Florian Hager ist Programmgeschäftsführer des jungen Netzwerkes funk von ARD und ZDF, unter dessen Dach Schlecky Silbersteins Sendung "Bohemian Browser Ballett" läuft. Nachdem ein AfD-Abgeordneter Silbersteins Satire als linke Fake-News bezeichnet hatte, wurden der Comedian und sein Team im Netz bedroht. ZEIT ONLINE berichtete.

ZEIT ONLINE: Herr Hager, wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von den Morddrohungen gegen Schlecky Silberstein hörten?

Hager: Ich war schockiert. Es ist ja nicht so, dass wir bei funk bis dato im hassfreien Raum agiert haben, ganz im Gegenteil. Aber dass ein AfD-Abgeordneter des Berliner Landesparlaments im Hausflur von Silbersteins Produktionsfirma steht, das Klingelschild abfilmt und damit die Adresse ins Netz stellt, ist selbst für uns eine neue Dimension. 

ZEIT ONLINE: Der Fall von Schlecky Silberstein ist eigentlich völlig absurd: Die AfD wirft einer Satiresendung vor, Fake-News zu betreiben und stellt dann selbst ein Video ins Netz, in dem sie selbst fälschlicherweise behauptet, linke Medien stellten eine Demo in Chemnitz nach. Was hat der Begriff Fake-News eigentlich angerichtet? 

Hager: Bei Fake-News geht es nicht darum, das Gegenüber zu überzeugen. Und schon gar nicht darum, wer recht hat, sondern wer vom eigenen Publikum recht bekommt. Das macht es uns per se unmöglich, solchen Vorwürfen mit Fakten entgegenzutreten. Der US-Präsident führt es vor: Fakten werden abgeschafft und Vertrauen wird diskreditiert. 

Florian Hager, 42, hat funk aufgebaut, das Contentnetzwerk von ARD und ZDF, das im Herbst 2016 online ging. Seit 2016 unterstützt funk das ZEIT ONLINE-Festival Z2X. © Marcel Burkhardt/funk von ARD und ZDF

ZEIT ONLINE: Haben Sie konkrete Maßnahmen ergriffen, um Ihre Mitarbeiter zu schützen?

Hager: Wir prüfen gerade, welche Maßnahmen am sinnvollsten und wirksamsten sind. Da geht es natürlich in erster Linie um juristische Aspekte sowie Sicherheitsfragen, aber auch andere Themenfelder, wie etwa die mediale Aufbereitung dieser bedenklichen Geschehnisse.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie in dem Zusammenhang die Äußerung des scheidenden Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen über das angeblich fingierte Video aus Chemnitz?

Hager: In den vergangenen Wochen haben mehrere Politiker oder Mitarbeiter staatlicher Behörden, deren Aufgabe es eigentlich wäre, das Vertrauen in Fakten zu stärken, das Gegenteil getan – aus welchen Beweggründen auch immer. Ich halte das für sehr gefährlich, rüttelt dies doch gewaltig an den Grundfesten unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und sägt systematisch an der Glaubwürdigkeit der Medien.  

ZEIT ONLINE: Der für funk zuständige SWR hat in seinem offiziellen Statement zu Silberstein geschrieben, der Vorgang lege die "augenblickliche Zerrissenheit unserer Gesellschaft offen". Sehen Sie das auch so?

Hager: Ich glaube, es gibt eine relativ kleine, aber extrem gut vernetzte und organisierte Gruppe von Leuten, die wir mit unseren Inhalten nicht mehr erreichen können. Es gibt aber auch eine relativ große Anzahl von Menschen, die offen sind für Diskussionen, Argumente und Fakten – und es gibt einen Zwischenbereich, den wir leider oft noch übersehen.

ZEIT ONLINE: Wen meinen Sie damit konkret?

Hager: Die Leute, die keiner bestimmten politischen Richtung angehören und sich in erster Linie im Netz informieren wollen. Ich habe während meiner zweijährigen Zeit bei funk oft jüngeren Menschen über die Schulter geschaut, wie sie Medien konsumieren. Die meisten verwenden YouTube als Suchmaschine. Für viele zählt die reine Existenz eines Videos schon als Beweis für eine Behauptung, das hat mich überrascht. Da wird nicht mehr gefragt: Von wem stammt das, ist der Inhalt glaubwürdig? Mir selbst ist es aufgefallen, als ich vor einiger Zeit auf YouTube den Begriff Bundestag eingegeben habe: Da kamen erst mal nur Beiträge über die AfD. Russia Today (der staatliche russische Propagandasender kam 2014 auf den deutschen Markt, Anm. d. Red.) etwa hat es geschafft, den Markt vor allem mit Videoinhalten zu überschwemmen. Mit ungeschultem Auge kann ich kaum mehr erkennen, ob das, was dort gezeigt wird, der Realität entspricht oder gut gemachte Propaganda ist. Und bei vielen jungen Userinnen und Usern macht es halt nicht sofort klick, da hat ein Russia-Today-Video denselben Stellenwert wie eines von ARD, ZDF oder RTL. Diese Menschen haben eine Frage – und bekommen eine Antwort. Sie müssen wir erreichen.

ZEIT ONLINE: Indem funk seine Inhalte auch auf YouTube und Facebook spielt?

Hager: Wir haben einen klar definierten staatsvertraglich verankerten Auftrag, nämlich 14- bis 29-Jährige mit öffentlich-rechtlichen Inhalten zu erreichen und zur Meinungsbildung in dieser Zielgruppe beizutragen. Deswegen ist es mir auch so wichtig, dass wir uns nicht auf einer eigenen, hübschen Plattform vor den Hässlichkeiten der Welt verstecken, sondern unsere Formate eben auch auf YouTube und Facebook präsentieren und die Kommentare darunter moderieren. Aber wir sind bisher viel zu wenig präsent an den Stellen, an denen Meinungsbildung heute stattfindet. Das gilt besonders für uns öffentlich-rechtliche Medien, die wir mit unseren Inhalten kein Geld verdienen müssen.