Wurde in der letzten Woche an dieser Stelle bemängelt, dass die Musik des Weimarer Tatorts Die robuste Roswita wenig inspiriert und ambitioniert gewesen ist, so muss bei der Kieler Folge Borowski und das Haus der Geister (NDR-Redaktion: Sabine Holtgreve) der Soundtrack unbedingt gelobt werden.

Dabei geht es gar nicht darum, ob man das ephemer-gestische Klaviergetrippel und Streichergedränge, die Bedrohungswolken in Moll oder sich in den Räumen des den Titel schmückenden, prächtigen Hauses verlierenden Innerlichkeitssongs nicht auch kitschig finden können – die Kompositionen von Matthias Beine bewirken zuerst einen Großteil der Atmosphäre des Kieler Tatorts. Sie erzeugen eine Stimmung zwischen Unwirklichkeit und Gefahr, sie deuten den Grusel an, von dem die Folge erzählt, streicheln aber auch über Bilder im Gegenlicht, die manchmal strahlen wie eine sanfte Form der Kreditkartenwerbung.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Boro (Axel Milberg) ermittelt in seinem Wohnzimmer: Bei Freunden, dem gewesenen Richter und jetzigen Bestsellerautor Fränki Voigt (Thomas Loibl), und unter dessen Kindern, die Onkel zu ihm sagen: Sinja (Mercedes Müller) und Grete (Emma-Mathilde Floßmann). Auch mit von der Partie im titelgebenden, prächtigen Haus: Anna Voigt (Karoline Schuch), die an die Stelle der vor Jahren unter mysteriösen verschwundenen Heike, getreten ist, Fränkis erster Frau.

Anna wird heimgesucht vom "Geist" dieser Heike, der sich am Ende natürlich als fabrizierter Hokuspokus mit Plastikfolientänzen und Hochfrequenzgefiepe herausstellt. Und so ermittelt Boro den alten Fall Heike, für den er auch seine geschiedene Frau Gabrielle (Heike Trinker) aufsucht, die mit den Voigts befreundet ist.

Das zweite entscheidende Element für die atmosphärische Stimmigkeit des Films ist das Kostümbild von Karin Lohr. Alles so schön bunt hier, Boro in color-blockenden Kombinationen aus Hemd (türkis, rosa) und Jackett (blau). Dazu der rote Badeanzug von Sinja, die grünen Haare von Grete, der leuchtende Garten des Anwesens.

Weil alle vordergründig so viel Leben ausstrahlen, legt Boro in einer hübschen, aber eigentlich überflüssigen Szene sogar eine flotte Sohle aufs Parkett eines Parkhauses: Zu den erstaunlich wenig nervenden Klängen einer Warteschleifenmusik tanzt der Kommissar, bis die neue Kommissarin an seiner Seite dazukommt und ebenfalls die Hüfte schwingt.

Der Erstauftritt von Almila Bagriacik in der Rolle der Mila Sahin als Nachfolgerin von Boros Co-Ermittlungstechnologin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) lässt, um es mit einer total achtsamen Phrase zu sagen, Luft nach oben. Wo Sarah Brandt durch ihre Computertricks und unvermittelte Lausbübischkeit sofort beeindruckte, klebt an Mila Sahin noch die Drehbuchkonstruktion des scheinbar Unkonventionellen: Zur Begrüßung hängt sie an einem Boxsack, den sie Boro und Chef Schladitz (Thomas Kügel) als "Walter" vorstellt, ihren "Kumpel und Coach". Man braucht keine Fantasie, um sich vorzustellen, dass künftige Drehbuchautorinnen für Kiel (in dieser Folge: Marco Wiersch) sich mit "Walter" schwertun werden.

Die Geschichte ist vermutlich das am wenigsten Flirrende in diesem Tatort. Sie schleppt sich mehr über die 90 Minuten, als dass sie souverän die Trümpfe ausspielen würde, die das Mystery-Genre an Spannung ihr in die Hand gegeben hat – auch wenn sie als finalen Clou zur Lösung eine detaillierte Beobachtung bereithält: dass Fränki Voigt sich im Moment, in dem er den Mord an seiner Frau gesteht, an den Hals greift wie vorher beim Triumph im Schachspiel über Boro. Also mit einer Siegergeste, die aber die gerade gebeichtete Niederlage konterkariert.

Aber es gibt andere, besser eingesetzte filmische Mittel in dieser Folge, mit denen sich darüber hinwegtrösten lässt. Die Kamera von Philipp Sichler zum Beispiel ist ziemlich toll, weil sie mit Schlenkern und Zooms den Raum schön irreal durchmisst. Und weil das Essen, zu dem Boro am Anfang bei Voigts einläuft, überraschend unkonventionell aufgelöst ist (Regie: Elmar Fischer).

Die Konfrontation zwischen Boro und Fränki wird durch eine artifizielle, aber dadurch intensiv wirkende Variation des klassischen Schuss-Gegenschuss erzählt: Die Kamera schaut immer aus dem Platz des jeweils anderen leicht erhöht über die Tafel, wenn Boro und Fränki sich miteinander verbal duellieren.