Eine Überlebende, kein Opfer – Seite 1

Was genau ist passiert? Wie war es wirklich? Wer kann das schon mit Gewissheit sagen? Sicher ist nur eines: Erinnerungen ist nicht zu trauen. Das fragile Verhältnis zwischen realen Ereignissen und den Spuren, die sie zwischen Vergessen und Verdrängen in unseren Köpfen hinterlassen, ist derzeit ein virulentes Thema im Kino. 

In The Tale stellt die Dokumentarfilmerin Jennifer Fox ein traumatisches Kapitel ihrer eigenen Kindheit zur Disposition: den Missbrauch durch einen älteren Mann. Es geht um die Geschichte, die sie nicht nur anderen, sondern vor allem sich selbst erzählt hat und um die Wahrheit, die sie als Erwachsene detektivisch aufdeckt. Eine Art Operation am offenen Herzen sozusagen.

Wie die echte Jennifer Fox ist auch die von Laura Dern gespielte Protagonistin Dokumentarfilmerin und Filmschuldozentin und scheinbar im Reinen mit sich und der Welt. Sie hat eine erfolgreiche Karriere, lebt in einem weitläufigen, lichten Loft in Los Angeles und in einer Beziehung mit Martin, den sie demnächst heiraten will (gespielt von dem Rapper und Schauspieler Common). Unruhe kommt in dieses geordnete Leben, als Jennifers Mutter in einer Kiste auf einen Aufsatz stößt, in dem ihre damals 13-jährige Tochter von einer Liebesgeschichte mit ihrem Lauftrainer spricht: "Warst Du das?" fragt sie entsetzt, "Ist dir das passiert?" Jennifer wehrt zunächst ab, genau deshalb habe sie damals nichts erzählt, es sei ja klar gewesen wie verständnislos und prüde die Eltern reagiert hätten...

In der Erinnerung richtet man sich die Räume der Vergangenheit so ein, wie man sie bewohnen möchte. Es ist ein langwieriger Prozess der Vermittlung, zwischen der 13-Jährigen, die ihr sexuelles Verhältnis mit ihrem 40-jährigen Lauftrainer Bill (Jason Ritter) für eine Liebesgeschichte hält, und der fast 50-Jährigen, die diese Beziehung bei ihrem tatsächlichen Namen Missbrauch nennen kann. Der Film selbst ist Teil dieses Prozesses, den er auf so berührende wie erschütternde Weise in seiner ganzen, widersprüchlichen Komplexität transparent macht, ungeschönt und direkt, ohne die Möglichkeit, die Ereignisse in irgendeiner Form zu verharmlosen. The Tale kommt zur richtigen Zeit. Jennifer Fox sagt, sie glaube nicht, dass er vor der Me-Too-Debatte so offen und wohlwollend aufgenommen worden wäre. Beim US-Fernsehpreis Emmy ist er als bester TV-Film nominiert.

Das Beeindruckende an The Tale ist, dass es hier die Misshandelte selbst ist, die ihrer eigenen Geschichte auf den Grund geht. Fox geht es nicht darum, den Täter vor Gericht zu bringen, sondern um Aufarbeitung und Prävention; und darum, Gespräche und Diskussionen anzustoßen. Sie will vor allem die Deutungshoheit über das eigene Leben behalten. So bezeichnet sie sich nicht als Opfer, sondern als Überlebende. Es ist ihr wichtig, in ihrem Film die manipulativen Tricks und Mechanismen zu beleuchten, mit denen Kinder willfährig gemacht werden. Auf der amerikanischen Website gibt es die Möglichkeit, den Film für Aufklärungs- und Therapie-Arbeit zu buchen.

Um Gewissheiten zu unterlaufen

Von ihrer Mutter konfrontiert, wehrt Jenny zunächst brüsk ab. Doch dann drängen sich Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit in die Gegenwart, versprengte Puzzlestücke eines lange unterdrückten Bildes, das nun danach schreit, endlich zusammengesetzt zu werden: Wie war das damals wirklich, als sie mit ihrer Reitlehrerin Mrs. D. (Elizabeth Debicki) und deren Geliebten, dem Lauftrainer Bill, einen Sommer lang mehrere Wochenenden verbrachte?

Als Zuschauer sieht man einen 40-jährigen Mann, der ein kleines Mädchen mit Komplimenten und Geheimnissen gezielt manipuliert. Doch in Wirklichkeit ist Jennifer eben nicht die besonders kluge und freigeistige, junge Frau, als die sie Bill ständig bezeichnet, sondern eine naive 13-Jährige, die gezielt gegroomt wird. Der Film erspart dem Zuschauer nichts. An dem sexuellen Kontakt zwischen der Schülerin und ihrem Trainer gibt es keine Zweifel, selbstverständlich wird die Kinderdarstellerin Isabelle Nélisse in diesen Szenen von einem erwachsenen Bodydouble vertreten.

Irgendwann muss sich die erwachsene Jennifer der schmerzlichen Einsicht stellen, dass sie nicht Bills einzige, große Liebe war, sondern nur die erste einer langen Reihe missbrauchter Mädchen. Wie eine Detektivin bewegt sie sich durch ihr eigenes Leben, durchforstet Briefe und Fotos, und spürt die Beteiligten von damals auf: andere Mädchen, die Reitlehrerin Mrs. D, die heute keine Lichtgestalt mehr ist, sondern nur noch ein altes Mütterchen in Kittelschürze (Frances Conroy aus der Serie Six Feet Under). Und auch Bill taucht auf, der ihr aus der Vergangenheit zuruft: "Ich habe dich vor deinen Eltern gerettet! Vor einem langweiligen Leben in den engen Grenzen der Gesellschaft!" 

Keine Liebe, sondern Missbrauch: Jennifers Trainer Bill (Jason Ritter). © Sky Atlantic

Immer wieder muss Jennifer Korrekturen im Bild ihrer Vergangenheit vornehmen. So sieht sie sich beispielsweise in den ersten Szenen der Kindheit als selbstbewussten Teenager: "Nein, nein!" ruft die Mutter, "auf dem Foto bist du schon 15, nicht 13!" und eine Freundin von früher beschreibt sie als scheues, unsicheres Mädchen. In den nächsten Szenen wird sie dann nicht mehr von der 19-jährigen Jessica Sarah Flaum gespielt, sondern von der viel kindlicheren Isabelle Nélisse.

Virtuos setzt Jennifer Fox in ihrem Spielfilmdebüt die Möglichkeiten des filmischen Erzählens ein, um Wirklichkeit ausfransen zu lassen, um Gewissheiten zu unterlaufen und in Frage zu stellen. Immer wieder schieben sich die verschiedenen Zeitebenen übereinander. Die erwachsene Jennifer tritt in einen Dialog mit ihrem kindlichen Ich, wird von diesem herausgefordert und zurückgewiesen: "Du bist wie alle Erwachsenen, du willst mir nur sagen, was ich tun soll, es ist mein Leben, ich lebe es wie ich will!" Auch einige der Beteiligten von damals sprechen die Jenny von heute ganz direkt an, erklären und rechtfertigen sich. Zwischen Neugier, Wut und Fassungslosigkeit bahnt sich Jennifer Fox einen Weg durch den Sumpf ihrer Kindheit.

In Laura Dern findet sie dabei eine wunderbare Verbündete, die als ihr Alter Ego viele Nuancen zwischen Stärke und Verletzlichkeit oszillieren lässt. Jeder Satz und jedes Bild wird plötzlich vieldeutig. Wenn Mrs. D. ihrer kleinen Reitschülerin beibringt "den Widerstand ihres Körpers zu überwinden", dann ist das viel mehr als nur sportliches Training. Wenn die Dozentin Jennifer ihren Studenten beibringt, wie man Interviewpartner aus der Reserve lockt, dann ist das auch eine Lektion, die sie als Kind am eigenen Leib erfahren hat. Und beim Schnitt ihres Dokumentarfilms Flying: Confessions of a free Woman, in dem Frauen über ihr Verhältnis zu Liebe und Sex sprechen, steigen Jennifer Tränen in die Augen. Weil sie plötzlich begreift, in welchem Maße sie durch den Missbrauch um ein natürliches Verhältnis zu Sexualität und Liebe betrogen wurde.

"The Tale" läuft ab 17. August auf Sky Cinema HD und auf Sky Ticket.