Ende April die Endzeit-Prepper im Oderbruch, vor einem Monat Bionazis im Schwarzwald, letzte Woche die Reichsbürger-Kommune außerhalb des Münchner S-Bahn-Rings und nun das Sonnwend-Nazi-Mistgabel-Milieu im Norden – die Landlust des ARD-Sonntagabendkrimis ist derzeit ungebrochen.

Der ARD-Sonntagabendkrimi ist eben auch nur ein Medium der Gegenwart, das, wie andere Medien auch, fasziniert ist vom Rechtsdrall des politischen Klimas im Lande. Weil die Filmproduktion länger braucht als das Verfassen eines feschen Tweets, kommen die AfD- und Reichsbürger-Imaginationen am Sonntagabend mit Verspätung an.

Was dann fast wieder was Komisches hat. Denn als Bezugspunkt einer rechten Parteiführerin gilt im Rostocker Polizeiruf: In Flammen (NDR-Redaktion: Daniela Mussgiller) wie im Tatort: Dunkle Zeit aus Greater Hamburg im Dezember noch immer die von der AfD längst geschasste Frauke Petry. Wobei man das dem bereits im Frühjahr 2017 gedrehten Film schlecht vorwerfen kann – In Flammen hatte eben das ARD-Koordinations-Pech, nach allen anderen ausgestrahlt zu werden.

Silvia Schulte (Katrin Bühring), Rostocker OB-Kandidatin und Führungsfigur der fiktiven PFS im Polizeiruf, ist jedenfalls erkennbar nach Petrys Vorbild geschminkt. Dass der ARD-Sonntagabendkrimi darüber hinaus schwer Schritt halten kann mit der Realität, zeigt sich auch zu Beginn des Films: Das Pathos der Rede, die Schulte hält, bevor sie ermordet wird, ist viel zu gesittet für die ins Rechtsextreme eskalierte Rhetorik der real existierenden, angeblich besorgt-bürgerlichen Partei (Drehbuch: Florian Oeller).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Ob der ARD-Sonntagabendkrimi mit seinen konventionellen Spielfilmhandlungen das richtige Format ist, zur Erhellung rechtsextremer Strukturen in und um die AfD herum beizutragen, ist so eine Frage. Der Polizeiruf bemüht sich immerhin, das strukturelle und historische Hinterland seiner Politikerinnenleiche durchzuackern. Er fährt raus zu dem Reichsvolksbauernhof des Ex-Manns (mit Jürgen-Rieger-Gedächtnis-Goatie: Patrick von Blume), lässt die staatsfeindlichen Trollkommandos des Viralen in Erscheinung treten, die die Ermittlungen für ihre Propaganda nutzen, und findet als Täterin schließlich ein Opfer der in den Neunzigerjahren offen rechtsradikalen Schulte.

Aber durch die Setzung, die politische Szene zur Bühne seiner Investigationen zu machen, normalisiert der Krimi die fiktive PFS in gewisser Weise auch. Denn in diesem Setting greifen die Erzähllogiken, die auch bei anderen toten Politikerinnen dominieren würden – dass kurz der politische Gegner verdächtigt wird, Ränkespiele in den eigenen Reihen zum Mord geführt haben könnten oder private Liebes- und Eifersuchtsgeschichten.

In Flammen insistiert mit der Lösung des Falls (die Täterin ist eine Frau, die bei einem frühen Übergriff Schultes verletzt wurde) auf einer politischen Lesart des Verbrechens. Geschichtspolitisch kann man darin eine Erinnerung an die Anschläge der Neunzigerjahre sehen (die Antonio Amadeu Stiftung schätzt die Zahl der Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung auf fast 200).