"FALSCH" steht auf ihrer Brust, "BETRUG" auf ihrem Rücken. "VERSCHWINDEN" lodert auf ihrem rechten Unterarm. Camille hat fast jeden Zentimeter ihrer Haut mit großen Blockbuchstaben bedeckt. Doch es sind keine Tattoos, die sie schmücken, Camille hat sich die Wörter in ihr eigenes Fleisch geritzt. Sie verbirgt diese Botschaften an sich selbst unter langen Ärmeln und Hosenbeinen. Wenn sie eine Körperstelle von sich im Spiegel sieht, schaut sie weg, beschämt.

Es ist eine verletzte Heldin, die durch Sharp Objects, die neue HBO-Serie von Marti Noxon (Dietland, UnReal) und Gillian Flynn (Gone Girl), taumelt. Camille Preaker, gespielt von Amy Adams, ist Journalistin und wird von ihrer Redaktion in ihre Heimatstadt Wind Gap zurückgeschickt, ein Kaff am südlichsten Zipfel von Missouri. Ein junges Mädchen ist ermordet worden, ein anderes wird vermisst und Camilles Chef (Miguel Sandoval) wittert eine Story. Eine Meditation über Tod und Trauer in einer Kleinstadt schwebt ihm vor, aus der persönlichen Perspektive einer Heimkehrerin erzählt.

Camille zögert. Ein Teil von ihr steckt in einer Vergangenheit fest, die sie lieber mit Wodka unterdrückt. Sie hat ihre Schwester verloren, als die beiden noch Kinder waren, und sie hat eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter Adora (Patricia Clarkson). Aber sie nimmt den Auftrag an und spült enorme Mengen Hochprozentiges hinunter, bevor sie ihr Elternhaus betritt: ein beeindruckendes viktorianisches Herrenhaus, dessen Tür von der schwarzen Haushälterin geöffnet wird.

Die Mutter empfängt ihre Tochter kühl. Camille darf schließlich bleiben, aber soll es nicht wagen, Adora mit Geschichten von toten Mädchen zu belästigen. "Ich bin froh, dass du hier bist", flüstert sie, "aber bring mich nicht in Verlegenheit." In der Öffentlichkeit spielt mommy dearest die perfekte Südstaatenlady, aber ihre falschen Nettigkeiten schneiden der Tochter buchstäblich ins Fleisch.

Während die ganze Stadt auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen ist, schließt Camille Bekanntschaft mit ihrer 13-jährigen Halbschwester Amma (Eliza Scanlen), die sie kaum kennt. Amma legt ein merkwürdig zwiespältiges Verhalten an den Tag, je nachdem, in wessen Gesellschaft sie sich gerade befindet. Zu Hause bindet sie sich Schleifen ins Haar und spielt mit ihrem Puppenhaus, in der Stadt zieht sie sich sexy an und macht jedem schöne Augen. "Wenn du ihnen erlaubst, es dir zu besorgen, dann besorgst eigentlich du es ihnen", sagt Amma über die Jungs, mit denen sie verkehrt.

Am interessantesten ist Sharp Objects – ähnlich wie die Serien Big Little Lies und Top of the Lake –, wenn es um die Folgen von Gewalt geht und die Lügen, die Frauen sich selbst und anderen erzählen, um kein Mitleid zu erregen. Wie sie alles tun, um die weibliche Standardrolle zu vermeiden: die des Opfers. Als Camille einem Polizisten aus Kansas City (Chris Messina) erzählt, wie eine Gruppe von Footballspielern über sie als Mädchen herfiel, nennt er es Vergewaltigung. "Manche Menschen würden das als einvernehmlich bezeichnen", antwortet sie.

Dass die Menschen in Wind Gap so ein widersprüchliches Verhältnis zu sexueller Gewalt haben, rührt auch von der Geschichte des Orts. Einmal im Jahr wird die "Schutzheilige" der Stadt gefeiert, eine junge Frau, die sich während des Bürgerkriegs von feindlichen Soldaten vergewaltigen und foltern ließ, um ihren Ehemann zu retten. In dieser Kleinstadt bekomme "jede Frau ein scheußliches Etikett", sagt Camille, die sich nicht an die unausgesprochenen Regeln der Weiblichkeit hält. Es gibt keinen Tag, an dem sie selbst nicht daran erinnert wird, dass sie früher die "Stadtschlampe" war. Darauf noch einen tiefen Schluck aus der mit Wodka gefüllten Wasserflasche.