So könnte die Freiheit aussehen: sattes Grün so weit das Auge reicht; mächtige, hoch aufragende Bäume mit majestätischen Kronen, die ein schützendes Dach bilden; auf dem Boden heimelig raschelndes Laub. Zwischen den Büschen hängen Spinnennetze, die seidig im Sonnenlicht schimmern. So delikat, zerbrechlich und doch anpassungsfähig wie das Zuhause, das sich die 15-jährige Tom (Thomasin Harcourt McKenzie) und ihr Vater Will (Ben Foster) in diesem Wald geschaffen haben.

Ein Zelt, eine wasserdichte Plane, ein kleines Salatbeet, mehr brauchen die beiden nicht. Sie trinken Regenwasser, machen Feuer und braten sich Pilze, die sie im Wald sammeln. Aber dann knackt irgendwo ein Ast und sofort reißt Will seinen Kopf hoch. Die Freiheit, in der die beiden leben, hat enge Grenzen und ist ständig von außen bedroht.

Leave No Trace ist erst der dritte Spielfilm der amerikanischen Filmemacherin Debra Granik, die mit ihrem Thriller Winter’s Bone international bekannt wurde, nicht zuletzt, weil sie damit ihre damalige Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence zum Star machte. Gut möglich, dass auch die Neuseeländerin Thomasin Harcourt McKenzie, die im Mittelpunkt ihres neuen Films steht, in Hollywood noch von sich reden machen wird. Mit der selbstsicheren Intensität, die sie ausstrahlt, ist sie schlicht eine Sensation.  

Leben im Wald

Aber dieser kleine Independentfilm hat weit über die Hauptdarstellerin hinaus viele Kinogänger und Kritikerinnen in den USA aufgewühlt und zu Tränen gerührt. Das dürfte auch daran liegen, dass Granik zwar von harten, sehr amerikanischen Themen erzählt: Flucht, Krieg, Traumata, Anpassungsdruck, Einsamkeit. Dass sie es aber trotzdem schafft, daraus einen sanften, bewegenden, ehrlichen Film zu machen. Einen Film, der das vergiftete Klima und die Spaltung in diesem Riesenland nicht ausblendet und dennoch zeigt, dass das offene Ohr, das offene Herz, die Freundschaft, kurz: Mitmenschlichkeit, nicht aufgehört haben, zu existieren.

Obwohl man das befürchten könnte angesichts der verschlossenen, misstrauischen Miene von Will. Viel erfährt die Zuschauerin nicht über dessen Vergangenheit. Offensichtlich ist er ein Kriegsveteran und leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Toms Mutter ist tot und Will sieht keinen Platz für sich und seine Tochter in der Gesellschaft. Er lebt mit ihr in einem Park in der Nähe von Portland.

Das geht nicht lange gut. Ein Jogger sieht Tom, kurz darauf sind Sozialarbeiter und Polizisten mit Hunden vor Ort. Sie nehmen die beiden mit in eine Aufnahmeeinrichtung. Tom wird gefragt, ob ihr Vater sie körperlich bedrängt hat (was sie stolz verneint), Will soll einer Computerstimme um die tausend Fragen zu seinem seelischen Zustand beantworten (was ihn nach kürzester Zeit überfordert).

Schließlich finden die beiden Unterschlupf bei einem Sozialprojekt, das ihnen eigentlich eine gute Chance für ihren Neustart bieten sollte. Sie bewohnen ein kleines Haus, Will arbeitet auf einer Farm für Christbäume, Tom lernt einen freundlichen Nachbarsjungen kennen. Aber der verkniffene Blick will nicht aus Wills Gesicht weichen. "Du kannst noch immer deine eigenen Gedanken denken", sagt er seiner Tochter. Dabei spürt er, dass sie das längst tut, dass sie einen Weg finden will in diese Gesellschaft. Das erträgt Will nicht lange und er macht sich erneut mit Tom auf, um zu verschwinden. Keine Spur zurückzulassen, wie es im Filmtitel heißt.