Es gibt in Die robuste Roswita (MDR-Redaktion: Sven Döbler) eine Szene, die erkennen lässt, was der spezifische Humor des Tatort Weimar sein könnte. Der Kloßfabrikant Christoph Hassenzahl ist ermordet worden, was seine Frau, die Titelheldin Roswita, aus einer siebenjährigen Amnesie erwachen lässt. Roswita Hassenzahl wurde für tot gehalten, dabei hatte sie nur ihr Gedächtnis verloren und war vom kleinkriminellen Pilzsammler Schnecke (Nicki von Tempelhoff) gefunden, "Mogli" getauft und zu seiner Frau gemacht worden. Roswita begann ein neues Leben als Arbeitskollegin von Schnecke – als Reinemacherin von Toiletten in einer Tankstelle.

Nachdem sie sich wieder an ihre alte Identität erinnert hat, kehrt sie zurück in das Haus, das sie mit ihrem Mann bewohnte. Als sie gemeinsam mit Schnecke bei der Wiederinbesitznahme in Gegenwart der Kommissarinnen Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) das Klo entdeckt, stellt Roswita über ihren verstorbenen Mann krittelnd fest: "Er hat wieder mit dem Stehpissen angefangen."

Und Schnecke erklärt nüchtern: "Drei Dinge muss ein Mann beachten: senkrechte statt waagerechte Flächen anstrullen, geringer Aufprallwinkel und nah rantreten. Mit 60 fängt's an zu tröpfeln und mit 70 geht das meiste beim Abschütteln weg. Aber fragen Sie nicht, wohin." Daraufhin versichert Roswita, die von Milena Dreißig als naiv-gelehriges Wesen gespielt wird, den Ermittlern in interessiertem Ernst: "Das musste ich auch erst lernen."

Die Szene ist komisch, weil das Spurenlesen der Toilettenreinigungsfachkräfte die Arbeit der Polizei parodiert, weil die professionelle Expertise von Schnecke einen banalen Vorgang wie Pinkeln verwissenschaftlicht und weil Dreißigs aufrichtiger Ton etwas Selbstverständliches, das man vielleicht genauer gar nicht wissen will, als wichtiges Bildungserlebnis verkauft.

Der überwiegende Teil der Folge funktioniert allerdings weniger gut. Die robuste Roswita ist Dienerin zu vieler Zwecke: Der Tatort will Komödie sein, aber auch ein Krimi, ohne dass sich beide Genres miteinander verbinden würden. Für die Komik stehen Witze, die zumeist Sprachspiele sind ("Moglipackung") oder altmodische Fahrlehrerinnen-Sprüche ("Mein lieber Kokoschinski", "Dieser rücksichtslose Kapuzineraffe ist wie 'ne gesengte Sau in die arme alte Frau reingekachelt"), für die zumeist, aber nicht nur der Revierleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) zuständig ist.

Die Inszenierung (Regie: Richard Huber, Kamera: Robert Berghoff) will lustige Motive beitragen, wenn Dorn und Lessing zum verdächtigen Kartoffelbauern Thomas Halupczok (Jörn Hentschel) auf den Acker fahren, um ihn dort zu befragen. Und dann mit Halupczok auf dem Traktor zu dessen Haus tuckern. Eine Szene, die erzähllogistisch keinen Sinn ergibt (Wie kommen die beiden zurück zu ihrem Auto?), was man an der Aufdringlichkeit spürt, mit der das putzige Bild (Lessing rechts, Dorn links) um Lacher wirbt – garniert von einem Wortspiel ("Man war per du?" – "Und jetzt ist alles perdu."), das sich in 140 Zeichen auf Twitter vielleicht schick lesen ließe, hier aber beflissen in der Luft hängt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der Tatort schafft es nicht, die ganzen Informationen, die er permanent ausgibt – die nebensächlich witzigen und die fallrelevanten wichtigen – zu hierarchisieren; sie in eine Dramaturgie zu packen, die der Zuschauerin unauffällig, aber entschieden bedeuten würde, was Spannung vermittelt und was nicht. Alles steht gleichberechtigt nebeneinander.

Und vor allem muss das Publikum auf die entscheidenden Hinweise zur Lösung des Falls viel öfter hören, als dass es sie – der Tatort ist ja schließlich ein Film – sehen könnte. Wie immer in Weimar gehen dem Verbrechen vergangene Geschichten voraus (in deren Details dann auch wieder komische Elemente stecken sollen), die an verschiedenen Stellen referiert und manchmal auch nachinszeniert werden.

Das macht das Mitfiebern mit den Figuren aber so schwer, weil man deren Geschichten vorgesetzt bekommt und dann glauben und verstehen muss. Dabei wäre es doch filmischer, das Personal handelnd zu erleben, um sich aus diesen Handlungen selbst einen Eindruck des jeweiligen Charakters zu machen.

So bleiben einem die auf Skurrilität getrimmten Figuren fern; man will am Ende gar nicht mehr wissen, wer jetzt wann was gemacht hat, um ein Motiv zu haben für den Mord. Die robuste Roswita wirkt in dieser umständlichen Mischung aus viel zu vielem wie die Filmmusik von Dürbeck & Dohmen – die klimpert so vor sich hin oder macht ein bisschen auf Spannung in Szenen, die ohne musikalische Begleitung noch viel banaler wären, als sie es mit Soundtrack sind.

Lesen Sie hier ein Streitgespräch zwischen unserem Kritiker und der Produzentin des "Tatort" Weimar, Nanni Erben.