Nirgendwo auf der Welt wird die Liebe auf den ersten Blick derart zelebriert, kultiviert und verklärt wie im Kino. Umso schöner, wenn ein kluger Regisseur wie Hans Weingartner in seinem bekennenden Liebesfilm 303 genau auf dieses Klischee verzichtet. Liebe auf den ersten Blick gibt es hier nicht, höchstens auf den hundertsten oder tausendsten. Dazwischen liegen unendlich viele Worte, denn Liebe – das macht dieser Film in 143 redegewandten Minuten klar – ist in allererster Linie Kommunikation. Nicht umsonst nennt Weingartner als wichtigsten Quell cineastischer Inspiration Richard Linklaters Before Sunrise – so was wie die Mutter aller Redeliebesfilme. Allerdings ist es hier kein Spaziergang durch das nächtliche Wien, auf dem ein Mann und eine Frau über Gott und die Welt und die Liebe sprechen, sondern eine 6.000 Kilometer lange Reise von Berlin nach Portugal in einem Mercedes-Hymer-303-Wohnmobil.

Das Gefährt sieht aus wie ein riesiger Schuhkarton auf Rädern und darin ist von der Kochnische bis zu den Schlafkojen alles, was man so zum bescheidenen Leben braucht. Wie ein Raumschiff aus einer vergangenen Zeit sieht der sieben Tonnen schwere Wagen aus im heutigen Straßenverkehr mit all seinen aerodynamischen, gesichtslosen Autos.

Als Jan von seiner Mitfahrgelegenheit versetzt wird und Jule den unfreiwilligen Tramper an einer Raststätte mitnimmt, haben beide eigentlich andere Sorgen. Jule hat gerade erfahren, dass sie schwanger ist. Die Mutter drängt auf Abtreibung, aber Jule will die Angelegenheit mit ihrem Freund Alex, der gerade in Portugal seine Doktorarbeit voranbringt, persönlich besprechen. Jan ist auf dem Weg ins Baskenland, um seinen biologischen Vater kennenzulernen, mit dem seine Mutter eine kurze außereheliche Urlaubsaffäre hatte.

Interessiert, aber alles andere als entspannt beginnt die Kennenlernkonversation und eskaliert nach einigen Kilometern, als das Gespräch auf das Thema Suizid zudriftet. Selbsttötung sei eine zutiefst egoistische Tat, findet Jan, und Jule, deren Bruder sich das Leben genommen hat, wirft den Mitfahrer an der nächsten Tankstelle raus. Natürlich treffen die beiden sich wieder. Ist ja kein Kurzfilm. Und sie reisen gemeinsam im gemächlichen Tempo durch Belgien und Frankreich gen Süden.

Sich mit Unbekannten über eine lange Strecke hinweg im Auto zu unterhalten – das kann eine besonders interessante Angelegenheit sein. Das Moment der physischen Bewegung bringt zumeist auch eine geistige Mobilität mit sich und die Unterhaltung mit einem fremden Menschen ein oftmals überraschendes Maß an Offenheit. Schließlich wird man den anderen wahrscheinlich nie wieder sehen und hat nichts zu verlieren. So reden sich der Politikstudent Jan und Jule aus dem Fachbereich Biologie um Kopf und Kragen über Politik, das Wesen des Menschen, Neandertaler und Cro-Magnon-Menschen, Kooperation und Konkurrenz, die Vorteile der Treibjagd, die Chemie der Liebe, die Zukunft der Welt, über Eltern und Kindsein, über Utopien und Pragmatismus – solche Sachen halt. Klingt langweilig, strukturlos, zu wenig am Plot orientiert? Nicht die Bohne!

Natürlich muss man sich ein klein bisschen auf den verbalen Reise-Flow des Filmes einlassen. Aber wie Weingartner (Die fetten Jahre sind vorbei) hier Philosophie, Naturwissenschaft, Kapitalismuskritik und jede Menge steiler Thesen über die Conditio Humana und die Geschlechterdifferenz mit scheinbar leichter Hand in Dialoge packt – das soll ihm erst einmal einer nachmachen. Mit Spannung folgt man den zunehmend belebten Gesprächen und wilden Assoziationen der beiden, weil sich hier in den Rededuellen die Freiheit nicht vorformatierten Denkens widerspiegelt, an der man im Kino viel zu selten schnuppern darf.

Hinzu kommt natürlich auch die amouröse Spannkraft, die sich zwischen den beiden so wunderbar langsam aufbaut. Mala Emde und Anton Spieker gelingt das Kunststück, die Dialoge, an denen Weingartner über Jahre hinweg gefeilt hat, so rauszuhauen, als seien sie ihnen gerade erst eingefallen. Im deutschen Kino sind Roadmovies eigentlich ja immer nur eine Behauptung. Sie lassen sich selten auf den Fluss des Genres und die vorbeifliegenden Landschaften ein, sondern sind meist nur ein Vorwand, um möglichst viele föderale Fördertöpfe anzapfen zu können. Hier setzt 303 neue Maßstäbe, weil Weingartner versteht, dass Reisen eine Daseinsform ist, die Herz und Bewusstsein öffnet.

"303" läuft ab Donnerstag, 19. Juli, in den deutschen Kinos.