Ende der Sechzigerjahre gründete Terry Gilliam unter anderen mit John Cleese die Comedytruppe Monty Python, die mit ihren Sketchen eine völlig neue Art des Humors populär machte: bewusst taktlos, provozierend, absurd oder gleich völlig sinnfrei. In "Das Leben des Brian" oder "Die Ritter der Kokosnuss" spannen Gilliam und seine Kollegen ihren Humor auf Spielfilmlänge. Nach der Auflösung der Gruppe wandte Gilliam sich als Filmemacher auch anderen Genres zu. 1985 drehte er die Dystopie "Brazil", 2009 den Fantasyfilm "Das Kabinett des Doktor Parnassus". Am 27. September kommt sein jüngster Film, "The Man Who Killed Don Quixote", in die deutschen Kinos. Das Projekt hat Gilliam aufgrund finanzieller Probleme beinahe 20 Jahre beschäftigt. Noch im Juni verlor Gilliam einen Rechtsstreit gegen die Produktionsfirma. Für noch ärgerlicher als all das hält Gilliam aber die grassierende politische Korrektheit, die Verlogenheit der #MeToo-Debatte und Verträge, die ihn mit einer Moralklausel den Mund verbieten wollen.

ZEIT ONLNE: Herr Gilliam, Sie sind seit mehr als 40 Jahren im Comedygeschäft, nun kommt Ihr neuer Film The Man who killed Don Quixote in die deutschen Kinos. Inwiefern, glauben Sie, hat sich der Beruf des Komikers im Laufe der Zeit verändert?

Terry Gilliam: Als ich in den Sechzigerjahren mit Satire angefangen habe, wollten die Menschen Abenteuer erleben und Leute treffen, die ganz anders sind als sie. Heute sind die Leute sehr spießig und vorsichtig geworden. Eine Ich-Ich-Ich-Welt. Die Menschen werden immer dünnhäutiger. Das schränkt die Comedy ein. Wenn man einen Witz macht, kann es sein, dass jemand beleidigt ist, obwohl das gar nicht die Absicht war. Sollte man deswegen keine Witze mehr machen dürfen? Ich finde nicht! Comedy ist ein wichtiger Teil des Lebens, einer der gesündesten.

ZEIT ONLNE: Vor Kurzem hat eine Comedyprogrammdirektorin der BBC verkündet, dass sie heutzutage keine Comedygruppe zusammenstellen würde, die aus "sechs weißen Typen aus Oxford oder Cambridge" besteht – so wie einst ihre Kollegen von Monty Python. Sie haben sich darüber ziemlich aufgeregt.

Gilliam: Als ich auf einer Pressekonferenz danach gefragt wurde, habe ich gesagt, dass ich es leid bin, als weißer Mann für jedes Unrecht dieser Welt verantwortlich gemacht zu werden, dass ich jetzt eine schwarze Lesbe auf dem Weg zu einer Geschlechtsumwandlung wäre und Loretta genannt werden möchte. Das war ein Witz, könnte aber auch wahr sein. Ein Filmfestival in Nordamerika hat sich daraufhin anscheinend entschieden, meinen Film nicht zu zeigen. Mein Ruf nach mehr Vielfalt hatte offenbar jemanden beleidigt. Wie schade, dass der Film nicht einfach aufgrund seiner Leistung ins Programm aufgenommen wurde.

ZEIT ONLNE: Haben Sie mit den Organisatoren gesprochen?

Gilliam: Nein, warum sollte ich? Mein Agent hat mit ihnen geredet. Wenn ich mir vorstellen könnte, inwiefern meine Aussage irgendjemandem geschadet haben könnte, würde ich sie zurücknehmen. Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Es war lustig gemeint. Aber wir leben in einer Zeit, in der das Wort an sich schon das Verbrechen ist – nicht das, was damit gemeint war. Das führt dazu, dass Leute nicht richtig kommunizieren. Sie benutzen Euphemismen oder vermeiden es, bestimmte Dinge zu sagen. Ich finde das sehr traurig. Auseinandersetzungen sind wichtig, um einander zu verstehen.

ZEIT ONLNE: Ich kann Ihre Sicht als Künstler verstehen. Aber die Rechtspopulisten benutzen die gleichen Argumente wie Sie: dass Political Correctness zu weit gehe, dass sie zensiert würden, dass man bestimmte Dinge doch sagen müsse. Gibt Ihnen das zu denken?

Gilliam: Nur weil die Rechten das sagen, heißt es nicht, dass ich es nicht auch sagen kann. Ich denke so und bin alles andere als rechts. Inzwischen frage ich mich, ob man ihnen nicht in die Hände spielt, wenn man es mit der Political Correctness übertreibt. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Humor und Hass. Wenn Leute beides nicht unterscheiden können, begeben wir uns auf gefährliches Terrain. Die beste Comedy basiert auf Ehrlichkeit und Wahrheit, politische Korrektheit tut es zu oft nicht. Ich würde gern mehr Provokateure auf der Linken und in der Mitte sehen. Auf der Rechten gibt's ja schon genug.

"Wissen Sie, ich bin die ganze Zeit beleidigt"

ZEIT ONLNE: Haben Sie denn in Ihrer Arbeit deswegen irgendwelche Einschränkungen erlebt?

Gilliam: Einmal wurde mir ein Vertrag vorgelegt, der eine sehr weit gefasste "Moralklausel" enthielt: Sie sollte mich dazu verpflichten, nichts zu sagen oder zu tun, was irgendjemanden beleidigen könnte. Es hatte nichts mit kreativen Fragen zu tun; es ging nur darum, dass die Produktionsfirma per Vertrag sicherstellen wollte, dass ich "politisch korrekt" bleibe.

ZEIT ONLNE: Haben Sie unterschrieben?

Gilliam: Natürlich nicht! Zumindest nicht die Fassung, die mir und meinen Mitarbeitern gezeigt wurde. Im Grunde hatte diese gesagt: Wenn Sie mit uns arbeiten, stimmen Sie zu, Ihre Meinungsfreiheit auf die Dinge zu beschränken, die dem Mainstream genehm sind und weder als kontrovers noch beleidigend aufgefasst werden könnten. Wenn Sie kontroverse Dinge sagen, die die Befindlichkeiten von anderen verletzen könnten, dürfen wir Sie feuern. Es handelt sich dabei um eine sehr erfolgreiche Firma, die sehr erfolgreiche Shows fürs Fernsehen produziert, doch sie hat sich von der öffentlichen Meinung einschüchtern lassen in der Frage, welche Ansichten in der heutigen Welt akzeptabel sind. Ich nehme an, dass es Leute gibt, die dort arbeiten wollen und dieses Statement unterschrieben haben. Das macht mir Angst.

ZEIT ONLNE: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie von anderen beleidigt werden?

Gilliam: Wissen Sie, ich bin die ganze Zeit beleidigt. Wegen dem, wie sich Leute verhalten, wegen dem, was sie sagen … Aber was soll ich tun? Entweder ich starte eine Organisation, um das zu bekämpfen – oder ich drehe einen Film oder schreibe etwas Witziges. Manchmal sage ich etwas, das kein anderer sagt, um die Debatte zu eröffnen. Unsere Gesellschaft ist zu sehr von Gruppendenken geprägt: Jeder will sich nur mit Leuten umgeben, die so denken wie er selbst.

ZEIT ONLNE: Sie finden, dass man die gesellschaftliche Polarisierung nur durchbrechen kann, wenn man ab und zu etwas Provokantes sagt?

Gilliam: Das denke ich. Natürlich wird man angegriffen werden, wenn man sich nach vorne wagt. Aber so ist das halt. Während der #MeToo-Debatte habe ich gesagt, dass einige Frauen davon profitiert haben, mit Harvey Weinstein auf sein Hotelzimmer gegangen zu sein. Das habe ich nicht getan, um seine Opfer zu beleidigen, sondern weil es stimmte. Viele fanden meine Aussagen jedoch widerlich. Gleichzeitig habe ich auf Facebook sehr viele positive Kommentare von Frauen bekommen, die auch fanden, dass #MeToo zu weit gegangen ist und viel zu rachsüchtig bei kleinen Vergehen war. Eine Schauspielerin hat mir in einer Email geschrieben, dass sie die Dinge so sieht wie ich. Sie selbst war mit Weinstein in einem Hotelzimmer gewesen, hatte sich im Gegensatz zu anderen aber wieder herausgequatscht. Ich habe ihr gesagt: Du musst das laut sagen! Ich als Mann kann das nicht tun. Aber sie hatte Angst, dass sie dann auch angegriffen wird.

Der Film "The Man Who Killed Don Quixote" läuft am 27. September in deutschen Kinos an.