Roseanne war gerade wieder auferstanden. Als der zu Disney gehörende Sender ABC im März 2018 die Comedy nach mehr als 20 Jahren wieder ins Programm nahm, wirkte das wie ein gelungener Coup. Die Neuauflage wurde tatsächlich zu einem Hit für ABC. Doch nach wenigen Wochen und einem Tweet der Hauptdarstellerin war es dann auch schon wieder vorbei.

Roseanne Barr hatte die afroamerikanische Politikerin und langjährige Beraterin des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, Valerie Jarrett, rassistisch beleidigt: "Muslimbruderschaft und 'Planet der Affen' bekamen ein Kind: VJ.", schrieb sie auf ihrem offiziellen Twitter-Account. Eine Schauspielerkollegin und die Werbeträger zogen sich zurück und am vergangenen Dienstag stellte der Sender die Serie ein. Die neue Roseanne sollte etwas über die Befindlichkeit der weißen Vorstädter im Zeitalter Trumps aussagen. Auf eine vom Sender sicherlich nicht gewünschte Weise hat sie das nun auch getan.

Ein Witz aus einer der neuen Folgen macht klar, was passiert ist, ja, was vielleicht passieren musste. Roseanne (gespielt von Roseanne Barr) schläft neben ihrem Ehemann Dan (gespielt von John Goodman) vor dem Fernseher ein. Als Dan ihr sagt, sie hätten "die ganzen Sendungen über schwarze und asiatische Familien verpasst" (eine Anspielung auf die beiden ABC Comedyserien Blackish und Fresh off the Boat), erwidert sie: "Sie sind genau wie wir. Siehste, schon bist Du wieder auf dem Laufenden."

Der Witz bringt die Schwierigkeit der Sendung auf den Punkt. Denn einerseits mag man zugeben: Der Gag ist nicht schlecht. Dass gute Absichten häufig einschläfernd zahme Comedy hervorbringen, dass das ewige Zelebrieren multikultureller Meilensteine vielleicht nicht immer großen Erkenntnisgewinn bringt, ist sicher wahr. Und dass Menschen wie die Serien-Roseanne der Multikulturalität im amerikanischen Fernsehen nicht viel abgewinnen können, ist, rein soziologisch, gut beobachtet. Mit Gesten wie diesen schwang sich Roseanne Barr zur Fürsprecherin jener auf, die den schwarzen und asiatischen Familien im Fernsehen nicht mehr als ein Gähnen abgewinnen können. Aber eben auch für jene, die schlicht etwas gegen schwarze und asiatische Familien haben.

Wie viele andere Medienexperimente des letzten Jahres entsprang auch die Neuauflage von Roseanne einer panischen Reaktion auf die angeblich unsichtbaren Trump-Wähler. Dass die Hauptdarstellerin Donald Trump munter auf Twitter feierte, "alternative facts" und Verschwörungstheorien weiterverbreitete, wertete ABC lediglich als Beweis dafür, dass sie zur Zielgruppe gehörte und sie schon deshalb ansprechen würde. Der Sender verfolge eine "Heartland-Strategie," schrieb die New York Times.

In der Neuauflage war Roseanne Trump-Anhängerin

Dabei verließ ABC sich auf die vielen fragwürdige Gleichsetzungen, die generell die Reaktionen der amerikanischen Eliten auf Trumps Wahl charakterisierten: die Vorstellung, dass Arbeiterschicht immer weiße Arbeiterschicht bedeute, dass diese nur im heartland existiere und mit den Trump-Wählern identisch sei. Dass die Conner-Familie in Roseanne in der Vorstadt von Chicago zuhause war, störte dabei nicht. Dass die von ihr aufs Korn genommenen nicht weißen Familien auch nicht luxuriöser lebten als die Conners, ebenso wenig.

Als klar wurde, dass Roseanne in der Neuauflage Trump-Anhängerin sein werde, waren viele alte Fans konsterniert. Die ursprüngliche Serie war eher sozialdemokratisch geprägt (wie Barr damals auch), und so zu tun, als gehe diese Politik (wegen des Verrats der Eliten an den Arbeitern vielleicht) nahtlos über in Trumpismus, hielten viele Fans für problematisch. Denn damit behandelte man Trump eben weiterhin als Volkstribun und negierte, dass seine Politik seit 16 Monaten genau das Gegenteil tut. Andere Kritiker, so zum Beispiel die äußerst Trump-kritische Komödiantin Sarah Silverman, hielten dagegen, dass gerade das Irrlichternde in Roseannes politischer Einstellung das Porträt der amerikanischen Arbeiterklasse plastischer mache.

Für beide Seiten wurde Roseanne zu einem Sprachrohr für Trumpland. 18 Millionen Zuschauer sahen die erste Folge der neuen Staffel – ob wegen oder trotz der politischen Aspekte ist unklar, immerhin haben auch andere nostalgische Revivals (wie zum Beispiel die viel schlechtere Wiedererweckung von Full House) großen Erfolg gehabt.

Da Sendung und Hauptfigur nach Roseanne Barr benannt sind, lag es nahe, deren politische Konversion zum Trumpismus, vollzogen im Leitmedium des Präsidenten, auf Twitter, auch ihrem Alter Ego zuzuschreiben. Damit machte die Serie das Problem dieses Präsidenten zu ihrem Problem: Was bedeutet es, ein Trump-Fan (nicht bloß ein Trump-Wähler) zu sein? Was bedeutet es, Amerika "wieder groß" machen zu wollen? Und Roseanne war eben keine Kunstfigur, sie war und ist tatsächlich begeistert von Trump. Was sollte, was durfte das Sprachrohr sagen? Konnte man genuin empathisch "für" Trump-Wähler sprechen, wenn der Trumpismus gerade in der Verweigerung jeglicher Empathie andersartigen Menschen gegenüber seinen Kern hat? Genau in dieser Frage war Barrs Authentizität ein Problem für Roseanne.

Authentizität im MAGA (Make America-Great-Again)-Zeitalter ist eben eine äußerst komplexe Kategorie. Barr hatte sich auch schon vor Trump-Zeiten Vorschnelles und Unüberlegtes geleistet: So verbreitete sie 2012 die Adresse eines Mannes, der einen unbewaffneten schwarzen Jungen erschossen hatte. Aber seitdem Trump gewisse Modi (weißer) Impulsivität zu nobilitieren half, scheinen die Impulse wie Kompassnadeln immer in die eine Richtung zu weisen. Ob hinter Trumps Aufstieg "nur" weißer Rassismus steckt, wird in den USA nach wie vor kontrovers diskutiert. Aber wenn jemand in Trumps Anhängerschaft als authentisch gilt, ist Rassismus oft nicht weit.