Thomas Hitzlsperger, der nach seiner Karriere als Fußballnationalspieler sein Coming-out hatte, kommentiert in der ARD die WM-Spiele. Tatsächlich. Homosexuelle Talkmaster, Sportler und Politiker – in unserer Mediengesellschaft ist es anscheinend kein Problem mehr, offen schwul oder lesbisch zu sein. Aber es hat gedauert: In diesem Jahr wird in Berlin der Christopher Street Day, die alljährliche Parade für schwulen Stolz und lesbische Sichtbarkeit, zum 40. Mal gefeiert. Die vergangenen Jahrzehnte werden als Fortschrittsgeschichte erzählt, und für viele ist der Erfolg der Lesben- und Schwulenbewegung der beste Beweis dafür, dass auch aus dem biederen Deutschland eine offene Gesellschaft geworden ist.

Dass diese schöne Erzählung von Befreiung und Emanzipation jedoch nicht aufgeht, zeigt die Geschichte des Schauspielers und Moderators Jochen Schropp. Er hat sich vor Kurzem in einem Brief geoutet, den er dem Stern zukommen ließ und auch auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte. Schropp ist bekannt geworden als Mädchenschwarm in einer ARD-Vorabendserie oder als Gerichtsmediziner im Polizeiruf 110 aus Halle. Seit 2010 moderiert er die Castingshow X Factor. In bewegenden Worten beschreibt der 40-Jährige nun seine Jugend als Schwuler in der deutschen Provinz und die Erfahrungen, die er im Berufsleben gemacht hat: "Als Moderator wurde ich dazu ermutigt, in der Öffentlichkeit zu mir zu stehen. Anders lief es für mich als Schauspieler." Während Moderatoren und Politiker in Deutschland unter bestimmten Bedingungen (sie dürfen zwar "out" sein, aber trotzdem soll ihre Sexualität besser unauffällig bleiben) keine Karrierenachteile mehr zu erwarten haben, wenn sie schwul sind, sieht das für Schauspieler immer noch anders aus.

Dabei würde man doch vermuten, dass Homosexualität gerade in der Fernseh- und Kinowelt kein Tabu mehr darstellt: Schwule und lesbische Charaktere gehören inzwischen zum Tatort ebenso wie zu Game of Thrones. Doch hier ist es wichtig, genau hinzusehen. Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen auf der Leinwand heißt in erster Linie, dass heterosexuelle Schauspieler keine Hemmungen mehr haben, Schwule zu spielen. So wie Jake Gyllenhaal und Heath Ledger 2005 in dem Hollywood-Film Brokeback Mountain oder Keanu Reeves und River Phoenix schon vor mehr als 25 Jahren in Gus Van Sants My Own Private Idaho – einem Klassiker des New Queer Cinema. Einen Schwulen zu spielen, wird für einen Heteromann als außerordentliche Herausforderung verstanden – ungefähr auf derselben Stufe wie die Darstellung einer körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigung, denken wir an Tom Hanks in Forrest Gump oder Dustin Hoffman in Rain Man. Eine solche Aufgabe gilt schnell als schauspielerische Glanzleistung, zum Beispiel Philip Seymour Hoffmans Verkörperung des schwulen Schriftstellers Truman Capote. Alle drei, Hanks und die beiden Hoffmans, bekamen einen Oscar. Einen Homo zu spielen ist für einen Hetero kein Risiko mehr. Karrieretechnisch ist es sogar ein cleverer Move.

Das heißt aber noch lange nicht, dass der im wirklichen Leben schwule Schauspieler sich outen kann und danach weiterhin problemlos Aufträge bekommt. Jedenfalls nicht für Heterorollen – was ja die überwiegende Zahl der Angebote ist. In den Achtzigerjahren galt Rupert Everett als große Hoffnung des britischen Kinos. Schon 1989, als Outing durch Aids besonders politisiert wurde, hatte er den Mut zum Coming-out. Everetts Karriere war damit zwar nicht sofort beendet. Ab jetzt durfte er an der Seite von Julia Roberts oder Madonna den besten schwulen Freund spielen – aber die heterosexuellen Hauptrollen in den Blockbustern des britischen Kinos gingen an Hugh Grant. Everetts letzte Rolle, die Verkörperung von Oscar Wilde in The Happy Prince, wirkt dementsprechend wie ein bissiger Kommentar auf die eigene Karriere. Wildes Weigerung, seine Homosexualität im viktorianischen England zu verheimlichen, führte ihn ins Zuchthaus und endete in seinem finanziellen und körperlichen Ruin. Auch wenn es Rupert Everett 100 Jahre später natürlich nicht mehr so schlimm erging: Seiner Karriere hat das Coming-out auf jeden Fall geschadet.