Eine häufig gestellte Frage in den plauderfreundlichen USA lautet: "Was ist das denn für ein Akzent – woher kommen Sie?" Es ist eine höfliche Art zu fragen, wer das Gegenüber denn sei. Würde man die Antworten sammeln, gewänne man eine ganz gute Vorstellung davon, wer Amerika ist. Man hört den Satz in Warteschlangen bei der Post, an der Supermarktkasse, auf dem Barhocker nebenan – oder eben in Sacha Baron Cohens neuer Sendung, der Politsatireshow Who is America?, die nun auch in Deutschland zu sehen ist.

Der britische Komiker macht nach ein paar Spielfilmausflügen jetzt wieder das, womit er früher seine größten Erfolge feierte: Er lässt seine verschiedenen Alter Egos Menschen interviewen – nicht, um sie sagen zu lassen, wer sie sind, sondern um sie einem Charaktertest zu unterziehen.

Sacha Baron Cohen ist dabei nicht an einem tieferen Sinn interessiert. Er will seine Gesprächspartner provozieren – und sein Publikum soll dabei zusehen, wie sie in ihren Reaktionen den letzten Funken Moral mit der amerikanischen Flagge ersticken. Etwa wenn ein paar närrische Waffenlobbyisten sich vor Baron Cohen dafür aussprechen, Vierjährige in Schulen zu bewaffnen. Freilich nutzt er das, um Empörung zu entfachen und als ideologischen Rorschachtest in einem Land, das in der Sendung so dargestellt wird, als habe es genau den Präsidenten, den es verdient.

Allerdings birgt allein das Setting ein Problem: Eine Kunstfigur mit falschem Bart, falschen Zähnen, falschem Akzent, falschem Lebenslauf konfrontiert reale Personen, die dann auf eine absurde Fiktion reagieren. Was soll das Republikaner-Ehepaar aus Kalifornien in der Auftaktfolge schon sagen, wenn Baron Cohens Figur eines hyperliberalen, cis-sexuellen Mannes ihnen schildert, dass seine Tochter auf die US-Flagge menstruiert? Nie lässt Baron Cohen Echt gegen Echt antreten, nie lässt er Wirklichkeiten aufeinanderprallen.

Warum diese starre Versuchsanordnung nicht funktioniert, zeigt die Eröffnungsszene der ersten von sieben Folgen: Baron Cohen sitzt in Washington, verkleidet als reaktionärer Fake-News-Entlarvungsblogger, neben Bernie Sanders, dem Senator aus Vermont und selbst ernannten Sozialisten. Statt sich ernsthaft über Sanders' Anliegen zu unterhalten, um womöglich doch zu verstehen, warum in capitalist America so viele arme Schweine gar nichts haben, während andere in Milliarden schwimmen, blubbert Baron Cohens Figur lieber ein paar konträre Positionen und falsche Prozentzahlen zu einer von Sanders angestrebten Bürgerversicherung vor sich hin. Sanders, ganz der langmütige Volksvertreter, der weiß, dass sein Gegenüber keine Ahnung hat, geht gar nicht auf den Wirrkopf ein. Er guckt ihn bloß irritiert an. Schnitt, Blende, nächster Beitrag.

Das kann nicht Sacha Baron Cohens Idee von gut gemachter Unterhaltung sein. Es ist weder schlau noch witzig. Die meisten seiner Opfer sind bloß eine Mücke im Bernstein: Man sieht sie klar vor sich, gelangt aber nie zum Kern der Sache.

Töricht genug, das Theater mitzuspielen

In seinen früheren Werken wie Da Ali G Show und dem Film Borat (2006), in dem ein kasachischer Fernsehreporter zum ersten Mal nach Amerika reist, funktionierte diese Art von Komik. Baron Cohen zeigte darin der Welt (und natürlich den USA selbst), dass Amerikas kulturelles Selbstverständnis und gesteigerter Patriotismus nicht selten zum Rassismus neigt. Das versucht er in Who is America? ebenfalls.

Der Film Borat wurde zu einer Zeit gedreht, als man noch nicht fürchten musste, dass jeder Fehltritt über Smartphones verbreitet und bloßgestellt werden kann. Damals fiel Sacha Baron Cohen am Ende immer wieder auf eine Art Anstandshumor zurück: Die Kunstfigur Borat entlarvte durch seine kulturelle Andersartigkeit immer auch, dass der weiße Amerikaner in brenzligen Momenten zu höflich ist, um ehrlich zu sein. Lieber erträgt er Borats Peinlichkeiten, als die amerikanische Freundlichkeit zu verraten und sich einzugestehen, dass dieser Clown sämtliche gesellschaftlichen Gepflogenheiten sprengt.

Who is America? hingegen schenkt uns nun lediglich die Erkenntnis, dass die meisten Menschen, darunter auch die inzwischen wirklich abgehalfterten Politiker Sarah Palin und Dick Cheney, töricht genug sind, fast jedes Theater mitzuspielen, wenn man ihnen nur eine Kamera vors Gesicht setzt. Cheney lässt sich in der zweiten Folge beispielsweise dazu hinreißen, einen Eigenheim-Waterboarding-Bausatz zu signieren. Erschreckend, ja. Aber dass solche Gesinnungsbrüder zu Amerika gehören, ist auch nicht mehr ganz neu.

Mit dem Titel der Serie gaukelt Sacha Baron Cohen vor, er käme im Jahr 2018 einer Nation auf die Spur, die sich seit Donald Trumps Wahl wirklich verändert hat. Stattdessen schaut man die ganze Zeit einem Komiker zu, wie er daran scheitert, Amerika wirklich kennenzulernen.

Die siebenteilige Serie "Who is America? (deutsch: "Wer ist Amerika?") läuft seit 17. Juli immer dienstags um 20.15 Uhr auf Sky.