Auf der dritten Ebene ist Spaeths Film, in dem der Regisseur mit seiner Frau selbst Auskunftsgeber, weil einer der Betrogenen ist, eine Parabel über den Kapitalismus. "Das geht nur in diesem Umfeld, das geht nicht woanders ... Da war das für viele normal", sagt Basti über die Tatsache, dass seine Märchen bedenkenlos geglaubt werden. Dass seine Frau von einem Elterntreffen in einer teuren Limousine abgeholt wird, um zum angeblich reichen Schwiegervater kutschiert zu werden, ist ein Stunt, der von Leuten nicht hinterfragt wird, die sich ihrer eigenen Privilegien nicht bewusst sind, weil sie nichts anderes kennen als Wohlstand. Der Schein bestimmt das Sein, und das Geld beeindruckt sich gegenseitig.

Das wird in einer besonders irren Szene anschaulich, die Basti als den Gipfel seiner Machenschaften beschreibt: ein Wochenende mit gemieteter Protzerkarosse in einem Edelhotel mit teurer Escort-Dame, die, wiewohl selbst bezahlt, als Teil der Inszenierung von dem Stück geblendet ist, in dem sie mitwirkt (durch die Blicke der anderen Männer im Restaurant, die sie auf sich zieht). "Der zahlst du einen Betrag x, fährst mit einem Auto rum, was dir nicht mal gehört, und das findet die geil, und du findest es geil, dass sie es geil findet – wenn du das von außen betrachtest, denkst du: Was ist denn das für ein Scheiß?" 

Auch ein Film über die Ungleichheiten von Ost und West

Natürlich könnte man sagen, der Film handele von der Gier des Einzelnen, was im Kapitalismus die systemstabilisierende Erklärung für Verfehlungen ist. Dabei macht Betrug eben auch sichtbar, in welches System sich Basti durch seine Reichtumsprätentionen stabilisiert – in eines, in dem die Profitmaximierung die unhintergehbare Motivation für alles ist.

Nicht zuletzt erzählt Spaeths Dokumentarfilm etwas über das Verhältnis von Ost und West, über die Ungleichheiten beim Vereinigungsprozess. Basti wurde 1983 in Halle geboren, ging in den Neunzigerjahren in Niedersachsen auf die Schule und lebt seit 1999 in München. Um nicht von vornherein als Fremdkörper skeptisch beäugt zu werden, hat er die Herkunft aus der DDR aus seiner Lebenserzählung getilgt; aus Norddeutschland zugezogen zu sein, ist der erste Schritt der Integration in eine elitäre Schicht.

Das Verbrechen, von dem Betrug erzählt, bekommt vor diesem Hintergrund etwas Schweijkhaftes, weil Umverteilung hier einmal andersrum funktioniert: Basti als Treuhand auf zwei Beinen, die mit dem Geld der Schwabinger Bourgeoisie die Filetstücke seiner kurzzeitigen Statusaufwertung ordert.

Am Ende verraten Inserts, dass das an den Rand der Insolvenz getriebene Kinderhaus gerettet werden konnte durch Eltern, die binnen drei Wochen mal eben 90.000 Euro auftreiben können. Weshalb man sich fast fragen kann, ob sich überhaupt von Geschädigten sprechen lässt, wo so viel Geld vorhanden ist.

In die unerhörte Geschichte, die der Film erzählt, ist Bastis Betrug jedenfalls gut investiert.

"Betrug" läuft am 22. August um 22.45 Uhr im Ersten und ist anschließend in der ARD-Mediathek abrufbar.