Im Frühjahr 2004 ist ein Siebenjähriger auf dem Filmfestival in Cannes zu sehen: Jimmy Bennett spielt in Das Herz ist eine hinterlistige Person den Sohn einer drogenabhängigen Prostituierten. Diese wird gespielt von einer jungen Italienerin namens Asia Argento. Sie hat auch am Drehbuch mitgeschrieben und führt Regie. Der Film bekommt keine guten Kritiken. Nach Drehschluss halten Filmmutter und Filmsohn weiterhin Kontakt.

Neun Jahre später, am 9. Mai 2013, treffen sich die beiden im kalifornischen Marina del Rey. Kurz vorher postet Argento ein Bild auf Instagram und schreibt: "Warte auf meinen lange verlorenen Sohn, meine Liebe." Bennett antwortet: "Bin fast da! :)"

Anschließend, so zitiert die New York Times aus einem Anwaltsschreiben, habe Argento Bennetts Familienmitglied, das ihn zum Treffpunkt im Hotel Ritz-Carlton gefahren hatte, nach Hause geschickt. Auf ihrem Hotelzimmer habe die Schauspielerin dem jungen Mann Alkohol zu trinken gegeben und ihn geküsst. Sie habe ihn aufs Bett geschubst, ihm die Hose ausgezogen und Oralsex an ihm vollzogen. Sie sei auf ihn geklettert und sie hätten Sex gehabt. Zu dem Zeitpunkt ist Argento 37 und Bennett 17 Jahre alt. In Kalifornien beträgt das Schutzalter 18 Jahre. Wer sexuelle Handlungen mit unter 18-Jährigen vornimmt, macht sich strafbar.

Der Fall erregt nicht nur deshalb so großes Aufsehen, weil diesmal eine Frau des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird, sondern weil diese Frau, Asia Argento, eine der Ersten war, die im Oktober 2017 im New Yorker den Produzenten Harvey Weinstein öffentlich der Vergewaltigung und sexuellen Belästigung beschuldigt hatten. Im vergangenen Mai, auf dem Filmfestival in Cannes, sagte die 42-Jährige auf der Bühne: "1997 wurde ich von Harvey Weinstein in Cannes vergewaltigt. Ich war 21 Jahre alt. Dieses Festival war sein Jagdrevier."

Argento ist im Laufe des vergangenen Jahres zu einer der führenden Figuren der #MeToo-Bewegung geworden. Ihr Lebensgefährte, der bekannte Koch und CNN-Moderator Anthony Bourdain, hatte sie in ihrem Kampf unterstützt und galt als einer der größten männlichen Fürsprecher der Bewegung. Ob er von Bennetts Vorwürfen gegen Argento wusste, ist nicht bekannt. Bourdain beging im Juni dieses Jahres Suizid.

380.000 Dollar Schweigegeld?

Wie die New York Times weiter berichtet, habe Argento eine finanzielle Vereinbarung mit Bennett getroffen. Dieser habe 3,5 Millionen Dollar Schadensersatz von ihr gefordert. Das Ereignis in dem Hotel sei so traumatisch gewesen, dass es den Schauspieler und Rocksänger daran gehindert habe, zu arbeiten und Einkünfte generieren zu können; außerdem habe es seine seelische Verfassung beeinträchtigt, wird Bennetts Anwalt zitiert. Beide Parteien hätten sich dann auf die Summe von 380.000 Dollar geeinigt. Zahlbar, so zitiert die Zeitung aus der außergerichtlichen Vereinbarung, sei der Betrag über einen Zeitraum von anderthalb Jahren, mit einer sofortigen Anzahlung von 200.000 Dollar, die im vergangenen April an Bennett gegangen sei.

Die Informationen, darunter auch ein Selfie, das Argento und Bennett gemeinsam im Bett zeigen soll, waren der New York Times in einer anonymen, verschlüsselten E-Mail übermittelt worden. Die Zeitung schreibt, drei Menschen, die mit dem Fall vertraut seien, hätten die Dokumente als echt bestätigt.