"Ich habe am lautesten Blondinenwitze erzählt" – Seite 1

Am 12. Juli 2017 stellte Maria Furtwängler eine von ihr initiierte Studie zur Geschlechtergerechtigkeit im deutschen Film und Fernsehen vor. Die Ergebnisse waren niederschmetternd: In zwei Dritteln aller TV-Filme dominierten die Männer, im Informations-, aber auch im Kinderprogramm erklärten mehr als 70 Prozent Männer die Welt. Frauen ab 30 verschwinden von der Bildfläche. Die Sender gelobten Besserung und gingen Selbstverpflichtungen ein. Ein Jahr später hat sich zwar wenig auf der Leinwand, aber einiges hinter den Kulissen verändert. Die #MeToo-Debatte aus den USA deckte Sexismus in der Filmbranche auf, mit den Fällen Dieter Wedel und Gebhard Henke erreichte sie auch Deutschland. Wie steht es um die Filmbranche heute? Mit ZEIT ONLINE sprach die Schauspielerin exklusiv über ihre Erfahrungen.

ZEIT ONLINE: Frau Furtwängler, Sie fordern andere Geschichten, andere Erzählweisen im deutschen Film und Fernsehen. Was ist das Problem mit dem, was gezeigt wird? 

Maria Furtwängler: Ich glaube, dass unser Blick eingeschränkt wird, wenn wir nur einen bestimmten Teil der Wirklichkeit zu sehen bekommen und einen anderen zu wenig oder gar nicht. Das führt dazu, dass wir – und dazu zähle ich mich auch – Geschlechterstereotype ausblenden, nicht für möglich halten oder reflexartig perpetuieren.

ZEIT ONLINE: Vor einem Jahr haben Sie mit Ihrer MaLisa-Stiftung eine Studie vorgelegt, die die fehlende Repräsentation von Frauen im deutschen Film und Fernsehen beziffert. Sie selbst sind gut im Geschäft. Warum haben ausgerechnet Sie diesen Vorstoß gemacht? 

Furtwängler: Es war die Erkenntnis, wie sehr ich selbst in Vorurteilen gefangen bin. Ich kann die schmutzigsten Witze über Frauen erzählen und ich habe am lautesten Blondinenwitze erzählt. Warum? Weil ich dachte, es gibt diese doofen Blondinen, aber das bin definitiv nicht ich. Ich habe mich von anderen Frauen distanziert, indem ich da mitgemacht habe. Doch damit beginnt die Ausgrenzung. Wie oft habe ich geschimpft: "Oh Gott, Frau am Steuer!" Wenn ich dann gesehen habe, dass es ein Mann war, war mir das egal. War es eine Frau, dachte ich: "Hab ich's doch gewusst!" Wir suchen nach der Bestätigung unserer Vorurteile. 

ZEIT ONLINE: Haben sich diese Vorurteile auch auf Ihre Schauspielrollen ausgewirkt? 

Furtwängler: Bei der Entwicklung der Kommissarin Charlotte Lindholm im Tatort hatten wir uns gefragt, was sie für eine Mutter sein sollte. Sie liebt ihren Beruf, also ist sie zwangsläufig eine schlechte Mutter, die ihr Kind vernachlässigt. Das ist ganz reflexartig passiert, ich habe gar nicht länger darüber nachgedacht, ob man das nicht auch anders erzählen könnte. Obwohl ich es selbst ganz anders erlebt habe mit meinen Kindern. Aber mir fehlten offensichtlich die medialen Bilder, um diese Rolle anders erzählen zu können. Sie waren stärker als das eigene Erleben. 

ZEIT ONLINE: Auf Ihre Studie gab es auch negative Reaktionen. Claus Kleber fragte Sie während eines Interviews im heute-journal gleich mehrmals, ob Sie die Deutschen erziehen wollten. 

Furtwängler: Es gibt diesen typischen Seufzer, dieses genervte Augenrollen, wenn man mit einem feministischen Thema ankommt. Eigentlich wäre ich ja auch immer gern unterhaltsam und total nett. Und das Missfallen nicht weniger Männer belastet mich ehrlich gesagt auch. Aber ich habe gelernt, dass wir mit einem falschen Harmoniebedürfnis nicht weiterkommen. Es gibt diesen schönen Satz: Was die Gesellschaft zusammenhält, ist die Angst der Frauen, nicht zu gefallen. Das stimmt absolut für mich. 

ZEIT ONLINE: Sie haben eine 25-jährige Tochter. Bemerken Sie da einen Unterschied zu Ihrem eigenen Verhalten? 

Furtwängler: Ja, die Generation meiner Tochter ist schon viel freier und lässt sich von diesem Augenrollen nicht mehr so beeindrucken. Lisa hat mir in vielen Dingen total die Augen geöffnet. Wir haben die MaLisa-Stiftung ja nicht von ungefähr gemeinsam initiiert. Über sie erfahre ich auch viel über den aktuellen feministischen Diskurs, über Queerfeminismus und Women of Colour. Ich bin auch ihren Buchempfehlungen gefolgt, so habe ich Laurie Penny entdeckt. 

ZEIT ONLINE: Sie verschreiben sich aber einem fast altmodischen Kampf: der Repräsentation von Frauen. 

Furtwängler: Ich denke, dass jeder oder jede in dem Bereich aktiv werden sollte, wo er oder sie am glaubwürdigsten ist. Bei mir ist es das Fernsehen und die Repräsentation von Frauen darin. Man muss sein Schlachtfeld wählen und kann nicht alles richtig machen. Da kommt dann die nächste Generation und macht es in ihrer Welt auf ihre Weise. 

Maria Furtwängler und ihre Mutter Kathrin Ackermann, die auch im "Tatort" ihre Mutter spielt. © Christian Augustin/​Getty Images

ZEIT ONLINE: Mit welchem Frauenbild sind Sie aufgewachsen? 

Furtwängler: Meine Mutter hat immer sehr emanzipiert gesprochen, aber nicht so gelebt. Sie hat ihre Männer bekocht, ihnen alles hinterhergetragen, die Sachen gewaschen. Ich habe nie gesehen, dass mein Vater selbst einen Teller aus der Küche geholt hätte. Auch in Bezug auf die Kindererziehung war meine Mutter konservativ. Männer, die zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern, fand sie unsexy. Ich habe diese Einstellung übernommen. Es ist schwer, sich von solchen Bildern zu lösen. Dabei kann auch ein Mann sexy sein, der zu Hause bei den Kindern bleibt. 

ZEIT ONLINE: Spielte es keine Rolle, dass Ihre Mutter Kathrin Ackermann als Schauspielerin beruflich unabhängig war? 

Furtwängler: Das habe ich als Kind gar nicht so wahrgenommen. Hätte meine Mutter deutlicher gesagt "Ich schmeiß hier den Laden" – das wäre gut gewesen. 

ZEIT ONLINE: Die Erziehung ist das eine. Inwiefern verändert auch das, was wir im TV oder im Film sehen, unser Bewusstsein und unser Handeln?   

Furtwängler: Sehr! Es gibt den sogenannten Scully-Effekt. Die Figur der Wissenschaftlerin und FBI-Agentin Dana Scully (Gillian Anderson) hat bei vielen Akte-X-Zuschauerinnen das Interesse an Naturwissenschaften geweckt. Die Geena-Davis-Stiftung fand heraus, dass 50 Prozent von ihnen sogar einen Beruf in einem naturwissenschaftlichen Bereich ergriffen haben. Ein anderes Beispiel: 2013, ein Jahr, nachdem Die Tribute von Panem und Merida im Kino gelaufen waren, war Bogenschießen der am schnellsten wachsende Sport unter amerikanischen Mädchen. Sie hatten Heldinnen gesehen, die mit Bogenschießen die Welt retten. So einfach kann das sein.

"Der Fall Wedel hat unsere Branche massiv aufgerüttelt"

ZEIT ONLINE: Sie bekommen nun eine neue Partnerin im Tatort – die Deutsch-Uganderin Florence Kasumba, bekannt aus dem Blockbuster Black Panther.

Furtwängler: Ja, sie ist eine unglaubliche Bereicherung für das Format. Ich würde mir gern anheften, sie vorgeschlagen zu haben, aber es war Christian Granderath, der Fernsehspielchef des NDR.

ZEIT ONLINE: In ihrem vorigen Tatort führte Anne Zohra Berrached Regie, nun Franziska Buch. Arbeiten Sie bewusst mit Regisseurinnen zusammen? 

Furtwängler: Seitdem ich diese Studie angeschoben habe, fragt man mich ständig, ob ich für diese oder jene Position lieber eine Frau haben möchte. Mich freut das, weil diese Frage jetzt immer häufiger in unserer Branche gestellt wird. Das betrifft alle Gewerke und ermutigt filmschaffende Frauen. Natürlich gibt es großartige Regisseure. Aber eben auch immer mehr Regisseurinnen – und die sind jetzt auch mal am Zug. Dass wir mit unserer Studie dazu einen Beitrag leisten konnten, freut und ermutigt mich. 

ZEIT ONLINE: Es gab viele Selbstverpflichtungen der Sender, aber konkrete Veränderungen sieht man bisher kaum. Werden Sie nicht langsam ungeduldig?

Furtwängler: Ich bin ein sehr, sehr ungeduldiger Mensch. Aber aus meiner Erfahrung als Produzentin weiß ich, wie lange Dinge im Film und im Fernsehen dauern. Die großen Sender sind Tanker. Umso mehr freue ich mich, dass das ZDF offenbar mehr Sprecherinnen einsetzt und die ARD-Degeto eine Checkliste für Drehbücher eingeführt hat, bei der ganz genau geschaut wird, welche Frauen- und Männerbilder erzählt werden. Besonders wichtig finde ich, dass sich die Filmhochschulen in Deutschland zusammengetan haben. Sie wollen die Lehre künftig paritätisch gestalten und mehr auf gendersensibles Erzählen achten.   

ZEIT ONLINE: In Ihrem letzten Tatort: Der Fall Holdt brechen Sie mit dem Bild der toughen Kommissarin. Charlotte Lindholm wird vor der Disko von drei Männern beim Pinkeln gefilmt und dann zusammengeschlagen. Wie ein verstörtes Mädchen sieht man sie danach zitternd auf dem Parkplatz stehen. Im Herbst 2017 wurde der Film als Beitrag zur #MeToo-Debatte erklärt. 

Furtwängler: Das war Zufall, der Film war ja vorher abgedreht. Mir war es allerdings ein Bedürfnis, die Gewalt darzustellen und zu zeigen, wie viele Frauen mit so einer Erfahrung umgehen: nämlich mit der Scham, ein Opfer geworden zu sein. 

ZEIT ONLINE: In der #MeToo-Debatte hieß es, Frauen würden zu Opfern degradiert. Glauben Sie, dass viele Frauen Übergriffe nicht angezeigt haben, weil sie nicht als schwach dastehen wollen? 

Ich habe nichts gesagt, weil ich nicht uncool sein wollte.

Furtwängler: Ich kenne viele Frauen, die von #MeToo nichts wissen wollen. Und wenn ich nachfrage, liegt das genau daran: Sie wollen nicht schon wieder als diejenigen dargestellt werden, die beschützt werden müssen und denen die bösen Männer etwas angetan haben. Dazu kommt eine bestimmte Vorstellung von weiblicher Stärke: Mein Gott, das ist halt so, dann wird man halt mal an den Hintern gefasst. Dann wehr ich mich halt. 

ZEIT ONLINE: Wo liegen bei Ihnen persönlich die Grenzen? 

Furtwängler: Ganz schwer zu sagen. Außer in meiner Jugend ist mir nie etwas von mir als dramatisch Empfundenes passiert. Es gab allerdings immer wieder Situationen, die mir nicht angenehm waren. Ich habe aber nichts gesagt, weil ich nicht uncool sein wollte. Ich fand es eklig, als mich ein Mann bei einer Veranstaltung auf den Mund geküsst hat – aber deshalb einen Eklat auslösen? Nein. Dieser Reflex ist tief in mir verankert. Deshalb kann ich auch nur schwer sagen, wo bei mir genau die Grenze liegt. 

ZEIT ONLINE: Was ist Ihnen in Ihrer Jugend passiert? 

Furtwängler: Ich war etwa zwölf Jahre alt und lief über den Bahnsteig zu meiner U-Bahn, als mir ein Junge ganz fest in den Schritt griff. Ich bin weitergegangen, völlig unter Schock. Und habe nichts gesagt, gar nichts. Ich bin auch von Spannern belästigt worden und Männern, die sich in der U-Bahn an mir gerieben haben. Ich hatte aber nie das Gefühl, das sei etwas, das ich meiner Mutter erzählen müsste. Etwas, das gesellschaftlich nicht in Ordnung sei und gegen das man angehen müsste. Ich dachte eher: Das passiert uns Frauen eben. 

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der #MeToo-Bewegung? 

Furtwängler: Ich erwarte, dass wir lernen, Machtmissbrauch und seine Folgen konkret und konstruktiv zu adressieren und zu beheben. Der Fall Wedel hat ja auch hierzulande unsere Branche massiv aufgerüttelt. Nach dem Fall Henke allerdings (der WDR-Filmchef und "Tatort"-Koordinator war mehrfach der sexuellen Belästigung beschuldigt worden; am 13. Juni 2018 kündigte ihm der WDR; am 16. Juli nahm der Sender die Kündigung zurück und einigte sich mit Henke außergerichtlich. Henke bestreitet alle gegen ihn erhobenen Vorwüfe, Anm.d. Red.) haben Frauen eher die Erfahrung gemacht, dass ihre Vorwürfe heruntergespielt wurden: Einmal an den Hintern gefasst, das rechtfertige doch nicht, dass eine ganze Karriere zerstört werde, hieß es. Die Frauen sind mit dem Gefühl zurückgeblieben, dass man mit so etwas lieber nicht in die Öffentlichkeit geht. Ich kenne zahllose Frauen, die sagen: "Mir ist auch so etwas passiert, aber ich würde es nie nach außen tragen." 

ZEIT ONLINE: Wen sehen Sie da in der Verantwortung? Berufsanfängerinnen haben viel zu verlieren. 

Furtwängler: Mit zunehmendem Alter sitzt man als Schauspielerin leider auch nicht fester im Sattel. Auch die Älteren haben viel zu verlieren. Sie müssen um die wenigen Rollen konkurrieren oder bekommen gar keine Rollen mehr. 

"Ich muss, so habe ich es gelernt, eine gewisse Sexyness zeigen"

ZEIT ONLINE: Empfinden Sie als Schauspielerin einen unauflösbaren Konflikt zwischen dem erwarteten Glamour und der Emanzipation von bestimmten Frauenbildern? 

Furtwängler: Total. Wie oft stehe ich auf roten Teppichen mit High Heels, mit denen ich nicht mal vom Auto bis zum Veranstaltungsort komme, und trage ein Kleid, in dem ich so viel Haut zeige, dass ich friere und schlottere? Aber ich muss, so habe ich es gelernt, nach außen eine gewisse Sexyness zeigen. Irgendwann konnte ich aber nicht mehr und habe einfach mal einen Anzug angezogen. Dann kam aber gleich wieder die Sorge, was wohl die anderen denken. Ich bin immer wieder gefangen in diesem Widerspruch. Aber ich komme voran. Von wegen practise what you preach.

ZEIT ONLINE: Sind Sie manchmal desillusioniert, dass es so langsam vorangeht mit der Emanzipation? 

Furtwängler: Wenn wir Veränderung wollen, dann müssen wir bereit sein, uns anzustrengen. Wenn einem auf Anhieb zehn Männer einfallen, die Regie führen könnten, ist es natürlich bequemer, auf sie zurückzugreifen. Man muss vielleicht etwas länger suchen. Oder etwas mutiger sein, weil eine Frau möglicherweise nicht die gleiche Erfahrung mitbringt. You have to walk the extra mile.   

ZEIT ONLINE: Vielen Frauen fehlt vielleicht auch die Dreistigkeit, die es manchmal braucht, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist auch nicht verwunderlich, wenn sie einen wesentlichen Teil ihres Lebens damit verbringen müssen, gesellschaftlichen Standards zu genügen: schön sein, nett sein, sich um alle und alles kümmern. 

Furtwängler: Eine Talkshow-Moderatorin hat mal erzählt, dass Frauen erst einmal zögern, wenn sie sie als Studiogast einlade. Sie sagten dann häufig, es sei nicht ganz ihr Thema. Rufe sie hingegen einen Mann an, sage der meistens, er habe an dem betreffenden Tag Zeit – und fragt nicht mal, um welches Thema es geht. 

ZEIT ONLINE: Was müsste sich verändern? 

Furtwängler: Die BBC hat ein tolles Tool, es heißt Diamond. Darin müssen die Produzenten eintragen, welches Geschlecht ihre Mitarbeiter haben und wie divers die Geschichten sind, die sie erzählen wollen. Das erzeugt eine messbare Transparenz und die Verantwortung wird direkt an die Produktionsfirmen gegeben. Das ist ein interessanter Ansatz. Aber natürlich sind neben den Produzenten weitere Entscheider in die Pflicht zu nehmen, auch die Sender selbst. 

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von der Kritik, dass so viele verbindliche technische Variablen die Kreativität töten? 

Furtwängler: Anna Serner von der Schwedischen Filmförderung hat als Erste in Europa eine bewusste Förderung von Frauen eingeführt und wurde dafür unfassbar angefeindet. Die Qualität würde zugrunde gehen, hieß es. Heute sagt sie, 2017 sei das erfolgreichste Jahr der schwedischen Filmgeschichte gewesen. Außerdem kann immer noch ein schwedischer Regisseur die Goldene Palme in Cannes gewinnen. Wenn man Frauen fördert, heißt das eben nicht, dass Männer keinen Erfolg mehr haben können. Aber indem man mehr talentierten Frauen Jobs gibt, reduziert man das männliche Mittelmaß. Für die mittelmäßigen Männer wird es ungemütlich. Die, die etwas drauf haben, werden so oder so ihren Weg machen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie eine Verfechterin von Quoten? 

Furtwängler: Keiner freut sich über Regularien und wir alle wünschen uns, dass sich alles von allein regelt. Aber die Erfahrung zeigt: Wirklich verändert hat sich nur etwas, wo es Quoten gibt.