Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Der Wald"

Da ist er ja schon wieder, der Wald. In den vergangenen Monaten war er einer der Lieblingsschauplätze zahlreicher Fernsehserien, Dark, The Break, von etlichen skandinavischen Gruselorgien ganz zu schweigen. Wald, an sich ja nur ein Baum und noch ein Baum, und doch erschöpft es sich offenbar nicht. Mysteriöses Gelände.

Die neueste Variation davon heißt nur noch Der Wald, und in ihm verschwindet ein Mädchen spurlos am Rand eines französischen Kaffs. Ihr Fahrrad liegt im Moos. Ein neuer Polizeichef ist im Ort gerade eingetroffen und übernimmt sofort. Um ihn herum einigermaßen prekäre Verhältnisse: lügende Ehemänner, seltsame Eremiten, alkoholkranke Lieferwagenfahrer und eine junge Lehrerin, die eine telepathische Verbindung zu Wölfen pflegt.

Trotz hohen Baumbestands und rätselhafter Symbole in ihren Rinden funktioniert auch dieser Krimi nach dem alten Prinzip: War es Gräfin von Porz mit dem Leuchter in der Bibliothek? Dass in einer Serie mit derart begrenztem Personal irgendwann nur noch einer übrig ist, der es am Ende eben gewesen sein muss, liegt am Format. Vielleicht will Der Wald ein bisschen zu viel von allem: Mysterythriller, französischer Sozialrealismus, Kriminalerzählung und Pubertätsproblemgeschichte. 

Dass es dennoch bis zur letzten Folge packend ist, liegt tatsächlich an der Landschaft, an der grau ausgeleuchteten, spürbar erstickenden Kleinstadt und eben diesem von Serien so viel besuchten Ort, der ein paar Geheimnisse dieser Geschichte ungelüftet lässt. Na? Ja, genau der.    
(David Hugendick)
Die sechs Episoden von "Der Wald" sind auf Netflix abrufbar.