Bill Cosby geht ins Gefängnis. Man muss sich das einmal laut vorsagen, weil diese Tatsache bis vor Kurzem noch undenkbar gewesen wäre. Cosby war einer der beliebtesten Entertainer der USA. In seiner Cosby Show verkörperte er als Arzt Cliff Huxtable den amerikanischen Vorzeige-Dad und emanzipierten Ehemann schlechthin. Nach der Verkündung des Strafmaßes steht nun fest: Er muss mindestens drei und maximal zehn Jahre in einem Bundesgefängnis im US-Bundesstaat Pennsylvania verbüßen. Cosby ist 81 Jahre alt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass er dort den Rest seines Lebens verbringen wird.

Der Prozess gegen Cosby wegen der schweren sexuellen Nötigung von Andrea Constand war bereits am 26. April mit einem Schuldspruch in allen drei Anklagepunkten zu Ende gegangen: Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung, während das Opfer bewusstlos war, sowie nach der Eingabe eines Betäubungsmittels. Anklage und Verteidigung einigten sich nun darauf, die drei Anklagepunkte zu einem zusammenzufassen, womit sich das Höchststrafmaß von 30 auf zehn Jahre Haft reduzierte.

Doch eine Frage blieb bis zuletzt offen: Würde Cosby wirklich eine Gefängnisstrafe antreten müssen? Würde ihn sein Alter, seine Gebrechlichkeit, vielleicht auch seine Prominenz davor bewahren? Cosby hat keine Vorstrafen, und, so argumentierte sein Anwalt, welche Gefahr für die Gesellschaft sollte jetzt noch von einem fast blinden, hilfsbedürftigen 81-Jährigen ausgehen? Da Cosbys Verteidigung schon angekündigt hatte, Berufung gegen das Urteil einzulegen, hätte man zumindest damit rechnen können, dass Cosby – wie schon in den vergangenen fünf Monaten zwischen Urteil und Strafmaßverkündung – im Hausarrest mit einer Fußfessel verbringen würde.

Der Richter Steven O'Neill aber entschied sich, nicht auf die Bedürfnisse eines alten Mannes einzugehen, sondern ein Zeichen für die Opfer zu setzen. "Niemand steht über dem Gesetz, und niemand sollte wegen seines Wohnorts, wegen seiner Identität oder wegen Wohlstand, Ruhm, Berühmtheit oder sogar Wohltätigkeit anders behandelt werden", sagte O'Neill in seinem Urteilsspruch. Und er fügte hinzu: "Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall."

Fast ein Jahr nach dem Beginn der #MeToo-Bewegung und kurz vor dem Prozessbeginn gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein in New York kann man diesen Satz kaum anders lesen als ein Statement: Der Prominentenbonus in Fällen sexuellen Missbrauchs ist aufgebraucht. Bisher schwang in Fällen, in denen ein reicher, berühmter Mann von einer eher mittellosen Frau beschuldigt wurde, häufig der Verdacht mit, es seien finanzielle Interessen im Spiel. Auch Cosbys Verteidigung hatte versucht, Andrea Constand zu diskreditieren. "Gold digger" (Goldgräberin) war eine der Bezeichnungen, die im Prozess fielen. Die Jury hatte das anders gesehen, Mitglieder sagten nach dem Urteilsspruch, sie hätten Constands Aussage für überzeugend und glaubwürdig gehalten.

Man muss jedoch vorsichtig sein, das Urteil gegen Cosby nun als Messlatte für weitere Fälle heranzuziehen, in denen berühmten Männern – und inzwischen auch Frauen – sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Ein entscheidender Faktor aber hat sich geändert, und auch dazu passt der Satz "Je höher der Aufstieg, desto tiefer der Fall": Gerade Männer, die aus einer Machtposition heraus jahrzehntelang Mädchen und Frauen missbrauchten, müssen nun mit einer neuen Solidarität und Schlagkraft ihrer Opfer rechnen. Im Fall Cosby, in dem des zu jahrzehntelanger Haft verurteilten Arztes des US-Gymnastikteams, Lawrence G. Nassar, im Januar 2018 und auch im anstehenden Weinstein-Prozess waren es Dutzende Frauen, die sich nach und nach aus ihrer Opferrolle erhoben und Übergriffe öffentlich machten. 

Im zweiten Prozess gegen Cosby ließ der Richter nachträglich fünf Frauen als Zeuginnen zu – ein ungewöhnlicher Vorgang, der prozessrechtlich nur zulässig ist, wenn sich damit ein gewisses kriminelles Muster bestätigt. Im Fall Cosby konnte man das so werten, denn die Frauen hatten übereinstimmend ausgesagt, sie seien vor dem Missbrauch von Cosby betäubt worden. Die vom Staat Pennsylvania bestellte Psychologin Kristen Dudley bestätigte das kriminelle Muster. Sie konstatierte Cosby eine psychische Störung: Er habe den Drang, über hilflose Frauen herzufallen.

Vielleicht wird Bill Cosby nach drei Jahren wieder freikommen, wenn eine Kommission einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung billigt. Seine vom Gericht beschlossene Einstufung als Sexualstraftäter aber wird lebenslang erhalten bleiben. Er wird in ein öffentliches Register eingetragen, Nachbarn, Schulen und Opfer werden über seinen Wohnort informiert. Von Bill Cosbys Lebenswerk wird der Eintrag als gewalttätiger Sexualstraftäter bleiben.