Noch immer werden zu wenig Filme von Frauen gemacht. Deshalb hat die junge Regisseurin Isabell Šuba das Mentoring-Programm "Into the Wild" gestartet, mit dem sie junge Filmemacherinnen, Autorinnen, Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen fördern will. Mit ihrem Manifest "Femifesto" fordern sie ebenso witzig wie ernsthaft Veränderungen in der Branche, vor und hinter der Kamera.

ZEIT ONLINE: Muss ein Film immer die Wirklichkeit abbilden? 

Isabell Šuba: Nein. Man geht auch ins Kino, weil man die Wirklichkeit verlassen will. Aber solange es eine strukturelle gesellschaftliche Benachteiligung gibt, trotz vieler Jahre intensiver Aufklärungs- und Lobbyarbeit, müssen wir das leider verlangen: Film als stärkstes Wahrnehmungsmedium muss versuchen, Realität abzubilden.

ZEIT ONLINE: In einer idealen Welt wäre das so. 

Šuba: Das Tolle am Film ist ja, dass nicht nur eine Person ihn stemmt, sondern viele Leute beteiligt sind, die unterschiedliche Perspektiven einbringen können. Deswegen richtet sich diese Forderung nicht nur an die Filmschaffenden im engeren Sinne, sondern auch an die Fördergremien, an die Politik, an alle beteiligten Institutionen.

ZEIT ONLINE: Deswegen auch die Forderung nach gemischten Teams?

Šuba: Genau. Aus eigener Erfahrung mit unterschiedlichen Teams weiß ich, wie positiv es ist, mit neuen Sichtweisen konfrontiert zu werden. Ich komme aus den Treffen und denke: "Wow, krass, so habe ich das noch nie gesehen."

ZEIT ONLINE: In der Einleitung zu dem Manifest "Femifesto" heißt es: "Sein Ziel ist eine grundsätzliche Gleichberechtigung aller Gruppen." Also aller Männer und Frauen. Juristisch sind sie längst gleichgestellt. Woran hapert es Ihrer Meinung dennoch?

Šuba: Es dauert, bis etwas, das auf dem gesetzlichen Papier verankert ist, in der Gesellschaft und Kultur Normalität geworden ist, in Familienstrukturen beispielsweise, aber auch in Sehgewohnheiten. Es gibt einen Verzug zwischen Realität, Zeitgeist und Exekutive.

ZEIT ONLINE: Und in der Filmbranche ist das besonders eklatant?

Šuba: Ich glaube, leider nicht. Überall, wo es Macht zu holen gibt, also in Berufen mit Machtstrukturen wie in Krankenhäusern oder sonst wo, ist es oft so, dass oben meistens ein Mann steht. Es gibt natürlich Bereiche, in denen es mehr Frauen gibt und in die Frauen, als sie von den Sechzigerjahren an in die Berufstätigkeit drängten, vorzugsweise gegangen sind. Aber dort sitzt typischerweise nicht das Geld.

ZEIT ONLINE: Sie sagen auch: "Wir begreifen Film als ein Mittel, Denken und Gesellschaft zu verändern." Muss ein Film überhaupt ein "Mittel" sein oder ein "Programm" haben?

Šuba: Nein. Aber wir als Kollektiv wollen Filme machen, in denen wir uns mit dem Thema auseinandersetzen und unsere Überlegungen spiegeln. Es geht uns dabei um eine Haltung. Und am Ende kann jeder selbst entscheiden, ob er sich im Kino nur unterhalten lassen oder auch kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzen will.

ZEIT ONLINE: Ist das denn ein Widerspruch?

Šuba: Muss es nicht sein. Zum Beispiel gibt es in Serien genug Platz und Zeit, Figuren auch vielschichtiger zu zeichnen. Das wird für beides genutzt: Reflexion der Wirklichkeit und Unterhaltung. Und es werden so viele Filme gemacht, da ist wirklich Platz für alles. Das einzige, worauf man achten muss, ist, dass nicht immer die gleichen zehn Leute die immer gleichen Filme machen.

ZEIT ONLINE: Nun können Sie als Gruppe Themen und Filme für sich beschließen, wie Sie wollen. Die Frage ist ja, wie bringen Sie alle anderen – Fördergremien, Produzenten – dazu, diese Filme auch zu unterstützen?

Isabell Šuba wurde 1981 in Berlin geboren und studierte an der Filmhochschule Babelsberg Regie. Ihre bekanntesten Filme sind "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" (2013) sowie "Hanni & Nanni" (2017). Um junge Filmemacherinnen zu fördern, gründete sie 2017 das Mentoring-Programm "Into the Wild" und schrieb das Manifest "Femifesto". © Barrierestudio

Šuba: Das ist harte Arbeit. Es muss erkämpft werden, dass sich eine Wahrnehmung verändert, Schritt für Schritt.

ZEIT ONLINE: In der Diskussion um gezielte Förderung von Frauen im Film hört man oft das Argument, die Qualität müsse Vorrang haben. Widersprechen sich gezielte Förderung und Qualität?

Šuba: Darauf gibt es mehrere Antworten. Es gab schon immer, quasi seit Jahrhunderten, eine geheime Quote für Männer. So war es auch in den hundert Jahren Filmgeschichte. Wenn nur Männer Filme gemacht haben, liegt es für manche heute nahe, zu sagen, Frauen seien talentlos. Dabei kann sich eigentlich bis auf Donald Trump keiner mehr hinstellen und das ernsthaft behaupten. Es ist vielmehr ein Beleg für diese unausgesprochene Männerquote. Daneben sollte eine Gesellschaft den Anspruch haben, dass alle ihre Mitglieder daran teilhaben. Das mithilfe einer Quote durchzusetzen, ist ein bisschen unsexy, aber letztlich einfach gerecht. Darüber muss man nicht diskutieren. Und schließlich hört man ständig, dass der deutsche Film international qualitativ nicht mithalten könne. Nun sind 80 Prozent aller Filme, die hier gemacht werden, von Männern. Wenn wir also ein Konkurrenzproblem haben, liegt das sicherlich nicht an den Frauen.

ZEIT ONLINE: Und eine Quote könnte hier helfen?

Šuba: In Schweden hat gerade eine Studie gezeigt, dass Filme von Frauen erfolgreicher sind. Also ja!

ZEIT ONLINE: Wobei die schwedische Filmförderung gar nicht auf eine formale Quote setzt.

Šuba: Das ist ja egal. Ob reale oder gedankliche Quote: Am Ende müssen mehr Filme von Frauen gefördert werden, und das setzen die Schweden praktisch um. Wenn alle Talente und nicht mehr nur die Hälfte um die Fördertöpfe kämpfen muss, kann man davon ausgehen, dass am Ende noch viel bessere Filme dabei herauskommen.

ZEIT ONLINE: In dem Manifest heißt es: "Neue Heldinnen! Frauen über 50 Jahre und 50 Kilo in Hauptrollen." Warum sollte ein Produzent riskieren, Figuren zu zeigen, mit denen sich vielleicht zu wenige identifizieren wollen? In der Modebranche funktioniert es ja bislang auch nicht. 

Šuba: Die Frage ist wohl, was zuerst da war. Ich glaube, wenn man neue Rollenbilder schafft, dann erreicht man auch neue Zielgruppen, die ins Kino gehen und Filme gucken. Netflix ist dafür übrigens ein interessantes Beispiel: Die haben wirklich für jeden etwas, in allen Hautfarben, in allen Sexualitäten, und dieses Konzept scheint aufzugehen. Wir müssen uns klarmachen, dass dadurch neue Filme hinzukommen und man nicht welche totschlägt.

ZEIT ONLINE: Wobei Netflix diese Diversität nicht deswegen betreibt, weil dort die besseren Menschen arbeiten, sondern weil ihr Konzept auch ökonomisch aufgeht. Wenn sie mit einer Serie etwa Mitglieder der Gay Community ansprechen und diese dann ein Abo abschließen, werden sie voraussichtlich eine Weile Abonnenten bleiben.

Šuba: So oder so – ich nehme Menschen, die am lautesten gegen gezielte Frauenförderung sind, das ohnehin gar nicht richtig ab. Wenn die das Thema mal zu einer persönlichen Frage formulieren würden und sich beispielsweise die Strukturen im eigenen Familienkreis anschauten, dann wünschen sie sich doch für ihre Töchter die gleichen Chancen und Möglichkeiten wie für ihre Söhne. Sie suchen nicht nur bei den Töchtern die Fehler, warum diese sich nicht in die Gesellschaft einfügen können. Menschen haben einen grundsätzlichen Gerechtigkeitssinn, sofern der nicht völlig gestört ist. Und ich glaube fest daran, dass wir alle glücklicher in unserem Arbeitsalltag wären, wenn die Gleichstellung von Männern und Frauen Normalität würde.

ZEIT ONLINE: Zur Einübung des Umdenkens fordern Sie: Keine nackten Frauen mehr ohne Eigenschaften und Aufgaben im Film. Dann gäbe es aber auch keinen Film wie Eyes Wide Shut von Stanley Kubrick.

Šuba: Tja, was soll ich sagen? Im Krieg ist alles erlaubt.