Man darf Artur Brauner ruhig eine Filmproduzentenlegende nennen. Er steht hinter unzähligen Klassikern der deutschen Nachkriegsgeschichte, die Liste ist so lang wie sein Leben: die Edgar-Wallace-Filme "Der Henker von London" und "Das Phantom von Soho", Karl Mays "Old Shatterhand" und "Der Schut", Monumentalwerke wie "Die Nibelungen" oder "Kampf um Rom" und auch Verarbeitungen des Genozids wie in "Mensch und Bestie" oder "Babij Jar". Brauner selbst verlor im Nationalsozialismus 49 seiner jüdischen Verwandten, seine Eltern wanderten nach Israel aus. Am 1. August wird er nun 100 Jahre alt. Wir trafen ihn in seiner Villa im Berliner Grunewald, er war bestens aufgelegt.

ZEIT ONLINE: Herr Brauner, was macht einen guten Produzenten aus?

Brauner: Dass er länger existiert als alle anderen. Wir feiern in diesem Jahr den 72. Geburtstag von CCC-Film. Es ist die einzige deutsche Filmproduktionsfirma, die nach dem Krieg überlebt hat. Welchen Risiken man in einer solchen Position ausgesetzt ist, ist bestimmt nicht jedem bewusst. Zum Beispiel durch Filme, die plötzlich keinen Erfolg mehr beim Publikum haben; durch Verleiher, die pleite gegangen sind; oder durch Außenvertriebe, wie bei Hitlerjunge Salomon, die uns das ganze Geld wegnahmen. Wenn du nicht aufpasst, bist du in diesem Geschäft ganz schnell unten. Ich habe Gott sei Dank nie die Rechte total verkauft, sondern immer nur Lizenzen vergeben für einen gewissen Zeitraum.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie Produzent geworden und nicht Regisseur?

Brauner: Ein Regisseur inszeniert einen Film nach dem Drehbuch, das er bekommt. Er ist nicht ganz frei. Als Produzent kann ich hingegen jeden Film auswählen. Das ist der Unterschied. Ich war mein ganzes Leben unabhängig und habe nur das realisiert, was mir gefällt.

ZEIT ONLINE: Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Auswahl von Regisseuren vor?

Brauner: Ich verlasse mich auf meinen Geschmack und sehe, welcher Regisseur für welches Genre am besten geeignet ist. Robert Siodmak hat mit mir neun Filme gemacht, das hat er bei keinem anderen Produzenten geschafft. Mit Paul Martin sind es gar 22 geworden. Es gab aber auch Regisseure, mit denen wir nur einen Film drehten.

ZEIT ONLINE: Können Sie auch Namen nennen?

Brauner: Ja, die Zusammenarbeit mit dem Amerikaner Jeff Kanew bei Babij Jar war schrecklich. Er denkt, er ist klüger als alle Europäer zusammen, dabei ist er nur ein professioneller, einfacher Handwerker.

ZEIT ONLINE: Dieser Film, 2003 erschienen, über das Massaker der Wehrmacht an ukrainischen Juden in der Nähe von Kiew war Ihnen sehr wichtig. Und dennoch machten Sie ihn mit einem Regisseur, der bekannt geworden war mit mehr oder weniger geistreichen US-Komödien. Wie kamen Sie auf ihn?

Brauner: Kanew ist mir von Kirk Douglas empfohlen worden, der eine der Hauptrollen in Babij Jar spielen sollte, auf ärztlichen Rat hin aber absagen musste. Schließlich drehten wir acht Wochen in Weißrussland. Aber als noch ernsthaft über seine Mitwirkung diskutiert wurde, wünschte Douglas Jeff Kanew als Regisseur. Mit ihm und Burt Lancaster als Partner hatte Douglas zuvor die Gaunerkomödie Archie und Harry gemacht. Den Film habe ich mir angeschaut, und der war nicht schlecht. Wer konnte denn ahnen, dass Kanew nur unter bestimmten Bedingungen in Los Angeles fähig war, einen halbwegs interessanten Film zu inszenieren?

ZEIT ONLINE: Lassen Sie einem Regisseur freie Hand, oder nehmen Sie starken Einfluss auf das Endprodukt?

Brauner: Während des Drehs gebe ich dem Regisseur vollkommene Freiheit. Beim Drehbuch und dem finalen Schnitt habe ich allerdings großen Einfluss. Der letzte Zug von Joseph Vilsmaier war mir acht Minuten zu lang, doch um jeden weiteren Konflikt zu vermeiden, habe ich sie schließlich drin gelassen.