziskus habe einige "hartgesottene Abgeordnete" zu Tränen gerührt. Das hat der Zuschauer aber gerade selbst gesehen. Die Kongress-Rede hätte eine tiefergehende Einordnung verdient: Der Papst bekommt hier für einige allgemeine Äußerungen viel Beifall. Als er den Verkauf von Waffen an verbrecherische Regimes geißelt, flaut der Applaus aber plötzlich stark ab. Dieser kurzer Ausschnitt deutet darauf hin, dass es um das Standing des Papstes unter Politikern nicht gut bestellt zu sein scheint – jedenfalls dann nicht, wenn es ans Eingemachte geht.

In anderen Fällen wäre es hilfreich gewesen, zusätzliche Informationen einzustreuen: zu den Bildern aus dem Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos etwa, wo die Lage so verheerend ist, dass man Journalisten, anders als dem Papst, keinen Zutritt gewährt. Wie viele Menschen aus überwiegend welchen Ländern leben unter welchen Bedingungen in diesem Lager? Dazu hätte es keines Off-Kommentars bedurft, eine kurze Schrifteinblendung hätte es auch getan.

Wenders vertritt im Film die Ansicht, Franziskus habe die Kirche "mehr als die meisten seiner Vorgänger" vorangebracht. Der Soziologe Marco Marzano, der im Frühjahr das Buch La Chiesa immobile: Francesco e la rivoluzione mancata (Die bewegungslose Kirche: Franziskus und die verhinderte Revolution) veröffentlicht hat, kritisierte dagegen kürzlich gegenüber Spiegel Online, "konkrete Maßnahmen", die "das Leben der Gläubigen verändern", ergreife Papst Franziskus nicht. Er sei "so konservativ wie seine Vorgänger es waren und seine Nachfolger es vermutlich sein werden".

Kritische Stimmen dieser Art fehlen in Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes. Das ist, rein filmisch gedacht, durchaus nachvollziehbar. Hätte Wenders Talking Heads in den Film eingebaut, hätte das den dramaturgischen Fluss beeinträchtigt. Nun kann ein Regisseur natürlich auch Kritik formulieren, ohne Wissenschaftlerinnen und andere Experten zu zitieren. Er kann es jedoch mittels Auswahl und Montage der Bilder tun.

Das macht Wenders allerdings nicht. Gleichwohl gibt es Passagen, die sich kritisch "lesen" lassen – etwa jene Szenen aus einem Krankenhaus in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Es ist das Land mit der weltweit höchsten Kindersterblichkeitsrate – auch dies eine Information, die im Film fehlt, obwohl sie leicht unterzubringen gewesen wäre. In diesem Hospital trifft Franziskus nun auf Kinder, die nicht mehr lange zu leben haben, und sogar ein Junge, der kaum noch mehr ist als ein Gerippe, ringt sich ein Lächeln ab, als der große Mann aus der reichen Welt ihn berührt.

Während einige Mütter dem Papst mit dankenden bis huldvollen Blicke die Hände drücken, guckt eine Frau skeptisch und missmutig drein. Sie scheint sagen zu wollen: Uns sterben die Kinder weg und der alte Mann zieht hier seine Show ab. Kritiker des Films dürften sich mit dieser Frau identifizieren.