Ein "riesentolles Abenteuer" sei die Wissenschaft, sagt der Regisseur David Sieveking. Sein Film Eingeimpft läuft diese Woche in den deutschen Kinos an. Der Regisseur sucht in dem Dokumentarfilm gemeinsam mit seiner Frau nach einer Antwort auf die Frage, ob und mit welchen Impfungen er seine Kinder versorgen soll. Objektivität darf man dabei indes nicht erwarten. Sievekings Arbeitsweise zog schon heftige Kritik auf sich, als vor wenigen Wochen das Buch zum Film erschien. So sagte die Psychologin Cornelia Betsch ZEIT ONLINE, Sieveking verschweige den wissenschaftlichen Konsens und lasse vor allem abseitige Stimmen zu Wort kommen. Er nehme eine völlig falsche Perspektive ein, die Zweifel säe und damit Verschwörungstheorien Vorschub leiste. Aber wem genau hat Sieveking eigentlich zugehört? Wem gibt er in seinem Film Raum, die eigene Position darzulegen? Eine Recherche von ZEIT ONLINE zeigt: Im Film kommen Personen als vermeintlich unabhängige Experten zu Wort, die Gelder von Anti-Impf-Lobbyisten erhalten, die wiederum Impfungen mit dem Holocaust vergleichen.

"Oft mündet die Kritik am Mainstream in eine naive unkritische Haltung gegenüber unseriösen Quellen, da muss man auf der Hut sein", sagte Sieveking vor Kurzem. Dieser Satz überrascht, wenn man sich anschaut, mit wem genau Sieveking sich in seinem Film unterhält. Da ist zunächst ein Arzt einer anthroposophischen Klinik in Berlin, der auf einer Eltern-Infoveranstaltung Sätze sagt wie: "Impfen ist einer der stärksten, manipulativsten Eingriffe, die man überhaupt machen kann." Der Arzt kommt auch im Buch zum Film ausführlich zu Wort. Darauf angesprochen sagt Sieveking, er habe von diesem Arzt viel übers Impfen gelernt. Gleichzeitig räumt er ein, dass der Arzt mit seinen Formulierungen "selber ziemlich manipulativ ist". Nur warum wird das nicht thematisiert? Wenn er ihn als "Freak" dargestellt hätte, der Quatsch erzählt, "würde man fragen, wieso er im Film vorkommt", sagt Sieveking.

Ein Kongress, von extremen Impfgegnern finanziert

Das allein ist eine bemerkenswerte Aussage für jemanden, der einen neutralen und aufklärerischen Film machen möchte. Ein weiteres Problem aber ist, erklärt der Journalistikprofessor Markus Lehmkuhl vom Karlsruher Institut für Technologie, dass die meisten Ärztinnen und Mediziner nun mal keine Wissenschaftler seien. In der Bevölkerung wie auch unter Journalistinnen und Journalisten sei der Irrglaube weit verbreitet, ein Arzt kenne sich schon aus. Um aber eine wirklich gute Einordnung des Stands der Wissenschaft vornehmen zu können, müsse ein Arzt selbst in diesem Feld geforscht haben. Nur dann wisse er etwa, welche Macken die methodischen Ansätze haben. Letztlich kommt man also nicht an den Expertinnen und Experten vorbei, die an Unis oder Behörden wie dem Paul-Ehrlich-Institut oder dem Robert Koch-Institut arbeiten.

Viel problematischer als die extremen Meinungen des anthroposophischen Arztes aber ist eine andere Stelle im Film. Sieveking reist nach Leipzig und besucht ein "Internationales Symposium", wie es im Film heißt. Hier kommen verschiedene Wissenschaftler zu Wort: Der britische Aluminiumforscher Chris Exley beispielsweise berichtet über mögliche toxische Effekte von Impfwirkverstärkern, die das Metall enthalten. Was im Film keine Erwähnung findet: Sowohl die Arbeitsgruppe, in der Exley arbeitet, als auch das Symposium sind vollständig von einer Organisation finanziert, die sich Children's Medical Safety Research Institute (CMSRI) nennt. Dessen Gründerin Claire Dwoskin zählt zu den extremen Impfgegnern. Einem Reporter von FOX Business soll sie in einer E-Mail geschrieben haben: Impfungen sind "Holocaust des Gifts für die Gehirne und Immunsysteme unserer Kinder."

Sieveking hatte lange Zeit keine Ahnung, mit wem er sprach

Neben Exley kommt auch die umstrittene Forscherin Lucija Tomljenovic von der kanadischen University of British Columbia im Film zu Wort. Auch sie gilt als harte Impfkritikerin und wird vom CMSRI unterstützt. 2011 lud das CMSRI zur Vaccine Safety Conference sogar den Briten Andrew Wakefield ein – obwohl im Vorjahr wegen unethischen und unehrlichen Verhaltens seine Ärztezulassung widerrufen und seine prominenteste Veröffentlichung wegen inkorrekter Daten zurückgezogen worden war. Wakefield hatte mit der Studie einen Zusammenhang zwischen dem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) und Autismus zeigen wollen, der nach allem, was die Wissenschaft weiß, weder damals noch heute haltbar ist.

Im Gespräch gibt Sieveking zu, dass er lange Zeit keine Ahnung gehabt habe, was das CMSRI sei. Inzwischen weiß er es, würde rückblickend aber nichts am Film ändern wollen: "Ich halte das Symposium nicht für eine tendenziöse oder irgendwie obskure Veranstaltung", sagt Sieveking. "Meiner Ansicht nach liegt da kein Interessenkonflikt vor, den ich im Film hätte thematisieren müssen."

Timo Lange, der beim Verein Lobbycontrol für das Thema Interessenkonflikte zuständig ist, sieht das anders. Auch Einrichtungen wie das CMSRI wollten ihre Ziele erreichen, sagt er. Gerade bei Wissenschaftlerinnen und Forschern, die zu umstrittenen Fragen recherchieren, müsste der Interessenhintergrund genannt werden, fordert er. Und die Psychologin Cornelia Betsch, Professorin für Psychologie in Erfurt sagt: "Man wird dazu verleitet, Interessenkonflikte eben nur da zu sehen, wo es der Geschichte dienlich ist."

Kein Problembewusstsein bei den Filmförderern

Noch problematischer wird das vor dem Hintergrund der Filmfinanzierung und -produktion. Als Koproduzenten des Films sind der Bayerische Rundfunk und der Rundfunk Berlin-Brandenburg in Kooperation mit Arte aufgeführt. Finanziell gefördert wurde das Projekt zudem von der Film- und Medienstiftung NRW, der Hessischen Filmförderung und dem Medienboard Berlin-Brandenburg. Von keiner der Förderer oder Koproduzenten werden der Film und die zugrundeliegende Recherche als problematisch eingeordnet. Das Medienboard teilt auf Anfrage mit, die möglichen Interessenkonflikte sehe man nicht als Problem. Vielmehr sei es gewollt, dass der Film "Kontroversen und Ablehnung auslöst". Er sei ein "Beitrag zur durchaus legitimen Diskussion um die Impfung von Kleinkindern". Manchen Redakteuren, erzählt Sieveking, ginge der Film sogar nicht einmal weit genug: "Es gab Fragen, ob der Film zum Schluss nicht zu impfunkritisch geworden ist."

Psychologin Betsch ist darüber schockiert. Derartige Aussagen würden suggerieren, dass es sich um eine Meinungsdiskussion handele. Dabei gehe es um Evidenz – und über die könne man nicht derart diskutieren. Impfkritikerinnen und Impfkritiker würden in ihren Publikationen gerne den Konsens verschweigen. "Man darf alles behaupten und der Leser muss dann selbst herausfinden, was wahr ist oder falsch – und wenn in der Zwischenzeit ungeimpfte Kinder sterben, ist das Schicksal."

Der Autor dieses Artikels, Hinnerk Feldwisch-Drentrup, ist Mitgründer des unabhängigen Onlinemagazins "MedWatch". Das Team von "MedWatch" sucht im Netz nach gefährlichen und unseriösen Heilsversprechen und klärt darüber auf.

Weitere unabhängige Informationen zu David Sievekings Buch "Eingeimpft" sowie dem gleichnamigen Film finden Sie hier.