Ist Tom Cruise ein Alien? In der Sci-Fi-Krimikomödie Men in Black wurde einst enthüllt, dass u.a. Elvis und Michael Jackson Außerirdische sind, die inkognito auf der Erde leben. Auch Tom Cruise besitzt, wie besonders sein neuer Film zeigt, eine außerweltliche Aura. Als Ethan Hunt ist er nicht nur ein unkaputtbarer Agent. Er ist ein Perpetuum mobile, dessen manische Energie und nimmermüdes Rackern und Rennen den Zuschauer über 148 Filmminuten lang in Bann ziehen. In einem unfreiwillig komischen Regieeinfall ist ihm nun "Superman" Henry Cavill als Aufpasser August Walker zur Seite gestellt worden.

Dieses trotz Pornoschnauzers ausnehmend schöne und stattliche Mannsbild schrumpft neben dem um einen Kopf kleineren und 20 Jahre älteren Hunt zum Dekoobjekt mit der Ausstrahlung einer welken Zimmerpflanze. Walker steht herum und schaut wichtig – während Hunt sich mit der Zähigkeit eines Terriers in immer aberwitzigere Kapriolen stürzt. Cruise erweist sich – in Personalunion als Produzent, Hauptdarsteller und bester Special Effect – als genialer Showman, der genau weiß, was er will, kann und wie er das Publikum um den Finger wickelt. In der Zusammenarbeit mit Regisseur Christopher McQuarrie, die mit Mission: Impossible 5 begonnen hat, ist so Cruises bislang unterhaltsamster Reißer entstanden – gemessen an den Maßstäben des gehobenen Actiongenres. 

Stilett im Strumpfband

Dabei bietet das sechste Mission-Impossible-Getöse bis hin zum Ticken des Atombombencountdowns inhaltlich so gar nichts Neues: endloses Verschwörungsgeschwurbel, wie es seit der TV-Serie Kobra, übernehmen Sie auch zum Markenzeichen der Kinofilmreihe wurde. Es gilt, die Terrororganisation "The Apostles" daran zu hindern, auf dem Schwarzmarkt drei Plutoniumkapseln zu kaufen. Nachdem Hunts erster Vorstoß fehlgeschlagen ist, bekommt er von der Chefin des CIA August Walker vor die Nase gesetzt. Das folgende Verwirrspiel mit Agenten, Doppelagenten und Terroristen, die mit religiöser Inbrunst von "Erneuerung durch Leiden" schwärmen, erinnern an G. K. Chestertons metaphysischen Krimi Der Mann, der Donnerstag war, in dem das ineinander Aufgehen von Terror und Terrorabwehr symbolisch für das Hamsterrad der Existenz steht.

Während Hunt mal wieder als Maulwurf verdächtigt wird, ist natürlich schon von Weitem erkennbar, welcher Schurke sich tatsächlich als Agent tarnt. Nichts Neues auch, was die Frauen angeht: Hunts edelmütiger Verzicht auf die Ehefrau steht neben seinem nicht ganz so ritterlichen Betragen gegenüber MI6-Amazone Ilsa (die nicht nur so heißt wie die romantische Casablanca-Heldin; Rebecca Ferguson sieht auch aus wie die Tochter von Ingrid Bergman). Als klassischer Hingucker dient eine blonde Waffenbrokerin mit einem Stilett im Strumpfband.

Das Drehbuch hat Lücken, so groß, dass Hannibal seine Elefanten durchtreiben könnte. Der wahre Daseinsgrund dieses Films sind eben Actionsequenzen, die bis zum buchstäblichen "Cliffhanger" im Himalaya selbst abgebrühte Kinogänger zu Szenenapplaus animieren. Während das Himalaya-Gebirge von Neuseeland gedoubelt wird, ist das Film-Paris, über dem Hunt mit dem Fallschirm abspringt und in einer Technoparty im Grand Palais landet, tatsächlich Paris – und nicht das kostengünstigere Paris-Double Prag. Bei den Zickzackverfolgungsjagden durch die Metropole, etwa im Gegenverkehr um den Arc de Triomphe, denkt man unwillkürlich: Das war teuer! Christopher McQuarries elegante, einfallsreiche und ausgreifende Actionchoreografien haben einen schnellen, aber nie hektischen Rhythmus und lassen auch totfotografierte Metropolen wie Paris und London wieder als spannende Orte erscheinen. Der Stadtraum wird, von den Dächern über die Herrentoilette, auf Straßen und Plätzen bis hinunter in die Kanalisation, zum filmischen Spielplatz, zum Hindernisparcours, bei dem ebenso viel Kampfstärke wie Improvisationstalent gefragt ist.

Latexmasken als bevorzugtes Requisit

Trotz des Aufwandes wirken diese Stuntkunststücke selbst bei einem haarsträubenden Hubschrauberduell leicht und spielerisch. Der Ernst der Lage wird aufgelockert durch Situationen, in denen etwas schief läuft und in denen Hunt etwa im Tonfall ehrlichen Bedauerns – "I am terribly sorry!" – eine Beerdigungszeremonie in der St. Paul's Cathedral unterbricht. Durchaus amüsant sind auch die traditionellen Schnippchen, die Hunt & Co ihren Gegnern schlagen. Denn beim Tricksen und Täuschen sind nach wie vor Latexmasken das bevorzugte Requisit, eine Reminiszenz an die Urserie.

Ganz in der Tradition der M:I-Reihe dreht Tom Cruise zudem in einer geradezu märtyrerhaften Hingabe an seine schauspielerische Mission alle Stunts selbst. Im vergangenen Jahr brach er sich während der Dreharbeiten beim Hechtsprung auf ein Dach den Knöchel. Und anders als bei ausgebildeten Akrobaten wie dem katzenhaften Jackie Chan sieht man ihm in diesem permanenten körperlichen Einsatz die Anstrengung, die Konzentration an. Diesen ins Filmgeschehen eingeschmuggelten Realismus kann man fragwürdig finden – aber letztlich ist er genau jene Zutat, die dieses größenwahnsinnige Spektakel erdet und sympathisch macht.