Rollt eine Hitzewelle auf den ARD-Sonntagabendkrimi zu? Wird zu den Erfahrungen dieses Sommers gehören, dass in ein, eineinhalb, zwei Jahren Tatort- und Polizeiruf-Folgen von der Heißzeit handeln, weil nun überall im Land Redakteurinnen, Produzenten und Autorinnen im Klima ein großes Thema für den Sonntagabendkrimi erkennen?

Man wird sehen. Der letzte gesellschaftspolitische Komplex, der starken Eindruck auf die ARD-Sonntagabendkrimi-Herstellung gemacht hat, waren die Rechten – also Neonazis und was sonst noch so rumspringt auf diesem Feld. Wobei der zuerst gedrehte Rostocker Polizeiruf: In Flammen unfairerweise zuletzt gesendet wurde.

Und nun kommt der Münchner Polizeiruf: Das Gespenst der Freiheit (BR-Redaktion: Cornelia Ackers) um die Ecke, dass man leicht genervt denken möchte: Na, das geht ja gut los – die neue Saison macht da weiter, wo die alte aufgehört hat. 

Eine junge Frau namens Glupschi (Ricarda Seifried) sitzt auf dem Revier und erzählt in die gutmütigen Augen von Marvellous Meuffels (Matthias Brandt, der hier zum vorletzten Mal ermittelt) von einer versuchten Vergewaltigung und der Rettung in der Not; dass da plötzlich vier Burschen waren, die ihr den nicht-weißen, nicht-deutschen Angreifer vom Hals geschafft haben.

Dann ist dieser Rayhan Sahil tot, die Polizei ermittelt die Burschen, die urdeutsche Tugenden wie Anstand und Respekt vermissen lassen, um es vorsichtig zu sagen. Auf dem Revier wird all die Hässlichkeit und Menschenverachtung ventiliert ("Scheiß Rumänenpack, ey"), die heute nicht nur der Twitterkanal von, sagen wir, Beatrix von Storch versprüht – in der Darstellung des Selbstbewusstseins, das Rechtsextreme aktuell verspüren, sind diese Szenen vermutlich ziemlich "realistisch", um es mit einem Lieblingswort unserer beschaulichen Runde hier zu sagen.

Aber dann wechselt der Polizeiruf (nach einer Idee von Günter Schütter) sein Interesse: Das angezeigte Verbrechen ist ein inszeniertes, die Täter stehen fest, und Meuffels' Arbeit wird sich darauf konzentrieren, die Verschwörung zum Mord aufzudecken. Und damit die Strategien der rechtsextremen Zelle, die hinter dem Anschlag steckt und weiteren Terror plant: Als – es fällt immer schwer, das bei Rechten und ihrem hassgetriebenem Sülz zu sagen – intellektueller Kopf der Gruppe begreift sich Kolthoff (Christian Erdt), interessant für die Ermittlung ist aber vor allem Farim Koban (Jasper Engelhardt). 

Das ist Glupschis Freund, ein junger Mann mit persischen Wurzeln (was in der wahnhaften Fantasia-Ethnologie von Nazis "arische Wurzeln" bedeuten soll). Koban ist der unsicherste Kantonist des Zerstörungskommandos, auf ihn hofft Meuffels, auf ihn setzt aber auch, und das macht diesen Polizeiruf besonders, Herr Röhl vom Verfassungsschutz.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Den spielt Joachim Król schön abgehalftert, als Zyniker seiner Macht, als rechten Ideologen ("Wir haben alle genug vom Islam"), mal milden, mal strengen Vater. Eine besondere Szene ist die, als Röhl Koban auf seinen Auftrag einschwören will und ihm in einer Mischung aus Verzweiflung und Sadismus soldatenähnliche Gelöbnisformeln abverlangt: "Ich tue mein Bestes, Herr Röhl!" Und das noch mal und noch mal und mit durchgedrücktem Rücken und zusammengeschlagenen Hacken. Jasper Engelhardt betont bei Koban die Fähnchenhaftigkeit der Figur, die sich nach allen Winden neigt, wenn sie nur Zugehörigkeit zu verströmen scheint. 

Das Gespenst der Freiheit ist eine kluge Variation auf das Krimigenre, weil nicht die Tätersuche den Film beschäftigt, sondern die Schwierigkeit, das Gewusste beweisen zu können. Und das vor allem gegen die Apparate – Verfassungsschutz, Justiz –, die beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken wollen. Die damit verbundene Desillusionierung jagt Regisseur Jan Bonny durch die prekäre Schönheit von pink-puffigen Tagescafés und neonergrellten Kiosken – jenes ästhetisch unterkomplexe, darin aber durchaus melancholische Bahnhofsmünchen, in dem schon sein erster Polizeiruf: Der Tod macht Engel aus uns allen spielte.

Es gibt im deutschen Film bisher wenige Spekulationen darüber, wie die Realität des Quellenschutzes, der Sperrvermerke und Geheimdienstoperationen im Sinne eines diffusen Staatswohls aussehen könnte. Wie dort gesprochen wird, wie sich die Macht, etwas unter Verschluss zu halten, zeigt. Der Münchner Polizeiruf ist ein ernst zu nehmender Versuch in diese Richtung. Er macht die Schattenwelt plausibel, wenn er zeigt, wie von Meuffels mit dem selbstgewissen Röhl ringt, wie er die Rechtsextremen konfrontiert, die sich "Heil Hitler" brüllend sicher sein können, dass die Justiz sie davonkommen lassen wird. Und wie der Kommissar am Ende vor dem Ausschuss scheitert, auch wenn er die Tatwaffe präsentieren kann.