Achtung: Text enthält inhaltliche Beschreibungen der ersten Staffel.

Der Report der Magd kam zum richtigen Moment. Die Serienfassung von Margaret Atwoods gleichnamigem Roman erschien im April 2017, in den ersten Monaten von Donald Trumps Präsidentschaft und legte den Finger in die Wunden der Zeit. Ein faschistisches Amerika, in dem Frauen zu Gebärmaschinen degradiert werden, löste bei vielen Menschen sehr reale Ängste aus: vor Männern mit Macht, die über Frauenkörper bestimmen. Und das war noch, bevor der Fall Weinstein publik und über sexuelle Belästigung in Hollywood debattiert wurde.

Bruce Millers Adaption für das Videoportal Hulu war die erste Streamingserie, die einen Emmy als bestes Drama gewann. Die zweite Staffel, die in Deutschland auf dem Telekom-Streamingportal EntertainTV erscheint, ist gleich in 20 Kategorien für den US-amerikanischen Fernsehpreis nominiert.

Am Ende der ersten Staffel wird die schwangere Magd June (Elisabeth Moss) von bewaffneten Männern in einem schwarzen Kleintransporter abtransportiert. "In die Dunkelheit hinein oder das Licht", schrieb Margaret Atwood. An dieser Stelle endete der dystopische Roman der Kanadierin, die als Beraterin an beiden Staffeln maßgeblich beteiligt war. Atwood ließ in ihrem Buch absichtlich die Frage offen, ob June gerettet oder verhaftet wird. Im Epilog, der in der Zukunft Hunderte von Jahren später spielt, erfährt der Leser, dass die totalitäre Regierung Gilead irgendwann fiel, aber es wird nicht gesagt, wie und wann und was das für die Romanfiguren bedeutet.

In der ersten Szene der zweiten Staffel bekommen wir die Antwort: June sitzt immer noch im Dunkeln. Da öffnet sich eine kleine Luke zwischen ihr und dem Fahrer und die Ladefläche wird mit Licht überflutet. Dann knallt jemand die Luke zu und lässt sie in der Dunkelheit zurück. Als der Transporter schließlich sein Ziel erreicht, tritt June hinaus und stellt fest, dass sie eine von vielen Mägden ist, die Maulkörbe umgebunden bekommen und in Massen zum Galgen getrieben werden. Eine Schlinge wird über den Kopf der Frauen gelegt. Sie weinen, betteln, eine nässt sich ein. Dann hört man plötzlich This Woman’s Work von Kate Bush und die Stimme der Obererzieherin Tante Lydia (Ann Dowd). Sie sagt, dass die Galgen nur eine Warnung darstellen sollten, eine Lektion, die es zu lernen gelte. Endlich hört man auch die Stimme in Junes Kopf: "Vater unser, der du bist im Himmel. What the actual fuck?"

Eine Scheinexekution als Abschreckung: So beginnt die neue Staffel von "Der Report der Magd". © 2018 MGM Television Entertainment Inc. and Relentless Productions, LLC

Es ist ein wiederkehrendes Stilmittel in dieser zweiten Staffel, dass jede Hoffnung, die kurz aufblüht, sofort wieder zunichte gemacht wird. Das ist schwer zu ertragen, denn auch in der Fortsetzung sind die Bilder so stark, dass sie sich ins Gedächtnis einbrennen werden. Aber es ist wichtig, das auszuhalten, weil Der Report der Magd wie keine andere aktuelle Fernsehserie zeigt, wie schnell ein aufgeklärter Staat zu einem faschistischen Alptraum werden kann.

In Gilead, einer fundamentalistisch-christlichen Tyrannei, die in den USA nach einer weltweiten Fruchtbarkeitskrise entstanden ist, werden die wenigen noch fruchtbaren Frauen als "Mägde" versklavt, um Kinder für reiche und mächtige Männer und ihre unfruchtbaren Frauen zu gebären. June (oder Desfred, wie sie von den Herrschenden genannt wird) ist eine von ihnen. Einst war sie frei, hatte eine Tochter, einen Ehemann und eine Karriere. Jetzt ist ihr Körper Eigentum des Staates und das Kind, das sie erwartet, "gehört" dem Kommandanten Fred Waterford (Joseph Fiennes) und seiner Frau Serena (Yvonne Strahovski).