In "Donbass" zeichnet der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa in 13 verstörenden Szenen den Alltag im Kriegsgebiet im Südosten der Ukraine nach. Korruption, Propaganda und immer weiter wachsender Hass lassen das Unmenschliche auf beiden Seiten der Front zum Vorschein kommen. Loznitsas Film, der wie ein Dokumentarfilm wirkt, hat beim Filmfestival in Cannes den Jurypreis für die beste Regie bekommen. Doch während die einen lobten, wie der Film das Entmenschlichende im Krieg zeige, stieß er unter russischen Kritikern auf Ablehnung – eine Vorführung des Films in Moskau wurde kurzfristig abgesagt. Bevor "Donbass" an diesem Donnerstag in ausgewählten deutschen Kinos veröffentlicht wird, erscheint der 53-jährige Regisseur zum Interview in Berlin.

ZEIT ONLINE: Herr Loznitsa, Ihr Film Donbass irritiert und verstört den Zuschauer, weil zum Teil grotesk wirkende Gewalt und menschliche Abgründe dargestellt werden. Warum haben Sie ihn gedreht?

Sergei Loznitsa: Als ich 2014 verfolgte, wie russische Truppen auf der Krim landeten und der Krieg in der Ukraine begann, war ich genauso geschockt wie Sie, der als Journalist darüber berichtet hat. Was seitdem im Donbass passiert, ist sehr schmerzvoll. Aber wenn wir darüber nicht sprechen und das Geschehene nicht reflektieren, wird sich die Situation nicht ändern. Dann wird das Problem nur größer und größer und kommt irgendwann doch wieder auf uns zu.

ZEIT ONLINE: Donbass ist ein Kriegsfilm geworden, der wie eine Dokumentation wirkt.

Loznitsa: Wenn mich etwas sehr tief berührt und bewegt, muss ich darüber einen Film machen. Ich will dann, dass die Leute darüber nachdenken. Der russische Philosoph Aleksandr Pjatigorskij wurde mal gefragt, was der praktische Nutzen des Philosophierens sei. Er sagte, Philosophie bringe keinen monetären Gewinn, sie ergebe keinen praktischen Nutzen, aber manchmal helfe das Nachdenken, Leben zu retten. Das beantwortet auch Ihre Frage nach dem Warum zu Donbass. Wenn wir mehr über Sinn und Unsinn von Krieg nachdenken, kann das Leben retten.

ZEIT ONLINE: In der Ukraine setzt Russland auf sogenannte hybride Kriegsführung, also auf verdeckt agierende Soldaten und auf Propaganda.

Loznitsa: "Hybrid" klingt so schön. Dabei ist es ein richtiger, ernster Krieg. Es waren doch keine Freiwilligen, sondern Spezialeinheiten Russlands, die diese Kämpfe begonnen haben. Das war lange geplant. Als dann nach der Krim auch der Donbass, also der Südosten der Ukraine, durch prorussische Truppen besetzt wurde, habe ich mir sehr viel Amateurvideos aus der Region angeschaut. Wie leicht es doch ist, Hass zu erzeugen. Wie leicht Menschen zu unmenschlichen Taten gebracht werden können. Wie schnell man aus einer Menschenmasse eine wütende Menge macht.

ZEIT ONLINE: In einer Szene in Ihrem Film wird ein gefangen genommener ukrainischer Soldat auf dem Marktplatz in einer Stadt der Volksrepublik Donezk an eine Straßenlaterne gefesselt. Passanten beginnen, den Mann zu verprügeln und zu bespucken.

Loznitsa: Das hat sich in der Realität so in einer kleinen Stadt im Bezirk Donezk zugetragen. Ich habe die Originalaufnahmen als Grundlage für diese Szene genommen. Insgesamt besteht der Film aus 13 Szenen. Sieben basieren auf realen Amateurvideos. Die übrigen Szenen habe ich nachgespielt, nachdem Augenzeugen mir davon berichtet hatten.

ZEIT ONLINE: In einer anderen Szene wird ein deutscher Journalist von Soldaten der Volksrepublik Donezk ausgelacht.

Loznitsa: Der ukrainische Fotograf, der im Film den deutschen Journalisten begleitet, ist kein ausgebildeter Schauspieler. Er hatte einen deutschen Reporter von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begleitet und für ihn als Übersetzer gearbeitet. Er hat die Szene erlebt, deshalb habe ich ihn gefragt, ob er sie in meinem Film nachspielen möchte.

ZEIT ONLINE: Zeigt Ihr Film also die Realität?

Loznitsa: Der Film ist keine Dokumentation. Die Realität wird nur nachgespielt, damit der Zuschauer sich in die Situation des Krieges versetzen kann. Dadurch soll er sich darüber Gedanken machen, was er tun würde.

ZEIT ONLINE: Schon bevor und nachdem Sie in Cannes den Preis für die beste Regiearbeit bekommen haben, polarisierte Ihr Werk. Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihnen Propaganda vorwerfen?

Loznitsa: (Lacht leise auf) Propaganda wofür?

ZEIT ONLINE: Ihr Film wirkt wie eine Dokumentation, wie die Realität. Diesen Eindruck zu erwecken ist Ihnen perfekt gelungen. Auf einige Zuschauer etwa aus der Donezker Volksrepublik könnte er deshalb wie gelungene Propaganda für die ukrainische Regierung wirken.

Loznitsa: Propaganda ist, wenn man etwas erfindet. Ich habe aber in meinem Film nichts erfunden. Es gibt echte Amateuraufnahmen von den Szenen im Film. Er zeigt also die Wahrheit. Außerdem ist es mir wichtig, dass ich keinen Film aus Sichtweise der ukrainischen oder der russischen Regierung gemacht habe. Ich präsentiere lediglich meine Sichtweise auf diesen Krieg.