Bürgerkrieg in Frankreich: Edgar Selge als François in einer zerstörten Tankstelle © rbb/NFP/Stephanie Kulbach

Unterwerfung wird nicht als zynischer Scherz eines lächerlichen Mannes rezipiert, sondern zu politischer Prophetie umgedeutet. Im Roman steht die Wahl im Frankreich des Jahres 2022 zwischen der Kandidatin des Front National und dem "gemäßigten Moslem", wobei "gemäßigt" im vorurteilsbeladenen, realitätsentrückten Diskurs der Gegenwart sowieso nur als Schafspelz eines IS-Strategen verstanden wird. 

Der Roman, wir erwähnten es bereits, geht für den Protagonisten besser aus, als er sich sein Leben zu träumen gewagt hatte, aber Sandra Maischberger diskutiert in ihrer anschließenden Talkshow nach dem Film eben nicht, wie drohende Erektionsprobleme alternden Männern das Hirn vernebeln, sondern stellt die Frage: "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?"

Ganz unschuldig ist Houellebecq an dieser Lesart freilich nicht, kokettiert sein Roman doch mit rechten Topoi: mit einem defätistischen Weltekel und einer darwinistischen Sexualmoral, einer plumpen Medienverdammung und einem von Bürgerkriegssehnsucht und Untergangsbegeisterung getriebenen Geschichtsbild. Unterwerfung ist durchaus ein Roman, der rechten Herbeiwünschern einer Chaotisierung der demokratischen Verhältnisse gut reinläuft – was von der auf Prominenz abonnierten Literatur-, Theater- und Fernsehkritik aber zumeist als "Provokation" und "Satire" entschuldigt wird, ohne dass erklärt wird, worin "Provokation" und "Satire" nun bestünden.

Orientalische Weisen contra Chansons

Es ist jedenfalls beunruhigend, wenn Martina Zöllner, die für den Film Unterwerfung zuständige RBB-Redakteurin, in ihrem "Vorwort" von "Rechten, Muslimen und der Identitären Bewegung" als Parteien im Houellebecq'schen Bürgerkriegsszenario schreibt. Denn was sollten die Identitären sein, wenn nicht rechts? Dass Leute in solchen Positionen Filme verantworten, vor denen sie selbst stehen wie der naivst anzunehmende Zuschauer, erscheint als das Gegenteil von Kompetenz.

Zumal der Film ohne den ganzen Horrorschmus vom unmittelbar bevorstehenden Sieg des Islamismus in unserem schönen Abendland eine biedere Inszenierung im Sinne von Rosamunde-Pilcher-Adaptionen ist: Deutsche Schauspieler unterhalten sich an pittoresken französischen Drehorten auf deutsch, dazu ertönen entweder, wenn es bedrohlich werden soll, orientalisierende Weisen, oder, wenn es ums Lebensgefühle der "Seine-Metropole" geht, schmissige Chansons.

Vollends perfide wird Unterwerfung aber, wo der Film mit seiner hohlen Theater-im-Film-Verkopplung die Setzungen des Romans noch verstärkt. Wenn Selge als Edgar Selge zu Beginn ins Schauspielhaus läuft, wird er von drei "südländischen" Männern "angetanzt", die ihn bei der Gelegenheit bestehlen. Dass es dieselben Schauspieler sind, die in der Verfilmung später als Agenten der neuen Ordnung François vorm Hörsaal bedrohen, soll dann vermutlich zeigen, wie nah uns das Houellebecq'sche 2022 schon heute ist.

G20-Protest und Islamismus – alles eins

Außerdem sind die Theaterszenen offenbar zur Zeit des G20-Gipfels gedreht worden, woraus sich der Film gleich noch ein wenig Abschreckung zimmert. Die Bilder von Demonstrationen, Krawallen und Polizeieinsätzen dienen nämlich nicht nur, wie man anfangs denken könnte, zur Illustration eines Bürgerkriegsdingsbums in der Gegenwart – die realen Proteste in Hamburg werden mit den fiktiven Ausschreitungen im Buch vermischt. Wenn Karin Beier als Karin Beier über ihr ausverkauftes Haus frohlockt: "Hamburg lässt sich eben nicht unterkriegen", bekommt das einen üblen Beigeschmack, weil der Film auf diese Weise G20-Proteste und Islamismus in ein Boot setzt.

Es ist ein Elend. Aber immerhin kann man an dem Unterwerfung-Projekt studieren, was die größte Angst eines politisch sich selbst verkennenden Kulturbürgertums ist: die vor dem Abstieg. Und gegen den Statusverlust ist man am besten gewappnet, wenn man sich beflissen mit Erfolg und Prominenz anderer assoziiert. Wenn man Bestseller mit eigentlich als integer geltenden Darstellern auf die Bühne bringt und verfilmt.

Oder wenn, das ist die triste Pointe dieses traurigen Films, der "großartige Edgar Selge" (Martina Zöllner), dem Karin Beier ankündigt, der berühmte Michel Houellebecq besuche möglicherweise eine Vorstellung, am Ende eine Figur unter den "Antänzern" erblickt, die wie der Schriftsteller aussieht. Aber auch nur von, haha, Selge gespielt wird. Aus solchen kleinmütigen Träumen baut sich Unterwerfung das Luftschloss seiner Eitelkeit.

"Unterwerfung" läuft am Mittwoch, 6. Juni, um 20.15 Uhr im Ersten und ist anschließend in der Mediathek abrufbar. Sandra Maischberger bezieht sich in ihrer anschließenden Talkshow mit dem Titel: "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?" auf den Film.