Letzte Woche hatte der ARD-Sonntagabendkrimi ob der Fußball-Konkurrenz im ZDF gekniffen mit einer Wiederholung von 2013 (Testspiel gegen Peru, come on!). Diese Woche macht er da weiter, wo Kiel Anfang September aufgehört hatte: bei wohliger Atmosphäre.

Das totalurbane Berlin rauscht in Tiere der Großstadt (rbb-Redaktion: Josephine Schröder-Zebralla, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) mehrmals im schicken Schnelldurchlauf durch den Film. So sieht Verlorenheit aus, das vermittelt Melancholie. Dazu tönt prominent der Soundtrack von Nils Frahm von der Tonspur, der klassische Elemente der Musik mit zeitgemäß elektronischem Fiepen paart. Auf solch einem Hintergrund lässt sich von Vielem erzählen.

Von Tieren allerdings nicht so sehr, auch wenn der Wildunfall einer Joggerin einen der beiden Morde erklärt. Carolina (Tatiana Nekrasov), die Mutter werden wollende Frau des erbkranken Bäckers Gröning (Kai Scheve) ist beim Waldlauf von einem Wildschwein erlegt worden. Sonst filmt die Kamera (Max Knauer) Raben ins Gesicht oder folgt kurz Füchsen, die durch Wohnsiedlungen schnüren, wie das Fortbewegen bei good old Reineke in diesem tollen Jägerlatein heißt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

In der Schule hätte der Berliner Tatort damit im Fach "Originelle Tötungsarten" sich mindestens eine 2 + verdient. Originalität bei den Standards ist hier sowieso ein Thema: Der Mord Nr. 1 am Roboterkaffeeautomatenbetreiber Tom Menke (Martin Baden) geschieht an einem Roboterkaffeeautomaten mit dem naheliegenden Namen "Robista Coffee" (ob sich die für Humor empfängliche Kaffeeaufbrüherzunft daraus neue T-Shirts bastelt – "Robista, Robista, Antifascista"?). Kommissarin Franziska Rubin (Meret Becker) erfährt davon: beim Joggen.

Kann man gut finden, dass hier Tatort-Muster derart variiert werden. Ist aber auch ein Zeichen für die Konvention, in der die Folge trotz ihres schmucken Äußeren steckt (Regie: Roland Suso Richter). Es gibt in Tiere der Großstadt ein klar identifizierbares "Thema" – die futuristische Robotik, Ersetzung des Menschen durch die Maschine.

Nur scheint sich der ARD-Sonntagabendkrimi damit selbst ein wenig zu langweilen. Kommissar Karow (empfiehlt sich, sollte daran irgendwas interessant sein, für die Hauptrolle in einem kommenden "Killer"-Kalle-Rummenigge-Biopic: Mark Waschke) hält bei der Begehung der geisterbahnesken Programmierungsbude des Robista-Automaten den "Alles, was Sie müssen"-Vortrag zum "Thema" und Kollegin Rubin muss darauf final genervt reagieren wie ein schlechtes Gewissen der Dialogerfinderin: "Kommense mal runter, machen se sich mal locker."

Zu Spannung verhilft sich die Berliner Folge durch den 1a-Bauerntrick, den ersten Mord durch die Ermittlungen im zweiten zu überblenden. Die Ermittler sind anderweitig beschäftigt und die Zuschauerinnen abgelenkt. Was zehn Minuten vor Schluss zu einem mittelschweren Auflösungsstau führt, den Tiere der Großstadt allerdings enttäuschend schlicht löst. Beide Morde verbindet, motivisch eng geführt, die schon im Vormaschinenzeitalter verbreitete Eifersucht.

Wobei – und das ist dann doch das kommende Maschinenzeitalter – sich die menschliche Schuld hinter willfährigen Apparaten versteckt: Dem Bäcker kann nur Totschlag durch Unterlassung vorgeworfen werden, weil er durch tätiges Nichtstun den Wildunfall an der ihn verlassen wollenden Frau beobachtet (Wieso ist er ihr dann eigentlich hinterhergejoggt – mit der Attacke durch das Borstenvieh war doch unmöglich so präzise zu rechnen?).

Und der Roboterkaffeeautomatenbetreiber stirbt durch die Hand, äh, den Greifarm des Automaten, der von der bereits verlassenen Gattin (Valery Tscheplanowa) entsprechend programmiert worden war. Das ist erzählerisch etwas faul, wenn man Krimis mag, die es spannend mögen (Drehbuch: Beate Langmaack). Symbol dieser Faulheit ist die vom Ex an die Neue verschenkte Katze, wo die Gattin doch Katzen so sehr mag, dass sie ihre Wohnung mit Holzspänen ausgelegt hat, auf dem die Schuhe der Kommissare so schön knistern.

In diesem Moment vergisst der Tatort sogar die unmittelbar bevorstehende Zukunft, von der er doch handeln wollte und lässt in einem Atavismusanfall Karow ganz gerührt sein von der Psyche der Verlassenen. Dabei wäre hier doch mehr drin gewesen, um in die Diktion der Sportreporterin zu verfallen: Wen verhaftet man, wenn Roboter töten? Und wie beweist man die Programmierung des Geräts durch einen Menschen? Der zuvor als unzuverlässig entworfene Alte (Horst Westphal) an seinem Fenster, der sich an eine Frau, die mit der Maschine tanzte, erinnert haben will, ist doch ein ziemlich unorigineller Zeuge. Lustig ist derweil, wie Meret Becker zwischendurch ein paar Roboterbewegungen einstreut.