Wenn eine feministisch arbeitende, aus dem Iran stammende Künstlerin einen Film über die bedeutendste Sängerin der arabischen Welt dreht, kann eine Art Verstärkungsenergie entstehen. Oder auch ein Spannungsfeld. Shirin Neshat besuchte ein katholisches Internat in Teheran, wurde als Künstlerin von ihrem Vater gefördert und ging 1979 in die USA. Oum Kulthum wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der ägyptischen Provinz auf, erkämpfte sich gegen die Widerstände ihres Vaters und die Rollenzuschreibungen einer muslimisch geprägten Gesellschaft ihre Karriere. Beide Frauen formten aus traditionellen Inhalten einen eigenen künstlerischen Kosmos.

In ihrer ikonischen, vor mehr als einem 25 Jahren entstandenen schwarz-weißen Fotoserie Women of Allah zeigt Neshat verschleierte muslimische Frauen und stattet sie mit Maschinengewehren als Accessoires aus. Die teils frei liegenden Gesichter, Hände, Füße der Porträtierten sind bedeckt mit kalligrafischen Versen iranischer Lyrikerinnen. Es ist ein so plakatives wie provozierendes Spiel mit Zeichen, Codes, Zuschreibungen. Es geht um das Gefühl der Bedrohung (des Betrachters durch einen vermeintlich aggressiven Islam) und der Ermächtigung (von muslimischen Frauen durch Waffen). Vielleicht ist die Serie auch Ausdruck einer Sehnsucht nach kultureller Selbstversicherung und Verwurzelung der Künstlerin.

Oum Kulthum, die der ägyptische Staatsmann Gamal Abdel Nasser nur halb scherzhaft die vierte Pyramide Ägyptens nannte, imitierte als Kind den Gesang ihres Vaters, eines Koranrezitators. Es gibt nur wenige mediale Ergründungen ihrer melismatischen Technik, die Tonfolgen auf einer einzigen Silbe aufbaut – bis hin zu frei schwebenden Improvisationen, die das Publikum in einen Trancezustand versetzten. Gerne wird die Sängerin mit Etiketten bedacht wie "größter Popstar der arabischen Welt" oder "Callas des Nahen Ostens".

Begreift man Shirin Neshats Werk als eine fortwährende Hinterfragung von Blicken, Klischeekonstruktionen und der Wahrheit dahinter, dann erscheint die künstlerische Strategie ihres Films über die ägyptische Sängerin konsequent: Auf der Suche nach Oum Kulthum ist die Suche nach dem Standpunkt, von dem aus eine persische Künstlerin von einer der einflussreichsten Stimmen der arabischen Welt erzählen kann. Dafür holt Neshat ein Alter Ego vor die Kamera und an ihre Seite: Mitra, eine im Exil lebende iranische Filmemacherin (Neda Rahmanian), mit deren dick von Kajal umrandeten Augen Neshat sich selbst zitiert.

Elegante Tagträume

Die fiktive Regisseurin sucht eine Hauptdarstellerin für einen biografischen Film über Oum Kulthum. Sie findet Ghada (Yasmin Raeis), eine junge Lehrerin, deren Gesang an die 1975 gestorbene Oum Kulthum erinnert. Sobald die Dreharbeiten beginnen, wird jedoch klar, dass Mitra keine Ahnung hat, wie sie sich Oum Kulthum nähern soll: mit einer biografischen Erzählung? Als Rekonstruktion oder Dekonstruktion des Mythos? Mit persönlichen Erinnerungen? Was zu einer interessanten Offenheit führen könnte, entwickelt sich zu einer ausdrücklich formulierten und dadurch recht redundanten Ratlosigkeit. Ähnlich unentschlossen ist auch Shirin Neshats Regiestil. Aus historischen Aufnahmen, fantasmagorischen Sequenzen und Szenen der Film-im-Film-Dreharbeiten konstruiert sie einen Erzählraum, in dem alles Mögliche Platz findet, aber keine Haltung zu ihrem Sujet. Und letztlich auch keine Neugierde darauf. Gleich zu Beginn begegnet der Regisseurin im Film der Geist der Sängerin. Würdevoll schreitet die Erscheinung mit Sonnenbrille durch ein Treppenhaus der Dreißigerjahre. Doch was will sie uns oder Mitra sagen? Elegante Kamerafahrten führen durch Räume, in denen sich gleich mehrere Oum Kulthums in farbenfrohen Seidenkleidern aufhalten. Der Mensch hat viele Gesichter.

Einmal deutet eine von sentimentaler Musik unterlegte dörfliche Szenerie an, dass die Sängerin in ihren Anfangsjahren nur in Jungenkleidern auftreten durfte, um kein öffentliches Ärgernis zu erregen. Nur wenige solcher Splitter aus Oum Kulthums Biografie ragen in den Tagtraum dieses Films. Man möchte sie aufnehmen, betrachten, weiter befragen. Gern hätte man erfahren, wie sich Kulthums Status einer ägyptischen Nationalheiligen und arabischen Überfigur mit der Tatsache verband, dass sie alleinstehend war und als lesbisch galt. Gab es einen Widerspruch zwischen ihrer Freundschaft mit führenden religiösen Sängern und ihrer finanziellen Unterstützung des säkular geprägten ägyptischen Militärs? Und wie hat sich ihr Gesang im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Unfreiwillig interessant ist Auf der Suche nach Oum Kulthum als Dokument einer Regieflucht, die jedoch nicht in eine essayistische Annährung mündet. Und als eine Selbstbefragung der Regisseurin Shirin Neshat durch ihr alter Ego auf der Leinwand. In papierknisternden Dialogen erzählt der Film von Mitras Unsicherheit am Set, von ihrem Leiden am Machismo eines männlichen Crewmitglieds ("Er ist ein chauvinistischer Sexist, sein Problem ist, dass ich eine Frau bin!"), von ihren Selbstzweifeln als Mutter eines halbwüchsigen Sohnes, der gerade von zu Hause ausgerissen ist ("Ich bin nur eine herzlose Frau, die Karriere will"). Irgendwann fragt man sich, weshalb Neshats Heldin überhaupt einen Film über die Frau dreht, von deren Persona sie sich so überfordert zeigt, dass sie auf einer Party pittoresk in Ohnmacht fällt.

Letztlich ist Neshats Fixierung auf ihr filmisches alter Ego nichts anderes als ein opulent bebilderter Umweg zum eigenen Ego. Die Überbeschäftigung mit Selbstzweifeln kann auch zu einer avancierten Form der Eitelkeit führen.

"Auf der Suche nach Oum Kulthum" läuft ab 7. Juni im Kino.