Der Auftakt in die ARD-Sonntagabendkrimi-Saison 2018/19 kommt wieder einmal aus der Schweiz und er ist zur Abwechslung: furios. Das lässt sich über Schweizer Tatort-Folgen selten sagen und hat bei Die Musik stirbt zuletzt (SRF-Redaktion: Maya Fahrni) mit der Form zu tun, die Regisseur Dani Levy (der zusammen mit Stefan Brunner und Lorenz Langenegger auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet) gewählt hat.

Gedreht wurde die Folge nämlich in einer Einstellung, also in Echtzeit oder besser: wie ein Theaterstück. Levy selbst nennt im Presseheft Sebastian Schippers Film Victoria als Anregung, der 2015 eine junge Frau durch eine Berliner Nacht begleitete. Die Musik stirbt zuletzt spielt während eines Benefizkonzerts im eleganten, von Jean Nouvel entworfenen Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL), das wie ein Theaterbau on und off stage durchmessen wird.

Organisiert hat das Konzert der reiche Unternehmer Walter Loving, zur Aufführung kommen die Werke von jüdischen Komponisten, die den Holocaust nicht überlebt haben (im Film gespielt vom Jewish Chamber Orchestra Munich). In das Rund der Musizierenden hat der Film einen Schauspieler als Dirigenten gepflanzt (Gottfried Breitfuss) sowie Teresa Harder (als Pianistin Miriam Goldstein) und Patrick Elias (als Klarinettisten Vincent Goldstein).

Das Geschwisterpaar plant einen Eklat, weil es Lovings zwielichtige Rolle während der NS-Zeit beleuchten will: Loving (gespielt von Hans Hollmann, der von seinem tatsächlichen Alter freilich zu jung ist für seine Figur) war ein sogenannter Intermediär, er organisierte, könnte man sagen, jüdischen Familien, die Flucht. Er gründete sein Vermögen, könnte man auch sagen, auf Geschäften mit der Not anderer Menschen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Den Weg zum finalen Coup (Miriam Goldstein will öffentlich Lovings Vergangenheit bekannt machen) säumen Vergiftungen, die dem Tatort den Anlass zur Ermittlung stiften. Auffällig ist, wie spät das Kommissarduo ins Geschehen eingreift – was schön zeigt, und das wäre ein unbedingter Vorteil von Levys Form, wie schematisch und krimifern der frühe Mord und die Kommissarinnenpräsenz im Standard-Tatort sind. 

Dass Liz Ritschard (Delia Mayer) zu den Konzertbesuchern gehört (Stefan Gubsers Flückiger wird von einem Fußballspiel dazugerufen), ist dagegen ein Hinweis auf die Zwänge, die das Drehen ohne Schnitt mit sich bringt. Wenn die Kamera permanent läuft, muss alles, was sich vor ihr abspielen soll, schon da sein. Jeder Gang weg von den Protagonisten schließt die Überlegung ein, wie zu denen zurückgefunden werden kann.

Um ein wenig Freiheit zu gewinnen und eben nicht die ganze Zeit mit Walter Loving und seinen beiden Frauen (Sibylle Canonica als Noch-Gattin, Uygar Tamer als ominöse Loving-Angestellte und -Geliebte) abzuhängen, erfindet sich Die Musik stirbt zuletzt einen Metacharakter. Der diabolische Loving-Sohn Franky (Andri Schenardi) ist einerseits in die Handlung verwickelt, funktioniert aber vor allem als eine Art Conférencier innerhalb der strengen One-Take-Form.

Er spricht direkt und selbstreferenziell in die Kamera ("Keine Angst, die Geschichte geht gleich weiter; ich hatte lediglich den Auftrag, den Weg von der Damentoilette in die See-Bar zu füllen"), eine Figur, die über den Film reflektiert, in dem sie mitwirkt ("Lächerlich, alleine deswegen mag ich keine Krimis: Anstatt zu zeigen oder zu sagen, bei wem sie das Gift gefunden haben, macht die Regie einen auf Spannung").