Berlin, Tempelhofer Feld, ein Sonntagnachmittag im September. Ein stadtbekannter Krimineller geht mit seiner Frau und den Kindern spazieren, dann laufen vier Männer auf ihn zu und erschießen ihn aus nächster Nähe. Zu seiner Beerdigung kommen 2.000 Menschen, der Friedhof wird von 150 Polizisten gesichert, aus Angst, es könne am Grab zu Vergeltungsschlägen zwischen rivalisierenden Clans kommen.

Nein, diese Szenen stammen nicht aus den neuen Folgen der Serie 4 Blocks. Sie haben sich wirklich ereignet, mitten in Berlin. Aber Fiktion und Wirklichkeit gehen dieser Tage eine merkwürdige Umarmung ein: Fernsehreportagen über kriminelle Clans, vom rbb oder Spiegel TV, beginnen mit einer Vogelperspektive auf die Sonnenallee in Neukölln, identisch mit dem Vorspan von 4 Blocks. Am Donnerstag läuft nun die zweite Staffel der Gangster-Saga auf TNT Serie an, und gemessen an der medialen Aufmerksamkeit gäbe es keinen besseren Starttermin für die Fortsetzung.

4 Blocks war in mehrfacher Hinsicht ein Ausnahmeprojekt. Es war die erste Serie seit Dominik Grafs Russenmafia-Epos Im Angesicht des Verbrechens, die sich zu Recht als Genre-Produktion bezeichnen konnte. Sie unterschied sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von allen vorangegangenen Projekten: Völlig ohne den Amtsstuben-Mief normaler Krimis erzählte sie ausschließlich aus der Innensicht des Clans.

Dieser Blick in das organisierte Verbrechen (Drehbuch: Hanno Hackfort, Richard Kropf und Bob Konrad) wirkte so glaubhaft und war so fern jeder tatortigen, moralinsauren Fernseherzählung, dass die Serie dafür so ziemlich alle deutschen Fernsehpreise und Auszeichnungen auf den TV-Festivals in Cannes und Venedig gewann.

Auf 4 Blocks konnten sich erstaunlicherweise alle einigen: die Feuilletons wie die Jungs auf den Straßen Neuköllns. "In Berlin spricht man jetzt Arabisch", wurde zum geflügelten Wort. Auf Instagram inszenierten sich junge Männer im Stil der Serie. Der Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan erzählte während der Dreharbeiten, er werde inzwischen nur noch als Toni Hamady angesprochen – von den Jugendlichen auf der Sonnenallee oder "von Sigmar Gabriel". Die Sets für die zweite Staffel mussten abgeriegelt werden. Wegen der Fans, die überall gleich zur Stelle waren.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Verbrechensbekämpfung in Berlin provoziert genau diese Verehrung immer deutlichere Kritik an der Serie. Polizeiliche Ermittler sagten Reportern der ZEIT, die Serie kotze sie an, weil sie das Gangstertum glorifiziere und junge Männer im Kiez animiere, den Filmfiguren nachzueifern.

Der Vorwurf, dass Gangster- und Mafiaerzählungen das Milieu glorifizierten und dadurch implizit verstärkten, ist nicht neu. Würde man einen strengen moralischen Kompass anlegen, müsste man den Paten, Mean Streets und Scarface aus dem filmischen Kanon werfen. Natürlich darf man über Verbrechen fiktional erzählen und man kann dem Publikum – auch wenn es cineastisch anders sozialisiert ist als der Arthouse-Kinogänger – ruhig zutrauen, dass es zwischen Kunstform und Realität unterscheiden kann. Schwieriger wird es, wenn sich Fiktion und Wirklichkeit so eng miteinander verzahnen, dass die Trennschärfe verloren geht. Das galt etwa für Roberto Savianos Serienadaption seines Buches Gomorrha. Italienische Medien berichten, dass Jugendliche im Stadtteil Scampia, der sowohl Drehort der Serie ist als auch als größter Einflussbereich der Camorra in Neapel gilt, ihre Serienhelden bis auf die Tattoos kopierten. Der größte Traum vieler sei es, einmal als Statist in Gomorrha aufzutreten. Fahnder beklagen zudem, es sei seit dem Start der Serie noch schwerer geworden, gegen die Mafia vorzugehen, weil die Serie sie verherrliche.

4 Blocks ging sogar noch einen Schritt weiter, indem es die Kontakte einiger Darsteller ins Milieu zu Recherchezwecken nutze. So erzählte der Regisseur Marvin Kren freimütig in der ZEIT, der Hauptdarsteller Ramadan habe ihm "die wirklichen Schlüsselspieler, die wirklichen Toni Hamadys vorgestellt". Der Gangsterrapper Massiv wiederum, der in der Serie Tonis Schwager spielt, ist befreundet mit Ashraf R., dem Onkel jener jungen Männer, denen vorgeworfen wird, eine riesige Goldmünze aus dem Bode-Museum entwendet zu haben (die ZEIT berichtete). Massiv widmete seinem ehemaligen Manager, der im Übrigen auch der neue Beschützer von Bushido ist, seit dem dieser sich öffentlich von Arafat Abou-Chaker losgesagt hat, 2011 folgende Songzeilen: "Glaub mir, seine Waffe lässt er niemals aus der Hand los! (...) Sein Leben ist im Film und das Drehbuch ist verfasst. (...) Hier wird das Wort Ehre neu definiert."

4 Blocks wird von der Münchner Filmproduktionsfirma Wiedemann & Berg umgesetzt. Deren Geschäftsführer Quirin Berg sprach während eines Setbesuchs im Februar etwas wolkig von "Schauspielern, die ihre Rollen leben", einem "Spagat, der nötig und spannend war" und "kreativen Auseinandersetzungen" während der Dreharbeiten. Übersetzen könnte man das auch mit: Es war höllisch anstrengend. Freilich bewegte sich 4 Blocks von Anfang an in einem schwierigen Spannungsfeld. Erst wurde die Serie für ihre so genannte Authentizität gefeiert, nun wird ihr genau diese vorgeworfen. Die Frage ist: Kann man sauber bleiben, wenn man das Milieu zu nah an sich herangelassen hat? Muss man überhaupt moralisch unangreifbar sein als Künstler? Ganze Genres wie der Gangsterrap leben von dem undurchsichtigen Spiel ihrer Interpreten: Sind sie echte Kriminelle oder besonders schillernde Kunstfiguren?