Seit im vergangenen Jahr die ersten deutschen Netflix- und Amazon-Serien auf den Markt gekommen sind, wird auch hier diskutiert, ob der Einfluss der Streamingdienste dem deutschen Fernsehmarkt mehr Segen oder Fluch bringt. In Großbritannien sind die Produktionen dieser Unternehmen schon etwas länger auf dem Markt – mit gravierenden Auswirkungen auf die heimische Branche. Zu ihren Kritikern gehört der renommierte britische Regisseur Peter Kosminsky ("Warriors", "The State"). Wir sprachen mit ihm über das Abwerben von Talenten durch Netflix, die rasant steigenden Kosten für TV-Serien und die Zukunft der BBC.

ZEIT ONLINE: Mr. Kosminsky, wenn man Ihnen glaubt, war das Goldene Zeitalter des Fernsehens in Wahrheit nur ein kurzer Goldrausch. Netflix, Amazon und Apple haben sich die größten Batzen gesichert, dem Rest – unabhängigen Produktionsfirmen und öffentlich-rechtlichen Sendern – bleiben nur wertlose Steinchen.

Peter Kosminsky: Das Bild trifft es ganz gut. Ich möchte die Vorteile der Streaminganbieter und Video-on-Demand-Dienste nicht herunterspielen, sie machen großartige Sachen, bringen neues Geld in den Kreislauf und erreichen eine ganz neue Zielgruppe. Meine Angst ist aber, dass sie keine Koexistenz mit den heimischen Sendern anstreben, sondern diese zerstören möchten. Für mich ist das kultureller Imperialismus. Obwohl es sicher vor allem um Geld geht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie konkrete Anlässe für Ihre Befürchtungen?

Peter Kosminsky, Jahrgang 1956, ist einer der renommiertesten britischen Regisseure und Drehbuchautoren. Er wurde mehrfach preisgekrönt für seine sozialkritischen Fernsehfilme und -serien, darunter "The Promise", "Wolf Hall" und "The State". Derzeit recherchiert er an einem TV-Projekt über den Brand im Londoner Grenfell Tower. © Frederick M. Brown/Getty Images

Kosminsky: Die Streamingdienste gehen inzwischen keine Koproduktionen mehr mit britischen Sendern ein. Das Modell der Kooperationen sei vorbei, haben mir die Verantwortlichen für Dramaserien bei der BBC oder Channel 4 gesagt. Das ist ein schlechtes Zeichen. Vor allem, weil in Großbritannien die Kosten für hochwertige Dramaserien enorm gestiegen sind, wohingegen das Geld, das die heimischen Sender zur Verfügung haben, gleich geblieben ist. Die Lücke zwischen dem Budget und den tatsächlichen Kosten wird also immer größer.

ZEIT ONLINE: Können Sie Zahlen nennen?

Kosminsky: 800.000 Pfund ist üblicherweise das, was die BBC oder Channel 4 zu einer Folge eines sogenannten High-End-Dramas beitragen. Aber inzwischen sind die Kosten für eine Sendestunde auf zwei Millionen Pfund gestiegen. Die Vertriebe können vielleicht noch 200.000 bis 300.000 Pfund zuschießen. Aber es bleibt eine Lücke von etwa einer Million Pfund, die man stopfen muss. Wenn die Streamingdienste keine Kooperationen mehr wollen, bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie die Sender aus den High-End-Drama-Produktionen verdrängen.

ZEIT ONLINE: Aus Zuschauersicht gefragt: Was wäre daran so schlimm?

Kosminsky: Dienste wie Netflix wollen global erzählen. Das ist per se nicht verkehrt, ich würde mich selbst auch als Internationalisten bezeichnen. Aber es funktioniert eben nicht für alle Stoffe. Es wird immer Themen geben, die ganz speziell auf ein nationales Publikum zugeschnitten sind. Auch für einen Sender wie das ZDF sollte es möglich sein, solche nationalen Themen umzusetzen, und zwar nicht nur zu einem Mikro-Budget.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich gibt es gerade eine Koproduktion von ZDF und Netflix: die Serienadaption von Patrick Süskinds Roman Das Parfum.

Kosminsky: Bis vor Kurzem gab es diese Art der Zusammenarbeit auch in Großbritannien. Es war für beide Seiten anfangs eine Win-win-Situation: Die Sender haben die kreative Expertise, aber nicht genug Geld. Bei Netflix verhielt es sich umgekehrt. Meiner Meinung nach ist Netflix vor allem deshalb Kooperationen eingegangen, um Zugang zu den Ideen zu gewinnen.

ZEIT ONLINE: Als die Showrunner der ersten deutschen Netflix-Serie Dark im Juni einen mehrjährigen Deal mit Netflix unterzeichneten, wurde das hier in der TV-Branche bejubelt. Sind wir naiv in Deutschland?

Kosminsky: Natürlich ist es angenehm, gut bezahlt zu werden, aber die wenigsten von uns sind in diesem Geschäft, um reich zu werden. Wir machen Filme und Serien, weil wir  uns künstlerisch ausdrücken möchten. Bei Netflix haben die Filmemacher keine Abnahmegarantie für ihre Ideen. Sie geben die Rechte an ihrem geistigen Eigentum an das Unternehmen ab. Wenn Netflix Nein sagt, können sie ihre Stoffe nirgendwo anders anbieten, weil sie exklusiv an das Unternehmen gebunden sind.

ZEIT ONLINE: Ein Goldener Käfig für Kreative?

Kosminsky: Ja, letztlich kauft das Unternehmen Talente vom Markt weg und niemand anderes kann mit ihnen arbeiten. Und den Kreativen sagen sie nicht mal, wie viele Menschen ihre Serie gesehen haben.

ZEIT ONLINE: Die Abrufzahlen von Netflix sind also nicht nur den Abonnenten, sondern auch den Beteiligten unbekannt?

Kosminsky: Mein Freund Andy Harries, der The Crown, die Netflix-Serie über Queen Elizabeth, produziert hat, weiß bis heute nicht, wie viele Leute seine Serie gesehen haben. Er ist nicht an den Gewinnen dieser Serie beteiligt, die überall auf der Welt abgerufen wird. Er hat lediglich zu Beginn einen sehr großen Betrag bekommen. Dieses Geschäftsgebaren wird unabhängige Produktionsfirmen vom Markt drängen. Wir erleben die Amerikanisierung unserer Sendekultur, weil diese wahnsinnig reichen Unternehmen gerade die Macht an sich reißen. Ich halte das für einen schrecklichen Fehler.

"Keine Düsternis und Tiefe"

ZEIT ONLINE: Sieht man das nicht sogar? Seit ein paar Jahren breitet sich ein gewisser Netflix-Look aus: sehr glossy, mit großer Tiefenschärfe.

Kosminsky: Ja, dieser amerikanische TV-Look: leuchtende Farben, alles ist scharf, jede Ecke perfekt ausgeleuchtet. Es gibt keine Düsternis oder Tiefe.

ZEIT ONLINE: Sie hingegen malen gerade ein ziemlich düsteres Szenario für die britische Fernsehbranche aus.

Kosminsky: Ich versuche, die Menschen vor dem zu warnen, was gerade passiert. Wir befinden uns in einer Übergangsphase, deswegen spreche ich auch gerne von der Uberisierung des britischen Fernsehens.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet diese Entwicklung für Sie als Filmemacher und Ihre Projekte?

Kosminsky: Meine Filme sind genau die Art von Projekten, die Netflix überhaupt nicht interessieren. Es sind Themen, die sehr auf Großbritannien zugeschnitten sind. Sie sind eher, was wir hier public service broadcasting nennen. Meine Filme sollen eher informieren als unterhalten.

ZEIT ONLINE: Wie ist denn das Verhältnis der Briten zur BBC?

Kosminsky: Zwiespältig. Würde man die BBC eine Woche lang abschalten, würden die Menschen ihren Wert erkennen. Aber sie nehmen sie als gegeben hin und grummeln wegen der Rundfunkgebühren, die sie bezahlen müssen. Die BBC in ihrer derzeitigen Form ist bedroht.

ZEIT ONLINE: Das Phänomen kann man derzeit in vielen europäischen Ländern beobachten. Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache dafür?

Kosminsky: Die Politik. Was ist die Idealvorstellung der Rechten von Fernsehen? Anspruchslose, eskapistische Unterhaltung, die niemanden herausfordert. Eine Möglichkeit für ihre Führung, sich vor der Bevölkerung unwidersprochen darzustellen. Öffentlich-rechtliches Fernsehen, geführt von Intellektuellen, ist für diese Leute grundsätzlich verdächtig. 

ZEIT ONLINE: Vor allem viele junge Leute würden jetzt wohl erwidern, sie möchten ihr Programm selbst auswählen, das einzelne Werk kaufen und nicht bevormundet werden.

Kosminsky: Ich sage ja nicht, dass alles so bleiben soll, nur weil man es die vergangenen 100 Jahre so gemacht hat. Die Welt verändert sich, vielleicht sollte sich die BBC auch eine Art Abomodell überlegen. Mir geht es darum, die Art von Sendungen zu schützen, die nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bestehen können. Ich habe Sorge, dass diese Beiträge verschwinden werden. 

ZEIT ONLINE: Was sollte man Ihrer Ansicht nach dagegen tun?

Kosminsky: Die Streamingdienste werden derzeit überhaupt nicht reguliert. Wenn ich in meinem Wohnzimmer sitze, empfange ich sie über mein Smart-TV, meine Apple-Box, meinen Amazon Stick, also durch genau dasselbe Fenster wie die BBC, Channel 4 oder ITV. Ich finde, Streaming- und VoD-Dienste sollten verpflichtet werden, in den Ländern, in denen sie senden wollen, mindestens 25 Prozent ihrer Produktionen in Zusammenarbeit mit den nationalen Sendern umzusetzen.

ZEIT ONLINE: Ist das realistisch?

Kosminsky: Unter unserer aktuellen Regierung wohl kaum. Wenn Labour an der Macht wäre – vielleicht. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, es zu fordern.