Hissa Hilal sorgte 2010 für große Aufregung, als sie im Finale der größten Castingshow der arabischen Welt mutig die Stimme erhob gegen religiösen Fanatismus und für die Rechte der Frauen in Saudi-Arabien. Für den Dokumentarfilm "The Poetess", der jetzt in den Kinos läuft, begaben sich die deutschen Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff nach Saudi-Arabien, um Hissa Hilals Geschichte zu erzählen. Der Werdegang ihrer Familie steht stellvertretend für den Übergang der saudischen Bevölkerung von einer Beduinenkultur zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die von der Rasanz der eigenen Modernisierung wie traumatisiert erscheint. Wir sprachen mit der Regisseurin.

ZEIT ONLINE: Frau Brockhaus, wie wurden Sie auf Ihre Protagonistin Hissa Hilal aufmerksam?

Stefanie Brockhaus: Ich saß 2010 im Flugzeug, las die New York Times und sah das Foto einer vollverschleierten Frau. Es war Hissa Hilal. Im Artikel stand, dass sie sich kritisch über die politische Situation und den religiösen Extremismus in Saudi Arabien geäußert hätte. Verschleierung gilt im Westen als Akt der Unterwerfung, aber diese Frau begehrte auf. Wie passte das zusammen?

ZEIT ONLINE: Hissa Hilal nahm zu dieser Zeit am Wettbewerb Poet der Millionen in Abu Dhabi teil, der auch als eine Art Supertalent-Show der arabischen Welt bezeichnet wird.

Brockhaus: In der Sendung treten Menschen auf, die selbst geschriebene Gedichte im Stile der Nabati, der sogenannten Beduinenpoesie, vortragen. Hissa war die erste Frau, die es ins Finale geschafft hatte. Und das mit Gedichten, in denen sie sich für die Rechte von Frauen einsetzte. Das glich einer kleinen Revolution, das Programm wird von einem Millionenpublikum in der gesamten arabischen Welt gesehen.

ZEIT ONLINE: Wovon handeln diese Gedichte in der Regel?

Brockhaus: Von der Natur, der Liebe, von traditionellen Ritualen oder Heldengeschichten, aber äußerst selten ist mal etwas Gesellschaftskritisches dabei. Hissa setzte sich für Meinungsfreiheit ein, kritisierte Männer, die ihre Frauen verstoßen, vor allem aber thematisierte sie eine damals aktuelle Fatwa, die ein prominenter religiöser Führer ausgesprochen hatte. Er forderte darin, dass Männern der öffentliche Kontakt mit Frauen, die nicht der eigenen Familie angehören, unter der Androhung der Todesstrafe verboten werden sollte. Hissa erwähnte seinen Namen nicht, aber jeder wusste, wer gemeint war.

Andreas Wolff, Stefanie Brockhaus und Hissa Hilal während des Filmfestivals von Locarno © Tobias Tempel

ZEIT ONLINE: Durch dieses Gedicht wurde die internationale Presse auf Hissa Hilal aufmerksam, aber es gab auch Todesdrohungen islamistischer Fundamentalisten. Wie begegnete sie Ihnen, als Sie mit ihrem Kollegen Andreas Wolff in Abu Dhabi ankamen, um einen Dokumentarfilm über sie zu drehen?

Brockhaus: Sie schien sehr offen und interessiert zu sein, allerdings bewegte sie sich in Abu Dhabi wie in einer Blase. Die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zog, war enorm. Sie verstand nicht gleich, dass wir kein klassisches Interview mit ihr führen, sondern sie über einen längeren Zeitraum mit der Kamera begleiten wollten. 

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film ist Hissa Hilal durchweg verschleiert. Wie nennt man ihr Gewand?

Brockhaus: Hissa trägt einen Nikab, bei dem in der Mitte des Augenschlitzes noch ein Steg befindet, dazu ein Überkleid, die Abaja. Das ist die traditionelle Kleidung der Beduinenfrauen.

ZEIT ONLINE: Welche Funktion hatte der Nikab traditionell bei den Beduinen?

Brockhaus: Er bot Schutz vor Wind, Sonne, Sand. Außerdem sollte er junge Frauen vor den Blicken fremder Männer schützen. Aber nicht aus Prüderie. Junge Frauen wurden früher oftmals von anderen Clans gekidnappt. So wollte man dem vorbeugen. Allerdings konnten Frauen diese Kluft jederzeit ablegen. Es war eine Art Funktionskleidung. Die Fundamentalisten haben die Bedeutung des Nikab völlig verändert, heute will man damit Frauen kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Würden sie sagen, dass die Frauen bei den Beduinen relativ selbstständig waren und ähnliche Rechte hatten wie die Männer?

Brockhaus: Mein Eindruck ist, dass das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgeglichener war. Zudem war das Leben in der Wüste freier als in der Stadt. Es gab keinen Extremismus, keine politische Kontrolle, keine offiziellen Gesetze.

ZEIT ONLINE: Die Söhne von Hissas Großvater wollten das Beduinenleben nicht fortführen, sie zogen in die Stadt. Ihr Film beschreibt den Prozess der Verstädterung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als kollektiven Modernisierungsschub. In nur einer Generation geht es aus der Wüste in den Wolkenkratzer. Mit traumatischen Folgen?

Brockhaus: Die saudi-arabische Gesellschaft scheint tatsächlich auf eine für Außenstehende schwer zu beschreibende Art und Weise verwirrt zu sein. Viele haben mit der Bewegung von der Wüste in die Stadt ihre Aufgabe, ihre Funktion verloren. Das Leben spielt sich komplett in Innenräumen oder im Auto ab, kaum einmal sieht man Menschen im Park spazieren gehen. Und das in einer Gesellschaft, die vor Kurzem noch ohne feste Behausung in der Wüste lebte. Gleichzeitig sind die Menschen permanent von einem Luxus umgeben, der ihnen das Leben erleichtern soll. Diese Erstarrung scheint viele wahnsinnig zu deprimieren – vor allem die Männer. Sie haben einfach nichts mehr zu tun, betäuben sich mit ihrer Religiosität. Gebetet wird fünfmal am Tag. Währenddessen steht alles still, die Menschen sind wie in Trance. Vielleicht ist die Gesellschaft dadurch mit der Zeit immer extremer geworden.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für das Zusammenleben der Geschlechter?

Brockhaus: Männer und Frauen wurden regelrecht voneinander getrennt, das Zusammenleben immer weiter reguliert. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist teils geradezu hysterisch. Viele haben Angst, irgendeine unausgesprochene Grenze zu übertreten. Selbst innerhalb der Familie treten noch immer viele Frauen verschleiert auf. Es ist gut möglich, dass ein Schwager seine Schwägerin noch nie zu Gesicht bekommen hat.

ZEIT ONLINE: Saudi-Arabien ist eines der reichten Länder der Welt, dabei gibt es keine gewählten Volksvertreter und so gut wie keine unabhängigen, zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wo liegen die Machtzentren in dieser Gesellschaft?

Brockhaus: Beim König und der Saud-Familie, die fast alle wichtigen Ministerämter besetzt. Zum anderen bei den Imamen. Von diesen beiden Polen ausgehend wird das Land gesteuert. Die Rechtsordnung folgt der Scharia. Es gibt zwar Richter und Anwählte, aber kein Justizwesen, wie wir es kennen.