Als Frances McDormand in ihrer Oscardankesrede alle Kolleginnen ermunterte, den Inclusion Rider einzufordern, wurde erst mal wild gegoogelt, was das bedeute. Es ist eine Vertragsklausel, die Produktionsfirmen zur Gleichbehandlung aller Beteiligten verpflichtet. Erfunden hat ihn Stacy Smith. Und es ist gut möglich, dass diese Frau Hollywood in den kommenden Jahren mehr verändern wird als irgendjemand sonst. Dabei ist sie keine mächtige Produzentin mit riesigem Budget, sondern Professorin für Medien- und Genderstudien an der University of Southern California.

Smith beschäftigt sich mit der Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Filmbranche. Und hat gründlich ausgezählt, wie groß diese Ungleichheit überhaupt ist. Von den 1.100 beliebtesten und erfolgreichsten Filmen, die in den vergangenen elf Jahren in US-amerikanischen Kinos liefen, wurden im Durchschnitt vier Prozent von Frauen gedreht. Vier Prozent.

Regisseurinnen traut man schlicht weniger zu. Sie drehen vor allem Nischen- oder Independent-Filme und werden für Komödien und Dramen engagiert. Blockbuster oder andere Projekte mit großem Budget übernehmen hingegen meist Männer.

"Die Entscheider in der Filmbranche müssen umdenken", forderte Smith während des Filmfestivals in Cannes. Zahlen können beim Umdenken helfen. Diese zum Beispiel: Mehr als 40 Prozent der von Smith befragten Regisseurinnen gaben an, sehr gern einmal einen Actionfilm oder einen Blockbuster drehen zu wollen. Es ist also bei Weitem nicht so, dass Frauen nur auf Beziehungskisten stünden.

Frauen im Regiestuhl

Anteile in Prozent

University of Southern California © Grafik: ZEIT ONLINE

Smith hat noch weitere Auffälligkeiten festgestellt. Beispielsweise drehen Frauen in ihrer Karriere weniger Filme als Männer; viel häufiger als ihre männlichen Kollegen belassen es Regisseurinnen bei nur einem Film. Und je größer die Produktion ist, desto seltener wird ihnen die Regie übertragen – von Produktionsfirmen, in deren Führungsetagen im Übrigen mehrheitlich Männer sitzen. Auch das hat Smith belegt. Mit ihrem Team forscht sie nach den Ursachen für all diese Zustände und sucht nach Lösungen. Denn in den Bildern, die die Zuschauerinnen später in den Filmen zu sehen bekommen, zeigt sich das Missverhältnis zwischen den Geschlechtern.

Wie grotesk das sein kann, zeigen die Antworten auf drei überaus simple Testfragen an einen Film: Gibt es mindestens zwei Frauenfiguren? Haben sie Namen? Und sprechen die beiden über etwas anderes als einen Mann? Tatsächlich fallen rund ein Drittel aller Filme dabei durch. Blockbuster wie Transformers oder Blödsinn wie Baywatch erfüllen diese Kriterien erwartbarerweise nicht, aber ebenso wenig preisgekrönte Filme wie das Historiendrama Die dunkelste Stunde über Winston Churchill oder The Square, der schwedische Gewinner der Goldenen Palme. Natürlich sagt dieser sogenannte Bechdel-Test rein gar nichts über die Qualität eines Films aus. Dass Frauen in Filmen so selten die Handelnden sind, sagt jedoch allerhand aus über unsere Vorstellung von Geschlechterrollen.

Einer Führungspersönlichkeit schreiben wir bestimmte Eigenschaften zu: durchsetzungsfähig, kontrollierend, tough. Alles Attribute, die wir gleichzeitig für typisch männlich halten, hat Alice Eagly gezeigt, Professorin für Psychologie und Management an der Northwestern University in Illinois. Für typisch weiblich halten wir hingegen Eigenschaften wie fürsorglich, liebenswürdig, hilfsbereit – und die lassen sich nur schlecht mit unserer Vorstellung von Leadership vereinbaren.

Welche Genres dominieren Männer?

So viele Regisseure kommen auf eine Regisseurin

University of Southern California © Grafik: ZEIT ONLINE

Solche geschlechtsspezifischen Zuschreibungen finden sich nicht nur in den Rollenbeschreibungen der Drehbücher. Das Ungleichgewicht wird bereits deutlich, wenn man sich das rein numerische Geschlechterverhältnis vor der Kamera anschaut, also wie häufig männliche und weibliche Figuren auf unseren Leinwänden und Bildschirmen zu sehen sind. Dass Frauen die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, spiegelt sich dort nämlich nicht wider.

Für den deutschen Markt hat das 2017 eine Studie der Uni Rostock auf Initiative der Schauspielerin Maria Furtwängler eindrücklich belegt. Mehr als 5.600 Einzelprogramme im deutschen Erwachsenen- und Kinderprogramm und 883 Kinofilme wurden dafür ausgewertet. Das Ergebnis: Wir sehen zu zwei Dritteln Männer und nur zu einem Drittel Frauen. Zum gleichen Ergebnis kam bereits 2012 das Annenberg Public Policy Centre an der University of Pennsylvania, wobei es zusätzlich nachwies, dass sich das Missverhältnis von 2:1 zwischen Frauen- und Männerfiguren in Kinofilmen seit sechs Jahrzehnten nicht verändert hat.

Schauspielerinnen übernehmen also seltener handlungstreibende Rollen und sind selbst in den Nebenrollen unterrepräsentiert. Die deutschen Fernsehanstalten haben inzwischen immerhin beschlossen, Drehbücher ganz bewusst danach zu durchforsten, ob der zu besetzende Kaufhausdirektor ein Mann oder nicht doch eine Frau sein kann. Ob die Kassiererin wirklich immer eine Frau sein muss oder nicht auch mal von einem Mann gespielt werden kann. Nebensächlichkeiten im Wortsinn. Aber sie prägen unser Bild von der Welt und den Alltag von Filmschaffenden.