Seit Donnerstag läuft in deutschen Kinos ein Film, der auf einem internationalen Bestseller basiert, eine neue Debatte über Vielfalt in Hollywood ausgelöst hat und in den USA überraschend auf Platz eins der Filmcharts gelandet ist. Wahrscheinlich haben Sie von Crazy Rich Asians aber noch gar nichts mitbekommen.

In Deutschland wird die romantische Komödie, die ausschließlich mit asiatisch-stämmigen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt ist, wie ein Geheimtipp gehandelt. Die Autorin dieser Zeilen sah ihn zusammen mit kaum mehr als 30 weiteren Zuschauern im winzigen Saal 12 des CinemaXx am Potsdamer Platz in Berlin. Es war das, was man wohl eine intime Vorstellung nennt. Deutsche, Asiaten und Deutsch-Asiaten saßen in den Reihen.

Der Film handelt von der New Yorker Ökonomieprofessorin Rachel Chu (Constance Wu), die ihren Freund Nick Young (Henry Golding) in seine Heimat Singapur begleitet und dort seine Familie kennenlernt. Die ist so reich, dass sie ihr 200-Millionen-Dollar-Anwesen auf Google Maps verbergen kann. Wie sich herausstellt, ist Nick eine Art asiatischer Prinz Harry. In den Augen dieser Familie ist Rachel nichts weiter als eine dahergelaufene Amerikanerin, die  zwar eine chinesische Mutter hat, aber weder von Tradition noch Klasse etwas versteht. So weit, so Cinderella.

Aber da ist noch etwas. Ein Kulturschock, der den Begriff Kulturschock neu definiert.

In Singapur, stellt Rachel zu ihrer Überraschung fest, tummeln sich die asiatischen Superreichen. Leute, die nebenbei Ohrringe für 1,2 Millionen Dollar kaufen und Hochzeiten für 40 Millionen Dollar ausrichten, solche Sachen. Eines Mittags besucht sie die Versailles-ähnliche Villa einer Studienfreundin und sitzt mit deren Großfamilie zu Tisch. "Iss deine Chicken Nuggets", befiehlt der Vater seinen beiden Zwillingstöchtern. "In Amerika gibt es viele Kinder, die hungern und für Chicken Nuggets dankbar wären." Eine lustige Szene, die so überdreht daherkommt, dass man fast vergessen könnte, dass sie auch Wahrheit enthält.

Das Konfliktpotenzial von "Banane"

Inzwischen, schreibt der in Singapur lebende Financial-Times-Korrespondent James Crabtree, gibt es in der Region des Asien-Pazifik mehr Vermögensmillionäre als in Nordamerika oder Europa. Der Autor der Romanvorlage Crazy Rich Asians, Kevin Kwan, stammt selbst aus einer dieser wohlhabenden Familien Singapurs. Seine Trilogie mit Schilderungen aus diesem Milieu hat weltweit mehr als eine Million Leser gefunden. Der Autor lebt in den USA und ist das, was Asiaten "eine Banane" nennen. Ein Begriff, der auch im Film prominent vorkommt und dessen Bedeutung – und kulturelles Konfliktpotenzial – Sie sich vermutlich leicht ausmalen können: Bananen sind außen gelb und innen weiß, so wie die Asiaten, die im Westen aufgewachsen sind und zwischen Individualismus und Familiensinn zerrissen werden. So wie Rachel und Nick, die sich zwischen den Pflichten gegenüber der Familie und ihrem persönlichen Glück entscheiden müssen.

Obwohl also die Banane als kulturelle Metapher über allem schwebt, ist Crazy Rich Asians kein Problemfilm, in dem es um die qualvolle Identitätssuche einer unterdrückten Minderheit ginge. Es ist eine gut gelaunte, selbstironische romantische Komödie; schamlos in ihrem Kitsch und der Zurschaustellung von Reichtum (übrigens eine sehr chinesische Sache). Man kann sehr gut zwei Stunden in seinem kleinen Kino verbringen, lachen, ein paar Tränen wegdrücken und danach beschwingt in den Abend hinausgehen. Crazy Rich Asians ist Unterhaltung für die Massen. Und gerade deshalb so wichtig.

Ein Hollywoodfilm, der ohne Weiße auskommt

Wie man derzeit in allen großen amerikanischen Medien nachlesen kann, hat es in Hollywood seit 25 Jahren keinen Film dieser Art gegeben: Die zwei Hauptdarsteller sind asiatisch-stämmig (Constance Wu ist taiwanesische Amerikanerin, Henry Golding malaysischer Brite), die restliche Besetzung und der Regisseur sind es ebenso. Es ist ein Hollywood-Film, der ohne Weiße auskommt. Ein Film von Leuten mit gemischten Biografien, die mit dieser Geschichte auch ihre eigene Geschichte erzählen.

Wie revolutionär das ist, sieht man nicht nur an den glückseligen Tweets der Zuschauer, die sich endlich ernst genommen fühlen. "Es ist schön, in einem Kino mit lauter weißen Zuschauern zu sitzen und über die Insiderwitze zu lachen, während alle anderen schweigen", schreibt ein asiatisch-stämmiger Genetiker aus Salt Lake City auf Twitter. "Es ist schön, dass es einen Film für Leute wie mich gibt."

Für das eigene Selbstwertgefühl macht es eben einen riesigen Unterschied, ob man in Werbespots, Fernsehserien oder Kinofilmen auch ab und zu Leute entdeckt, die so aussehen wie man selbst. Es ist ein bisschen so wie mit demokratischer Repräsentation: In dem Moment, in dem ein Vertreter des eigenen Typus vorne Platz nimmt, fühlt man sich automatisch stärker als Teil der Gesellschaft.

Gerade für Menschen asiatischer Herkunft, denen so oft nachgesagt wird, dass sie "fleißig", "angepasst" und "unauffällig" seien, ist dieses Gesehen-Werden wichtig. Es bricht das Klischee, das dazu dient, sie kleinzuhalten.

Eine riesige Kleinigkeit fehlt

Das zu erreichen, war nicht einfach. Wie das Time-Magazin in seiner Titelgeschichte zu dem Film berichtet, schlug ein früherer Produzent vor, eine weiße Schauspielerin für die Hauptrolle zu nehmen. (So kennt man es aus Filmen wie Ghost in the Shell, in der Scarlett Johansson die japanische Hauptfigur spielt.) Die Filmemacher lehnten ab. Auch zu Netflix, das ihnen einen lukrativen Deal für eine Serie anbot, sagten sie Nein. Sie wollten lieber mit Warner Brothers zusammenarbeiten. Das Studio versprach, den Film im Kino groß rauszubringen. "Sie denken, dass wir einfach zu allem Ja sagen und dankbar sein werden", erzählte Hauptdarstellerin Constance Wu dem Magazin Time.

Umso überraschender ist es daher, dass der deutsche Verleih von Warner Brothers den englischen Filmtitel nicht vollständig übernommen hat. Eine riesige Kleinigkeit fehlt: Das Wort "Asian" wurde aus dem Originaltitel Crazy Rich Asians einfach gestrichen. In Deutschland heißt der Film daher nur Crazy Rich und wird lediglich in wenigen Kinos gezeigt – in Berlin und Hamburg sind es gerade mal vier Häuser, in München immerhin fünf. Auch das Filmplakat wurde offenbar an den deutschsprachigen Markt angepasst: Statt des asiatisch anmutenden Hintergrunds des amerikanischen Originals sieht man auf den deutschen Plakaten Rachel und Nick vor einer Hochhauskulisse, die auch New York sein könnte.

Es wirkt ein bisschen so, als würde der Verleih dem deutschen Publikum nicht zu viel Asiatisches zumuten wollen. Als würde er hier kein großes Interesse wittern. ZEIT ONLINE hat Warner Brothers daher gefragt, warum der deutsche Titel geändert wurde. Die Frage blieb am Montag unbeantwortet.

Sicher, die deutsche asiatische Gemeinde ist deutlich kleiner als die asiatische Community in den USA. Laut Statistischem Bundesamt leben hier rund 350.000 Menschen chinesischer und vietnamesischer Herkunft; zählt man die Thailänder, Japaner und Koreaner hinzu, kommt man vielleicht auf eine halbe Million Menschen.

Die Hautfarbe definiert nicht den Charakter

Der Markt ist zwar einerseits klein. Andererseits waren andere asiatische Filme wie Hero (China) oder Die Geisha (USA) auch in Deutschland Publikumserfolge. Auf Twitter haben sich am Sonntag viele Nutzer über die deutsche Marketingstrategie von Crazy Rich Asians gewundert. Die meisten von ihnen sind weiße Deutsche. "Ich habe gehört, dass er in Österreich nur in einem einzigen Kino in Wien läuft", schrieb die Komikerin Sophie Passmann. "Der Kino-Kritiker des WDR wiederum hatte letzte Woche in New York Mühe, ein Kino zu finden, in dem der Film noch nicht ausverkauft ist." Vielleicht ist das deutsche Publikum offener, als die Marketingexperten meinen. Vielleicht macht es ihnen nicht so viel aus, auch mal andere Gesichter auf der Kinoleinwand zu sehen.

In den USA war Crazy Rich Asians viel erfolgreicher als erwartet. Die 30 Millionen Dollar Produktionskosten spielte die Liebeskomödie binnen fünf Tage wieder ein. Seit ihrem Filmstart am 15. August hat sie weltweit rund 84 Millionen Dollar eingebracht, ein Nachfolgeprojekt wurde von Warner Brothers schon in Auftrag gegeben. Der Film ist also kein Nischenphänomen, sondern ein Mainstreamerfolg. Das zeigt, dass auch Nicht-Asiaten gerne Filme mit asiatischen Schauspielerinnen und Schauspielern sehen. So wie übrigens auch Nicht-Weiße gerne Filme mit weißen Darstellern besuchen.

In einer Zeit, in der weltweit so viel über Identität und Einwanderer gestritten wird, scheint sich auch das Kinopublikum nach guten Geschichten aus dem Leben der anderen zu sehnen. Nach Erzählungen, in denen reiche Asiaten über arme Amerikaner lachen und über sich selbst. 

Vertraute Schablonen

Vor einem halben Jahr erschien ein Film, der eine andere Minderheit stolz ins Zentrum setzte und zum Riesenerfolg wurde: die Marvel-Verfilmung Black Panther. Auch er hatte ein vornehmlich nicht-weißes Ensemble, auch er bediente sich vertrauter Schablonen: Superkräfte, fremde Welten, mächtige Bösewichte. Obwohl er deutlich politischer war als Crazy Rich Asians, war auch dieser Film in erster Linie Unterhaltung. Und während sich die Zuschauerin oder der Zuschauer mit diesem Anführer oder jener Generalin identifizierte, bekamen er und sie eine Geschichte über schwarze Identität gleich miterzählt.

Das ist das Kluge an Blockbustern wie diesen: Ob hier eine schwarze, weiße oder gelbe Figur liebt, kämpft oder stirbt, ist eigentlich gar nicht so wichtig. Die Hautfarbe definiert nicht den Charakter. Die Nicht-Weißen sind genauso böse, gut, romantisch oder gemein wie die Weißen. Sie müssen nicht gerettet werden oder anderen als exotischer Sidekick dienen – sie sind selbst die Retter und Heldinnen und Täter.

Gerade in Deutschland, wo sich die Identitätsdebatte so oft zu Skandalen verhärtet (Özil, Seehofer, Bamf), sind Filme wie diese so erfrischend wie dringend notwendig. Man sieht an ihnen, dass der Migrant nicht nur in Gestalt des afrikanischen Bootsflüchtlings daherkommt, der das gelobte Europa erreichen will. Es gibt viele Typen und noch mehr Geschichten, die man über sie erfahren kann. Manche handeln von der Not, andere von Weltrevolutionen und wieder andere von der Liebe.