Es ist eine Binsenweisheit, dass Frauen keine besseren Menschen sind. Wenn sie bislang in der Menschheitsgeschichte weniger Schaden angerichtet haben als Männer, dann wahrscheinlich vor allem aufgrund geringerer Wirkmacht und Möglichkeiten. Und dass auch Angehörige sexueller Minderheiten nicht nur vom Geist des Wahren, Guten und Schönen beseelt sind, dafür lieferten die letzten Wochen gutes Anschauungsmaterial. Verschiedene geplante Film- und Fernsehprojekte mit schwulen, lesbischen und transsexuellen Protagonisten wurden nicht etwa von den üblichen Internettrollen torpediert, sondern von Vertretern der LGBT-Community mit selbst ziemlich hässlichen und dummen Aktionen in den sozialen Netzwerken. Die geplanten Darsteller seien nicht selbst schwul oder transsexuell oder aber, um Himmels Willen, nicht lesbisch genug.  

Scarlett Johansson zog sich nach vehementen Protesten gegen ihre geplante Besetzung als Transgender-Mann in Rub and Tug "respektvoll" aus dem Projekt zurück, das seither ruht. Auch die Nachricht, dass es erstmals in einem Disney-Film – Jungle Cruise – eine offen schwule Figur geben soll, stieß nicht auf Begeisterung, sondern auf Kritik, weil Jack Whitehall diese Rolle übernehmen soll, ein offen heterosexueller Mann. Und schließlich rief die Ankündigung, dass die lesbische Schauspielerin Ruby Rose die in den DC-Comics als Lesbe wiedereingeführte Superheldin Batwoman spielen soll, derart gehässige Reaktionen auf Twitter hervor, dass die Schauspielerin ihr Profil da selbst löschte. Die Vorwürfe lauteten: Rose sei als Schauspielerin zu schlecht. Sie sei nicht, wie die Figur, eine jüdische Lesbe, oder eben, in der absurdesten Wendung, nicht lesbisch genug

"Wenn DC-Fans und LGBT-Fans etwas nicht wollen, können wir mächtig sein", schrieb eine Nutzerin selbstzufrieden auf Twitter – ein Tweet, der immerhin in den Kommentaren weitgehend zerpflückt wurde. Auch Crazy Rich Asians, der erste US-amerikanische Kinofilm mit exklusiv asiatischstämmigem Cast, wurde übrigens in den letzten Tagen als "nicht asiatisch genug" kritisiert.

Kulturpessimisten reden vom Ende der Schauspielkunst

Man kann aus diesen Vorgängen verschiedene Schlüsse ziehen: Allgemeine über die moralisch deformierende Qualität von Twitter, die weit über den derzeitigen US-amerikanischen Präsidenten und tief in die Gesellschaft hinein wirkt; polemische gegen die von rechten Kreisen so gerne verspotteten sogenannten Social Justice Warriors, denen, so ihre Gegner, nie etwas recht sei und die grundsätzlich an der Zersetzung der abendländischen Zivilisation arbeiteten; spezifische über die Fan-Communitys von Science-Fiction und Superheldenfranchises, die offensichtlich nicht nur in der weißen männlichen Variante (man denke an die hässlichen Twitter-Kampagnen gegen die asiatischstämmige Star-Wars-Schauspielerin Kelly Marie Tran), sondern auch in der schwul-lesbischen Ausprägung zu Einmischung, Überaufgeregtheit und Gehässigkeit tendieren. Oder man kann sich über einen offensichtlich derzeit bei Minderheiten grassierenden neuen Authentizitätswahn in Filmbesetzungsfragen aufregen und gleich kulturpessimistisch das Ende der Schauspielkunst verkünden. 

Keine Frage, es ist enttäuschend, dass auch Teile der sich als emanzipatorisch und progressiv verstehenden soziokulturellen Linke und Vertreter von Minderheiten in Onlinenetzwerken nicht schöner oder besser agieren als die gefürchteten Alt-Right-Trolle. Erstaunen kann es allerdings nicht. Minderheit sein ist kein moralischer Status, die Erfahrung von Diskriminierung, sei sie subtil oder voller Gewalt, hat nichts Läuterndes, sie verleiht nicht automatisch einen Gerechtigkeitssinn oder eine erhöhte Empathie. Dass aus dem krummen Holz der Menschheit nichts Grades wird, ist eine philosophische Aussage mit hohem Wahrscheinlichkeitswert, deren Gültigkeit sich nicht bloß auf Exemplare in Positionen gesellschaftlicher Privilegiertheit erstreckt.

Wenn man jetzt mal aber tief Luft holt und hinter die Hässlichkeiten der sozialen Netzwerke zurückgeht, lässt sich das Thema Besetzungspolitik allerdings nicht nur als absurdes Schmierentheater behandeln. Der jetzt oft geäußerte und naheliegende Einwand, die Forderung nach authentischen Rollenbesetzungen sei unsäglich blöd, da es ja um Schauspielerei gehe, also das Geschäft, in dem Menschen jemanden oder etwas darstellen, das sie selber gerade nicht sind, ist zwar richtig, aber nicht hinreichend.