Eine neue Serie von Matt Groening ist immer eine spannende Sache. Der Schöpfer der Simpsons ist sich lange treu geblieben, aber wichtiger wiegt wahrscheinlich, dass seine Schöpfungen ihm treu geblieben sind. Als Die Simpsons 1989 beim Sender Fox in Serie gingen, waren sie der erste Cartoon im Abendprogramm seit Familie Feuerstein und den Jetsons in den Sechzigern. Bald brachte die gelbe Familie mit dem Überbiss Sittenwächter und sogar US-Präsident Bush senior gegen sich auf. Die Serie witzelte und parodierte mehr oder wenig munter weiter, ein sonntägliches Perpetuum mobile. Weil das Merchandising weiterhin superb läuft und weil die Darsteller eben nicht altern, gibt es weder Gründe, die Sendung einzustellen, noch sie kreativ zu erfrischen.

Vielleicht liegt es daran, dass Die Simpsons seit fast 20 Jahren im kreativen Dornröschenschlaf liegen, dass Groenings neue Serie Disenchantment im Märchenwald spielt. Sehr weit von Springfield hat sich das Team auch diesmal nicht wegbewegt, aber zumindest vom Fox-Kanal ist man abgerückt. Allerdings ist der Gang zu Netflix zu einer Zeit, in der selbst ein Dauerbrenner wie Star Trek dort Premiere feiert, auch nicht gerade kühn. Wie so häufig, wenn Netflix sich eine Blaupause bestehender Serien einkauft, könnte sich der Zuschauer am Ende fragen, warum er nicht einfach das Original weiterschaut, das ja immer noch im Free-TV läuft.

Disenchantment hat (zumindest in der englischen Fassung) richtig gute Stimmen, eine poppige, vom Computer unterstützte Grafik der neueren Simpsons und Matt Groenings altbewährten Humor. Prinzessin Bean (Stimme von Abbi Jacobson) ist die verzogene und antriebslose Tochter des Königs Zøg von Fairyland (Stimme von John DiMaggio, sofort erkennbar als Bender aus Futurama). Ihr zur Seite stehen ein Elf namens Elfo (Nat Faxon) und ein aus bisher unklaren Gründen auf sie angesetzter Dämon namens Luci (Eric André), der sie auf die schiefe Bahn locken soll und feststellen muss, dass sie sich schon längst auf dieser befindet. Gemeinsam erleben sie die Abenteuer, die ewig Heranwachsende heutzutage eben in Komödien erleben.

Besonders viel Neues ist den Machern nicht eingefallen. Der absurde visuelle Humor orientiert sich an den späteren Staffeln der Simpsons, die fantastischen Stimmen rekrutieren sich vornehmlich aus dem Talentpool von Futurama. Klar, das Ganze kommt erwachsener daher als Die Simpsons und weniger nerdig als Futurama. Ein paar gute Gags haben die ersten Folgen, die vorab zu sehen waren, durchaus zu bieten: ein Foliant, der so alt ist, dass er nur noch aus Staub besteht, eine fiese Groteskerie über Kinderarbeit und jede Menge zotiger Tavernennamen.

Zumindest auf der Metaebene ist man ein wenig mit der Zeit gegangen: ein Mädchen als Hauptfigur, eine gute Portion Feminismus, eine böse Schwiegermutter, deren Akzent nach Melania Trump klingt, und endlich auch mal Nichtweiße als Sprecher. Gerade in Anbetracht der vor Kurzem noch einmal kontrovers durchdiskutierten Simpsons-Figur Apu Nahasapeemapetilon eine positive Entwicklung.

Anders als die beiden berühmten Vorgänger ist Disenchantment, wie es sich für eine Fantasy-Serie gehört, seriell und nicht episodisch aufgebaut – was sein Gutes wie sein Schlechtes hat. Die Simpsons haben an ihrer 30-jährigen Überstrapazierung der reset button technique (in der am Anfang der nächsten Folge wieder alles beim Alten ist) viel Spaß gehabt. Disenchantment bastelt, wie es sich fürs Netflix-Zeitalter gehört, langsam und kontinuierlich an Welt und Figurenkonstellationen. Das ist durchaus angenehm. Allerdings ist es ein bisschen bizarr, dass Prinzessin Bean in den ersten sechs Folgen gleich zweimal verheiratet werden soll und auch zweimal Partys aus dem Ruder laufen.

Ermüdende Fiesheit

Mies im Prinzessinnensein: Bean mit Bier auf dem Thron © Netflix

Unklar ist, warum der Horizont des Möglichen in Fairyland anfangs so eng gesteckt ist. Hatten die Macher Angst davor, die Zuschauer mit zu viel Fantasy zu vergraulen? Dafür würde sprechen, dass sich die ersten Episoden der Konventionen von Kiffer- und Buddy-Komödien bedienen. Im Vergleich zu Futurama, wo jede Woche alles passieren konnte (oder zu Rick and Morty, einer Sendung, die die Grenzenlosigkeit ihrer eigenen Welt melancholisch kommentiert), fällt dieses eingeschränkte Szenario unangenehm auf.

Ist Fantasy einfach weniger kulturell präsent? Kennen wir die Szenarien des Genres einfach nicht gut genug, als dass eine Sendung wie Disenchantment einfach drauflos parodieren könnte? Witze zu Tolkien oder Dungeons & Dragons sucht man in Disenchantment vergebens, stattdessen kriegen Kaffeerösterketten und das Off-Broadway-Theater so richtig ihr Fett weg. Die Anspielungen auf Game of Thrones sind ebenfalls nicht gerade berauschend und erinnern eher an die Vignetten der Halloween-Folgen von Die Simpsons. Jene Form von Parodie also, die im Wiedererkennungswert bereits einen Witz erkennt und die für die Logik dessen, was sie parodiert, eigentlich gar kein Gespür hat.

Die Pfeile treffen nicht ins Schwarze

Umgekehrt sind die Klischees, die persifliert werden, oft alles andere als universell. Es gibt Witze in den Simpsons, die die Konsumgesellschaft, die Medien, die USA besser auf den Punkt bringen als 50 Amerikanistik-Seminare. So genial trifft in den ersten sechs Folgen Disenchantment keiner der Pfeile und, schlimmer noch, es zielt auch keiner darauf ab. Einzig eine wirklich rabenschwarze Parodie auf Grimms Märchen in der fünften Folge funktioniert richtig gut, indem sie den Subtext von Hänsel und Gretel einfach konsequent durchspielt.

In dieser Parodie zeigt sich dann vielleicht doch eine Existenzberechtigung dieser Serie: Normalerweise wirkt die Fiesheit, die sich Serien erlauben können, die auf Netflix laufen und sich nicht mehr den Zensoren der großen amerikanischen Fernsehkanäle unterordnen müssen, eher ermüdend. Normverstöße, die ungemein vorhersehbar und billig sind, denen man anmerkt, dass sie die Macher nichts kosten und ihnen eigentlich auch widerstreben. Disenchantment ist da anders: Die Serie ist dort am besten, wo die Parodie die dunkelsten Blüten treibt. Klar, auch hier muss die aus vorhergehenden Groening-Produktionen bekannte Mischung aus Zynismus und Herz bedient werden – aber generell geht die Serie nihilistischer an ihre Welt heran, was irgendwie dann doch erfrischend wirkt.

Dabei hilft auch das Casting: Anders als die Futurama-Veteranen Billy West und John DiMaggio bringt Abbi Jacobson die krude, anarchische Energie ihrer Hit-Serie Broad City in den Märchenwald. Ihre Prinzessin ist eine Säuferin und Kifferin, keine Jungfrau mehr und ihre Unabhängigkeit trägt einerseits feministische und andererseits soziopathische Züge. Sie war, so sagt ihr Vater, "mies im Prinzessin-Sein und mies im Nonne-Sein, und andere Mädchenberufe fallen mir nicht ein".

Die Szenen, in denen Bean ihrem Vater zeigen will, dass sie sich auch als Frau in einer mittelalterlichen Gesellschaft nützlich machen kann und dann als Folterknechtin und Scharfrichterin Karriere macht, ist ein wunderbar giftiger Kommentar auf moderne Selbstverwirklichungstopoi. Genau die Art Kommentar, die die Simpsons in ihrem goldenen Zeitalter immer mal wieder hinbekamen.

Und wer die erste Staffel dieser Serie noch im Kopf hat, weiß, dass auch Groenings Gesellenstück ein paar Folgen brauchte, um erstens kühn und zweitens präzise genug zu werden. Damals waren es die Zensoren von Fox, deren Widerstand Höchstleistungen aus Groenings Team herauskitzelte. Wird die Streaming-Ära Ähnliches bei Disenchantment bewirken? Die nächsten Folgen werden es zeigen.

"Disenchantment" läuft ab 17. August auf Netflix.