Ein Wohnwagen mit Schminkspiegel, wie man ihn von Filmsets kennt. Eine Maskenbildnerin pudert eine ältere Dame und muss sich von ihr anraunzen lassen: "Können Sie nicht mal lächeln?" Dann taucht eine Produktionsassistentin auf und treibt die Frau und andere wartende Menschen an: "Alle raus! Rennen!" Die Gruppe hetzt an Häusern vorbei, Schüsse und Detonationen sind zu hören. Auf einem Platz stehen ein ausgebranntes Auto und ein zerstörter Bus. Die Frau, die eben noch geschminkt wurde, gibt einem Fernsehteam ein Interview: "Ich habe die Explosionen gehört und bin gleich hierhergekommen."

Was sehen der Zuschauer, die Zuschauerin hier? Dreharbeiten zu einem Spielfilm? Oder ist der Bombenanschlag real? Wenn ja, was machen dann diese Laiendarstellerinnen und -darsteller hier? Wer hat sie engagiert und zu welchem Zweck? Realität und Propaganda, wahres Geschehen und Inszenierung haben sich in Donbass bis zur Unkenntlichkeit ineinander verkeilt. 

Der Film spielt im Donezbecken, dem Industrie- und Kohlegebiet in der Ostukraine, wo sich ukrainische Truppen und prorussische Separatisten seit 2014 erbitterte Gefechte liefern. Die Frontlinien sind seit geraumer Zeit starr, keine Seite kann diesen Krieg für sich entscheiden. Dutzende Waffenstillstandsabkommen wurden gebrochen, das letzte im Juli 2018 wenige Stunden nach seiner Ausrufung. Jeden Monat kommen Dutzende Soldaten und Zivilisten ums Leben, Warlords nutzen die hoffnungslose Lage für ihre Interessen und vergrößern die Instabilität noch.

Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa hat diesen ganz konkreten Schauplatz für seinen neuen Film gewählt, und doch treibt er mit ihm eine Abstraktion auf die Spitze, die schon seine vorangegangenen fiktionalen Arbeiten auszeichnete. Die Welt wirkt in Loznitsas Arbeiten in ihrer Düsternis und Ärmlichkeit ganz unmittelbar greifbar. Aber die Figuren, die darin agieren, sind undurchschaubar, ihr Handeln ist erratisch, absurd, irrational, brutal. Niemand hier nimmt den Zuschauer an die Hand und erklärt, was eigentlich los ist. Es kommt auch kein Held wie im Hollywoodfilm und bannt das Böse. Sergei Loznitsa, der seit 2001 mit seiner Familie in Deutschland lebt, ist einer der spannendsten europäischen Regisseure der Gegenwart. Er ist ohne Frage auch einer der anstrengendsten.

Hoffnung schimmert nicht auf

Hoffnung, und sei es auch nur der kleinste Schimmer, scheint in Donbass nicht auf. Die 13 Episoden dieses Kriegskaleidoskops bilden ein Ringelreihen des zähnebleckenden Irrsinns. In einem der intensivsten Kapitel wird ein vermeintlicher Verräter von Soldaten an einer Straße mit einem Schild um den Hals ausgestellt. Bald findet sich eine ganze Traube von Passanten ein, die ihn schlagen, bespucken, mit dem Tod bedrohen, für sadistische Selfies missbrauchen. Als der Mann schließlich blutend abgeführt wird, verfolgt ihn das schrille Gelächter seiner Peiniger. Es gräbt sich dem Zuschauer tiefer ein als die Brutalität zuvor.

Irgendwo in diesem Kriegsfilm steckt tatsächlich eine verzweifelte Komödie, aber der Witz ist toxisch und ätzend. Niemand hier, so scheint es, ist in diesem Krieg und seiner begleitenden Propagandaschlacht ohne seelische Deformierung geblieben. Nicht das unablässig hysterisch kreischende Brautpaar, das sich unter dem Johlen uniformierter Zuschauer das Jawort gibt; nicht die Frau, die einen Politiker mit einem Kübel Jauche übergießt und sich in einem minutenlangen Monolog über die freie Presse echauffiert; nicht der Mann – ob Beamter oder Warlord wird nicht klar –, der der versammelten Belegschaft eines Krankenhauses großspurig erklärt, einen korrupten Arzt unschädlich gemacht zu haben, nur um im Nebenzimmer von ebendiesem Mann Geld entgegenzunehmen.