Eva Trobisch hat sich zum Abschluss ihres Studiums an der Münchner Filmhochschule mit den Folgen einer Vergewaltigung beschäftigt. Ihr Drama "Alles ist gut" handelt von Janne, einer selbstbewussten jungen Frau. An einem alkoholseligen Abend im Biergarten lernt sie Martin kennen. Weil er nicht mehr nach Hause kommt, bietet sie ihm ihr Sofa an. Am Ende überwältigt Martin Janne und hat gegen ihren Willen Sex mit ihr. Janne möchte danach einfach weiterleben wie bisher und erzählt niemandem von dem Vorfall.
Eva Trobisch erhielt für ihren sorgfältig aufgebauten und bis ins Detail klug inszenierten Film auf dem Münchner Filmfest den Preis als beste Nachwuchsregisseurin. Kurz darauf wurde "Alles ist gut" in Locarno als bester Debütfilm ausgezeichnet. Ein Gespräch mit der Filmemacherin über Selbstbestimmung – und deren Grenzen.

ZEIT ONLINE: Was Janne widerfährt, benennen Sie in Ihrem Film kein einziges Mal. Was ist es denn, was da passiert?

Eva Trobisch: Nun, strafrechtlich ist es eine Vergewaltigung. Aber es ist ja niemand dabei, der Protokoll führen würde. Insofern gibt es nur die beiden, Janne und Martin, die Zeugen dessen sind, was passiert. Und nur sie beide können für sich definieren, was diese anderthalb Minuten sind. Und Janne entscheidet, aus diversen Gründen – innerlichen wie äußerlichen – dass sie mit dem Vorfall besser umgehen kann, wenn sie ihn für sich als anderthalb Minuten betrunkener, schlechter Sex einordnet.

ZEIT ONLINE: Der Zuschauer sieht genau, was passiert. Ist es wirklich eine reine Betrachtungsweise?

In Locarno erhielt Eva Trobisch für ihren Film "Alles ist gut" den Preis für den besten Nachwuchsfilm. © dpa

Trobisch: Darum geht es ja in dem Film. Janne nimmt für sich in Anspruch, die Deutungshoheit über die Dinge, die ihr widerfahren, zu behalten. Sie kann zwar nicht entscheiden, was ihr passiert, aber sie kann entscheiden, wie sie damit umgeht.

ZEIT ONLINE: Wenn Janne das Wort Vergewaltigung nicht aussprechen will, bedeutet es, dass es etwas auslösen würde, was sie nicht will. Was wäre das?

Trobisch: Das Wort "Vergewaltigung" weckt sofort Zuschreibungen. Nicht nur für den Vorgang als solchen, sondern auch für das Opfer: wie es sich zu fühlen hat, wie es sich zu verhalten hat, zum Beispiel Anzeige zu erstatten. Darüber hinaus erwartet man auch eine geschwächte, traumatisierte, zerbrechliche Frau. Solche Bilder sind ganz tief verwurzelt in unserer Kulturgeschichte. Sie haben eine Kraft und Gewalt, die auch in der Debatte mitschwingen, die seit einem Jahr noch einmal neu diskutiert wird. Dabei haben diese Bilder womöglich mit einer starken, emanzipierten Frau gar nicht so viel zu tun.

ZEIT ONLINE: Sie haben für den Film auch mit betroffenen Frauen gesprochen. Was ist das Schmerzliche, womöglich Stigmatisierende daran, als Opfer zu gelten?

Trobisch: Zum einen gibt es die eben erwähnten Zuschreibungen und Bilder. Denen wollen sich nicht alle fügen. Zum anderen möchten manche der Sache nicht noch mehr Raum in ihrem Leben geben, den ein strafrechtlicher Prozess zwangsläufig mit sich brächte. Vor Gericht müsste man das Ganze vor aller Öffentlichkeit durchdeklinieren, das dauert dann ein Jahr oder womöglich noch länger. Man gibt dem Vorfall damit eine andere Größe, als er vielleicht für manche Frau nur haben müsste, wenn sie ihm nur die anderthalb Minuten zugesteht. Eine Art Platzverweis quasi. Dem Selbstverständnis der Janne im Film beispielsweise entspräche es eben überhaupt nicht, hinterher dazusitzen und zu klagen: "Oh je, mir wurde jetzt aber meine Ehre genommen." Für andere wiederum kann eine Anzeige und die öffentliche Anklage des Täters aber auch gut und wichtig sein.

ZEIT ONLINE: Kann man also selbst darüber entscheiden, was einen beschädigt und was nicht?

Trobisch: Darauf habe ich keine Antwort, aber es ist eine Frage, die mich um- und antreibt. Das hängt vermutlich von der Frau ab. Janne ist eine starke Frau. Es ist ihr gutes Recht, sich diese Haltung und ihren Wunsch nach Selbstermächtigung nicht nehmen zu lassen. Das ist nicht nur Schwäche oder Verdrängung, sondern auch eine Stärke, eine Art Resilienz. Dennoch stößt ihr Verhalten an Grenzen, emotionale, leibliche und soziale. Im Film wird der Radius der Zerstörung irgendwann zu groß. Und zwar nicht nur der Schaden an der eigenen Person, sondern auch die Beschädigung anderer.

ZEIT ONLINE: Die leibliche Grenze ist eine Schwangerschaft, die Sie Janne per Drehbuch auferlegt haben. Hatten Sie nicht Sorge, dass diese Schwangerschaft dramaturgisch vielleicht etwas zu viel wäre?

Trobisch: Ja, darüber habe ich lange nachgedacht. Eigentlich entspricht es nicht meiner Art, so einen häufig bemühten Plotpoint auch noch in den Topf zu werfen. Aber am Ende habe ich das in Kauf genommen, weil es so physisch und archaisch ist. Wenn Janne schwanger wird, kann sie sich ihren ganzen Intellekt in die Haare schmieren.

ZEIT ONLINE: Können Sie sich Voraussetzungen vorstellen, unter denen eine Frau wie Janne, selbstbewusst und selbstbestimmt, tatsächlich unbeschädigt hätte davonkommen können?

Trobisch: Doch durchaus. Janne passiert ja später noch allerhand: Sie muss mit dem Täter zusammenarbeiten; der Täter ist der Freund und Schwager ihres neuen Chefs; sie braucht den Job aus ökonomischen Gründen, außerdem reizt er sie inhaltlich; sie wird schwanger. Während der Dreharbeit haben wir solche neuralgischen Punkte intensiv besprochen und uns vorgestellt, bis zu einem gewissen Grad könnte Janne, wenn es nur bei dem einen Abend geblieben wäre, den Vorfall vielleicht beiseiteschieben und es schaffen, sich zu sagen: "Der Abend war nicht so super, aber ich habe auch schon mit anderen Männern geschlafen und schlechten Sex gehabt in meinem Leben. Mein Gott." Diese Auffassung teilen ja viele, vor allem der älteren Generation. Sie sagen: "What the big fuzz ..."

ZEIT ONLINE: Feministinnen wie Germaine Greer.

Trobisch: Genau.

ZEIT ONLINE: Die für diese Auffassung von anderen heftig kritisiert wird.

Trobisch: Es ist nicht pauschal zu beantworten, was es mit einer Frau macht. Als wir uns entschieden haben, dass Janne am nächsten Morgen nicht völlig aus der Bahn geworfen wirkt, war uns klar, dass dabei einiges mitschwingt, was durchaus unangenehm auszuhalten ist: Sie macht sich Vorwürfe, dass sie Martin mitgenommen und falsche Erwartungen geweckt hat. Sie hat später sogar Mitleid mit ihm, dem Täter. Sie fühlt sich aber auch erhaben, moralisch überlegen und sie hat Macht über ihn. Das steht alles mit im Raum, wobei ich selbstverständlich kein victim bashing betreiben will.

ZEIT ONLINE: Das heißt, eine Vergewaltigung muss nicht zwangsläufig zu einem Zusammenbruch führen?

Trobisch: Das kann ich natürlich nicht pauschal und nicht für jeden beantworten. Aber es ist eben kein monokausaler Vorgang in einem irgendwie luftleeren Raum. Er passiert in einem System voller Beziehungen und Abhängigkeiten. Wenn Janne beispielsweise wirtschaftlich anders dastünde, würde sie vielleicht auch anders mit dem Vorfall umgehen. Ebenso, wenn sie anders sozialisiert wäre. Es hängt viel an der inneren und äußeren Verfasstheit der Beteiligten.

ZEIT ONLINE: Interessant ist in Ihrem Film auch die Figur des Täters, Martin. Er entspricht keinesfalls irgendwelchen Klischees vom tumben Typen. Er verfügt durchaus über einen moralischen Kompass und ist sich seiner Schuld nach der Tat bewusst. Als Zuschauer fragt man sich irgendwann selbst: Was könnte er danach sagen oder richtig machen? Ist so eine Schuld abmilderbar?

Trobisch: Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Martin ist einmal falsch abgebogen und hat eine Straftat begangen. Das überrascht, ja, schockt ihn selbst, und er versucht aufrichtig, wenigstens im Nachhinein das Richtige zu tun. Nur dabei ist er jetzt abhängig von der anderen beteiligten Person, also von Janne. Und ihr Umgang damit, einfach so zu tun, als wäre nichts, überfordert ihn fast noch mehr. Würde er sich selbst anzeigen oder das, was vorgefallen ist, Jannes Chef erzählen, würde er den nächsten Übergriff an Janne begehen, da sie es ja partout nicht öffentlich machen will. Auch der Täter spürt also die Grenzen der Selbstbestimmung.

Der Film "Alles ist gut" läuft am 27. September in deutschen Kinos an.