Frauenrollen im deutschen Fernsehen sind bis auf wenige Ausnahmen immer noch sehr klischeebehaftet: Die Protagonistinnen sind gut aussehend, dabei unglaublich stark und fallen am Ende meist in die Arme eines noch stärkeren Mannes. "Arthurs Gesetz", die neue Serie von TNT Comedy, macht das anders. In der schwarzen Komödie, die in ihren Motiven an den Film "Fargo" erinnert, geht es um den vom Leben gebeutelten 50-jährigen Arthur Ahnepol (Jan Josef Liefers), der sich in eine junge Prostituierte verliebt, in eine Reihe von Morden verstrickt wird und nebenbei versucht, seine Ehefrau loszuwerden. Martina Gedeck spielt in einer Doppelrolle Arthurs Ehefrau Martha und deren Zwillingsschwester, die melancholische Polizeichefin Muriel.

ZEIT ONLINE: Frau Gedeck, Sie haben schon viele Fernsehproduktionen gemacht, aber noch nie eine Serie. Warum gerade Arthurs Gesetz mit dem Pay-TV-Sender TNT Comedy?

Martina Gedeck: Mich haben die Drehbücher sofort fasziniert, besonders die Frauenfiguren. Ich habe zuletzt oft unterdrückte Frauen, ruhige Frauen, intellektuelle Frauen gespielt. So eine Figur wie Martha habe ich mir immer gewünscht, eine extrovertierte Frau, die stets knapp am Wahnsinn vorbeischrammt und dabei so eine Power hat – das fand ich als Gegensatz ganz toll. Martha zeigt ihrem Mann Arthur jeden Tag, wo der Hammer hängt. Sie ist eine Frau, die schlagfertig ist, sich nicht unterdrücken lässt, ganz im Gegenteil. Martha ist diejenige, die unterdrückt: ihren Ehemann, aber auch ihre Zwillingsschwester Muriel. Die ist zwar Polizeichefin des Kleinstädtchens, aber viel weicher als Martha, viel nachgiebiger und viel verpeilter. Martha weiß immer sofort, was zu tun ist, wenn sie wieder in eine unmögliche Situation geraten ist. Zwei so unterschiedliche Charaktere zu spielen, das ist natürlich ein Fest für mich als Schauspielerin!

ZEIT ONLINE: Die Eheleute Arthur und Martha sind in einer unheilvollen Beziehung voller Schuldgefühle und emotionaler Erpressung ineinander verkeilt. Er sägt sich auf Drängen seiner Frau sogar die rechte Hand ab, um durch einen Versicherungsbetrug zu Geld zu kommen. Ist das noch lustig?

Gedeck: Die Serie ist eine Comedy, aber man kann die Geschichte auch aus einem anderen Blickwinkel sehen. Arthur ist arbeitslos, er trägt eine Prothese, er ist ein Behinderter, der aus der Gesellschaft völlig ausgeschlossen ist. Ein absoluter Loser, genau wie die Frau an seiner Seite. Die Frage ist: Wie gehen die beiden damit um? Auch wenn wir stark überzeichnen, hat die Geschichte doch ganz viel mit der Realität vieler Menschen zu tun, die keine Perspektive haben, aber mal vom großen Leben geträumt haben. Da geht es gar nicht unbedingt um Reichtum, sondern um Schönheit, um die Fülle des Lebens. Diese Menschen sitzen jetzt da, mit 45 oder 50, und sagen: Das war's jetzt, mehr kommt da nicht. Solche Dinge müssen mal gezeigt werden. Das möchte ich auch im Fernsehen abgebildet sehen.

Immer knapp am Wahnsinn vorbei: Martina Gedeck als Martha Ahnepol in "Arthurs Gesetz" © 2018 Turner Broadcasting System Europe Limited & Goodfriends / Christian Schulz

ZEIT ONLINE: Martha ist fürchterlich geschminkt, trägt Leopardenprints und zu enge T-Shirts. So eine Heldin sieht man in deutschen TV-Serien selten. 

Gedeck: Wenn man das normale Fernsehprogramm ansieht, wird einem schlecht. Es fehlt an Lebensnähe und auch an Fantasie. Es ist kaum auszuhalten, wie eindimensional Frauen – und übrigens auch Männer! – oft dargestellt werden. Natürlich gibt es Ausnahmen, ich habe aber den Eindruck, dass anspruchsvollere Produktionen in letzter Zeit von der Bildfläche verschwinden zugunsten von Krimis und Pilcher-ähnlichem Zuckerzeug. Ich verstehe, dass keiner Lust hat, das zu sehen, und viele lieber amerikanische Serien streamen. Unsere Realität ist an einem ganz anderen Punkt, es ist wirklich an der Zeit, dass auch im Fernsehen andere Rollenbilder gezeigt werden.

ZEIT ONLINE: Welche Voraussetzung muss eine Rolle haben, damit sie für Sie interessant ist?

Gedeck: Eine Rolle muss einem die Möglichkeit geben, einen Menschen darzustellen.  Und was die viel diskutierte Frauenfrage angeht: Die US-Serie Mad Men zum Beispiel spielt in einer Zeit, die von Männern dominiert wurde. Trotzdem sind die Frauenfiguren gleichberechtigt erzählt. Früher wurden Frauen als Unterdrückte abgebildet und auch unterdrückt erzählt. Ich habe das als junge Schauspielerin nicht so empfunden, weil ich damals einfach froh war, dass ich spielen konnte. Aber wenn ich mir die Sachen heute noch mal anschaue, denke ich: Mein Gott, da wurde man als erotisches junges Mädchen in die Landschaft gestellt und war Beiwerk für die Männer.

ZEIT ONLINE: Die Frauenrollen in Arthurs Gesetz sind anders?

Gedeck: Der Autor Benjamin Gutsche erzählt Frauen eben nicht nur als Projektionsfläche von Männern, sondern als komplexe, eigenständige, wenn nicht sogar widerständige Wesen mit all ihren Träumen und Hoffnungen. Deshalb sind die Frauenfiguren in der Serie real und spannend. Man will bei ihnen bleiben, man will wissen, was weiter mit ihnen passiert.