Künftig soll es einen Extra-Oscar geben für Blockbuster. Das gab die Academy of Motion Picture Arts and Sciences am Mittwoch bekannt. Wäre die ganze Veranstaltung selbst ein Film, könnte man sich jetzt einen dramatischen Kameraschwenk über den Rand des Abgrunds vorstellen, der den Blick öffnet auf die grausige Kluft zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit, Kunst und Kommerz.

Das zum Besten Film gekürte Werk hatte in den vergangenen Jahren das Problem, dass es zwar als sehenswert galt, den Film häufig aber kaum einer sehen wollte, mal abgesehen von den Mitgliedern der Academy, den Kritikern und ein paar Cinephilen: Birdman, Moonlight, Shape of Water. Ehrt man künftig einen Blockbuster mit der redundanten Bezeichnung Populärster Film und einem neuen Oscar, hat man wenigstens einen Film in den Hauptkategorien, den alle sehen wollen. Black Panther könnte so ein Film sein, ebenso wie etliche Star-Wars-Sequels und beinahe alle Marvel-Produktionen. Auf die Bekanntmachung reagierten viele Filmschaffende mit Empörung, auch Mitglieder der Academy. Dabei ist es mit dieser Kluft wie mit jeder anderen: Sie war schon lange da, hat halt nur niemand ins Bild gerückt.

Die Oscars werden jedes Jahr von den mehr als 8.000 Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergeben. Deren Ziel ist die Förderung, technisch wie kulturell, des Mediums Film. Ökonomische Aspekte stehen nicht in ihrer Satzung. Die Preise sollten ursprünglich Aufmerksamkeit auf besonders bemerkenswerte Werke lenken. Daher die pompöse Gala und das ganze Glamourspektakel drumherum. Das funktionierte jahrelang prima. So prima, dass man die Veranstaltung selbst vermarkten konnte. Die Kosten für 30 Sekunden in einer der Werbepausen stiegen im vergangenen Jahrzehnt stetig, 2018 kosteten sie vor 26,5 Millionen Zuschauern weltweit mehr als zwei Millionen Dollar. Kein Wunder, dass der Sender ABC die Übertragung zuletzt auf knapp vier Stunden ausgedehnt hatte. Doch ABC hat es wohl überzogen. 2018 war die Einschaltquote um 19 Prozent gesunken. Die Oscars: zu lang, zu irrelevant fürs Publikum.

Also soll die Verleihung kürzer werden, nur noch drei Stunden dauern. Das hat nun die Führung der Academy selbst beschlossen. Angeblich auch auf Druck des Senders, der zum Disney-Konzern gehört. Dass sie mit der Straffung jedoch nicht etwa wieder die Filmkunst in den Fokus rücken will, sondern den kommerziellen Aspekt betont, lässt sich vielleicht schon daran ablesen, dass der Beschluss nicht mit allen Mitgliedern abgestimmt wurde, sicherlich aber daran, dass künftig die Vergabe etlicher Oscars in die Werbepausen verlegt werden soll. Später wird nur ein Zusammenschnitt nachgereicht. So lässt sich auch die Einführung der neuen Oscarkategorie erklären: Der Zuschauer ist vor allem Konsument.

Das muss man nicht schlimm finden, wenn man akzeptiert, dass die Oscarverleihung schlicht die größte Marketingveranstaltung der Filmbranche ist. Für die Academy stellt sich jedoch die Frage, ob sie damit ihren Ruf nach den Debatten um #OscarsSoWhite und den Anteil nominierter Frauen weiter beschädigt. Das wird auch davon abhängen, wie und nach welchen Kriterien der geplante Oscar für den Populärsten Film vergeben werden soll. Das wurde noch nicht bekannt. Die einfachste Lösung wäre vermutlich, wenn es die Academy machte wie etliche Filmfestivals oder der Europäische Filmpreis: Auch sie zeichnen den beliebtesten Film aus. Welcher das ist, darüber stimmt das Publikum selbst ab.

Wenn den Job jedoch die Mitglieder der Academy erledigen wollen, etwa auf Basis verkaufter Kinotickets, wäre der neue Blockbuster-Oscar einfach nur ein Preis für das meiste Geldverdienen. Eine Ehrung, die nicht nur sinnlos wäre, sondern auch gleich noch das Publikum für dumm verkauft.