Die WM in Russland stellt die Fußballkommentatoren vor eine besondere Herausforderung. Das Gastgeberland ist politisch nicht unproblematisch – was dazu verführt, politische Diskussionen mit der Sportreportage zu verknüpfen. Russland ist aus deutscher Wahrnehmung verbunden mit dem prekären Dreisatz "Doping, Menschenrechte, Hooligans", wie es in der ARD-Moderation vor dem ersten Spiel der Heimmannschaft hieß.

Das sind medial attraktive Stichworte. Durch Doping kann das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigen, dass auch kritisch über Sport berichtet wird (Hajo Seppelt), während die Hooligans als Gewaltfaszinosum eine spezifische Newshaftigkeit besitzen. Das Fernsehen lügt sich also in die Tasche, wenn es so tut, als könne es rein äußerlich darüber reden und von der eigenen Verwickeltheit absehen. Man berichtet schließlich von dieser WM und wird es auch in vier Jahren aus Katar wieder tun – einem in vielerlei Hinsicht prekären Austragungsort.

"Schlag ins Gesicht des Fußballs"

Wenn der ARD-Kommentator Tom Bartels also sagt: "Wenn auf der Ehrentribüne die Strippenzieher des Dopingprogramms sitzen dürfen, dann ist das ein Schlag ins Gesicht des Fußballs", ist das ein Blickwinkel, der vor allem auf Russland gerichtet zu sein scheint. Die Verquickungen von Funktionären, Sportärzten und Nationalmannschaft in der (west)deutschen Dopinggeschichte sind seit jeher marginal behandelt worden. Und eine Ex-Lichtgestalt der selbstbesoffenen Sommermärchen-Euphorie wie Franz Beckenbauer wäre erst mit heutigem Wissen als Strippenzieher innerhalb der Fifa-Mauscheleien attributierbar gewesen.

Die Übersetzung der großen Weltpolitik in die Realität eines Fußballspiels ist jedenfalls nichts, wozu man Reportern raten würde. Versuchen sie es trotzdem, kommen Überleitungen des Grauens heraus, in denen nichts mehr stimmt. Das tollste Beispiel ist die Szene, in der Putin nach einem Tor Russlands im Eröffnungsspiel über den Fifa-Chef Infantino hinweg dem saudischen Vizepremier Mohammed bin Salman entschuldigend lächelnd die Hand reicht. Bartels bringt diese Geste ("Man will fair miteinander umgehen") mit einem russischen Foul in Verbindung, das der Schnitt danach zeigt ("wär' schön, wenn Russland damit anfängt").

Dabei hat das Foul naturgemäß nichts mit den drei Repräsentanten zu. Im Gegenteil: Der Witz an den Bildern von der Tribüne ist ja, dass Putin, Infantino und bin Salman dem Fußballkommentator Bartels gerade in diesem Moment so nah sind wie eigentlich nie: Die drei genießen die gleiche kindliche Freude am Spiel, der der Reporter seinen Arbeitsplatz verdient. Dass der aktuelle Chef eines derart dubiosen Vereins wie der Fifa ausgerechnet Infantino heißt, ist die treffendste Ironie im ganzen Komplex.

Der Fußball als publikumsträchtigstes, ideales Fernsehprogramm unterliegt einer grundsätzlich zweigeteilten Wahrnehmung. Das Drumherum, die Strukturen sind korrupt, aber das Produkt, das Spiel selbst, ist davon unbefleckt und versetzt noch die kritischsten Geister in selige Begeisterung.

Superstars sind super

Mohammed bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien (l.), Fifa-Präsident Gianni Infantino (M.) und Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) während des Eröffnungsspiels der Fußball-WM © Alexei Nikolsky/Pool Sputnik Kremlin via AP/dpa

Aber auch die zu transportieren, fällt den Reportern nicht leicht. Claudia Neumann, auch bei diesem Fußballgroßereignis wieder die einzige Kommentatorin, ist im Gelärm der sozialen Medien ähnlichem Hass ausgesetzt wie die Spieler der deutschen Mannschaft, die – wie vor ihnen Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge oder Oliver Kahn – die Hymne nicht mitsingen.

Dabei unterscheidet sich Neumanns Kommentar nicht von dem, was gerade im ZDF geläufig ist. Das Niveau der aktuellen Fußballreportage dort könnte man die Oliver-Schmidt-Schule nennen: ein von Angst vor dem Fehler und mangelndem Vertrauen in die eigene Beobachtungsgabe getriebener Sicherheitssprech, der die Ereignishaftigkeit des Spiels durch lauter Vorgeschichten aus der Vergangenheit verpasst.

Jede Situation wird verallgemeinert

"Immer wieder", "auch" und "setzt sich fort" sind die verbalen Zeichen dieser Form der Reportage, die in jedem Spiel nur das sehen will, was sie sich vorher als Erwartung zurechtgelegt hat. Superstars sind super, und jede auffällige Aktion wird umgehend in ein Set von Merkmalen verallgemeinert (späte Tore, Gefahr nach Standardsituationen – als ob das nicht Charakteristika wären, die den Fußball im Vergleich zu Spielen wie Basketball oder Tennis immer auszeichnen).

Wenn das ZDF dem atavistischen Genöle über die Frau am Mikrofon etwas entgegensetzen wollte (Wie absurd ist es eigentlich, wenn im ARD-Studio im Jahr 2018 fünf sich ähnliche Männer mittleren Alters stehen?), müsste es Neumann eine oder zwei Kolleginnen zur Seite stellen. Dann würden sich Diskussionen über Frauen und Fußball von alleine ausdifferenzieren.

Wenn Palina Rojinski sich für Fußball interessieren sollte, wäre sie eine mögliche Kandidatin. Sie verbrachte die Eröffnungsfeier, bei der es selbstredend nicht um Fußballexpertise ging, an der Seite von Tom "Wir haben auch eine Menge schwerer Themen behandelt" Bartels. Und kommentierte das Ereignis auf eine so unmittelbar eigensinnige ("Robbie Williams sieht aber viel besser aus, als ich erwartet hätte") und ironische Art (über das Maskottchen Zabivaka mit Blick auf das 2006er-Ungetüm Goleo: "Und er hat auch eine Hose an"), die man bei den aktuellen Stadionreportern vergeblich sucht.