Wer ist eigentlich für einen "Tatort" verantwortlich? Welchen Anteil tragen die Autoren, welchen die Regisseure und worin besteht eigentlich die Aufgabe einer Produzentin? Weil ich mit den Folgen aus Weimar nicht viel anfangen kann, hatte ich im Februar mit dem Drehbuchautor Murmel Clausen gesprochen – über seine Arbeit und meine Kritik daran. Clausen erwähnte die enge Zusammenarbeit mit Nanni Erben, die alle Weimar-Fälle produziert hat. In Berlin habe ich die Produzentin getroffen und mit ihr über Budgets, Drehortbesichtigungen und vergiftete Klöße gesprochen.

Nanni Erben: Ich habe mich auf unseren Termin vorbereitet: Sie hassen alle meine Filme (lacht). Bis auf den Dresdner Tatort: Déjà-Vu und den Berliner Tatort: Meta haben Sie keinen meiner Tatorte leben lassen. Aber das ist doch eine gute Voraussetzung für so ein Gespräch.

ZEIT ONLINE: Äh, ja. Die Idee dazu ist in dem Gespräch mit Ihrem Drehbuchautor Murmel Clausen im Februar entstanden ...

Erben: ... dass Sie noch mit anderen reden, die diese Tatorte verbocken? (lacht)

ZEIT ONLINE: Ja. Aber vor allem ist mir aufgefallen, dass ich selbst nicht so richtig weiß, was die Rolle einer Produzentin ist. Dabei stammt die Ausgangssituation – Nora Tschirner und Christian Ulmen als Ermittler, Murmel Clausen und Andreas Pflüger als Autoren – doch von Ihnen, oder?

Erben: Es ist eine Gemeinschaftsarbeit, ein langer Prozess. Damals war der Tatort Thüringen ausgeschrieben, und Quirin Berg (Geschäftsführer der Produktionsfirma Wiedemann & Berg, Anm.d.Red.) und ich hatten gemeinsam beschlossen, daran teilzunehmen und Nora Tschirner und Christian Ulmen vorzuschlagen. Murmel Clausen beauftragten wir mit einem Konzept. Das hat zwar nicht gewonnen – den Zugschlag bekam der Tatort Erfurt –, aber Jana Brandt, die Fernsehfilmchefin des MDR, fand die Konstellation so interessant, dass sie sagte: Wir machen einen Event-Tatort draus. Einmalig. Das wurde dann unser erster Weimar-Fall, Die Fette Hoppe. Inzwischen dürfen wir den neunten Fall produzieren.

Nanni Erben, 1974 in Singapur geboren, war Aufnahmeleiterin beim ZDF, bevor sie Produktion an der Filmakademie Ludwigsburg studierte. Seit 2012 ist sie Produzentin für Wiedemann & Berg Television, seit 2018 Mitglied der Geschäftsführung. Neben dem "Tatort" Weimar verantwortet sie auch den Dresdner "Tatort". © Wiedemann & Berg

ZEIT ONLINE: Was auffällig ist: Bei Ihnen schreiben immer Clausen und Pflüger. Anderswo erfindet eine Autorin den Schauplatz, schreibt vielleicht weiterhin Folgen, aber der Tatort wird auch von anderen interpretiert.

Erben: Wir haben etwas gemacht, das inzwischen gang und gäbe ist: Nämlich zu erkennen, dass die besondere Art des Weimar-Tatorts nur von Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben werden kann. Das ist wirklich eine tolle Teamarbeit. Wir sitzen immer sehr lange an den Büchern und besichtigen mögliche Handlungsorte zusammen. Für den aktuellen Fall, Die robuste Roswita, waren wir zum Beispiel zusammen in einer Kloßmanufaktur, bevor die beiden angefangen haben zu schreiben.

ZEIT ONLINE: Wer ist bei so einer Besichtigung dabei?

Erben: Die beiden Autoren, die Producerin Sirkka Kluge, der MDR-Redakteur Sven Döbler und ich. Es geht uns darum, in diese Welt einzutauchen. Ich wusste zum Beispiel nicht, wie man Klöße herstellt. Das war faszinierend, wir einen ganzen Tag lang dort. So beginnt die Arbeit, die sich in dieser Konstellation fortsetzt: zwischen den Autoren, dem Redakteur, der Producerin und mir.

ZEIT ONLINE: Der Besuch ist also ...

Erben: ... der Startschuss.

ZEIT ONLINE: Machen Sie das immer so?

Erben: Ganz oft. Das inspiriert alle. Und – ob man es glaubt oder nicht – wir versuchen das innerhalb der skurrilen Erzählweise des Tatorts Weimar auch ernst zu nehmen. Wir wollen immer eine Erlebniswelt erzählen für unsere Kommissare. Deshalb suchen wir uns solche Spielorte.

ZEIT ONLINE: Wer schlägt den jeweiligen Ort vor?

Erben: Die Ideen kommen meistens von den Autoren.

ZEIT ONLINE: Gibt's auch die Möglichkeit des Scheiterns: Zu diesem Ort kriegen wir keine Geschichte erzählt?

Erben: Das gab es auch schon, dann muss man neu überlegen. Es gibt auch manchmal Irrwege und man merkt, es wird zu kompliziert oder denkt, es ist doch nicht der richtige Stoff. Dann versuchen wir, an den interessanten Punkten und Krimiplots weiterzuarbeiten.

ZEIT ONLINE: Wie sieht das zeitlich aus – wann ist der Besuch, wann beginnt der Dreh?

Erben: Meistens ein Jahr vorher. Andreas und Murmel schreiben unfassbar schnell, die sind genial in dieser Hinsicht. Aber sie haben natürlich noch andere Sachen zu tun, und alle Beteiligten brauchen auch Zeit zum Lesen. Die beiden schreiben also nicht ein Jahr durchgängig. Wir brauchen den Vorlauf zudem, um das Drehbuch zu kalkulieren, eine offizielle Freigabe vom Sender zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Gibt es feste Daten, wann die beiden was abliefern müssen?

Erben: Wir sind permanent im Austausch. Aber es gibt natürlich vertraglich geregelte Ablieferdaten.