Eine umtoste Insel, ein Vater, der seine Tochter aus den Fängen eines brutalen Entführers retten will, Leichen, in denen Hinweise in Überraschungseiern versteckt sind: Man ahnt schon sehr bald, dass Abgeschnitten, der Titel von Christian Alvarts neuem Film, mehrdeutig gemeint ist. Ein psychopathischer Killer hinterlässt in grausam zugerichteten Opfern einen Hinweis für den Berliner Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu). Der muss bei diesem Spiel mitmachen, weil besagter Killer (Lars Eidinger) seine Tochter nach Helgoland entführt hat. Weil Herzfeld wetterbedingt nicht auf die Insel kommt, muss eine Comiczeichnerin (Jasna Fritzi Bauer) die Toten per Fernanleitung für ihn aufschneiden.

Die überfrachtete Story ist der Vorwand für eine mehr als zweistündige Gewalt- und Obduktionsorgie. Auf YouTube gibt es eine Warnung, der Trailer sei möglicherweise "für einige Nutzer unangemessen". Man muss wirklich recht hartgesotten sein, um Abgeschnitten zu ertragen. Die Vorlage für den Psychothriller lieferte der gleichnamige Bestseller von Sebastian Fitzek und dem Rechtsmediziner Michael Tsokos, deren Bücher von Kritikern als klischeeverhaftet und gewaltgeil verrissen, von den Leserinnen und Lesern aber begeistert konsumiert werden. Eine erfolgreiche Romanvorlage und eine prominente Besetzung ist allerdings noch kein Garant für einen Erfolg des Films.

Das liegt nicht allein an der hanebüchenen Geschichte dieser blutigen Schnitzeljagd, sondern am generell miesen Ruf deutscher Thriller. Dabei galt gerade der Regisseur Christian Alvart einst als Hoffnung des deutschen Genrekinos. Mit Antikörper verfilmte er 2005 sein eigenes Drehbuch und übertrug dabei die Idee von Jonathan Demmes Das Schweigen der Lämmer glaubhaft auf deutsche Verhältnisse – als religiös aufgeladenes Psychoduell zwischen einem Serienmörder (André M. Hennicke) und einem Dorfpolizisten (Wotan Wilke Möhring). Seitdem hat Alvart unter anderem den Horrorfilm Fall 39 mit Renée Zellweger gedreht sowie sieben Tatort-Folgen. Darunter die breitbeinigen Tschiller-Episoden mit Til Schweiger, aber auch den eher unkonventionellen Kieler Fall Borowski und der stille Gast.

Abgesehen von Maximilian Erlenweins Racherausch Stereo mitJürgen Vogel, Baran bo Odars Hacker-Thriller Who Am I (2014), dem One-Take-Experiment Victoria (2015) oder Aslı Özges Kleinstadt-Psychodrama Auf einmal (2016) gab es in den vergangenen Jahren nur wenig Aufregendes im Kino. Eine Ausnahme bildete Fatih Akins Hybrid aus Thriller, Gerichtsfilm und Rachedrama Aus dem Nichts, der 2017 in Cannes prämiert wurde und im Januar einen Golden Globe gewann.

2018 scheint es nun aber eine, wenn auch kleine, Genreoffensive zu geben. Gleich mehrere deutsche Thriller sind bisher angelaufen, die diese Bezeichnung auch verdienen: Der 38-jährige Regisseur Özgür Yıldırım nannte ganz selbstbewusst Michael Manns Klassiker Heat als Vorbild für seinen Schuld-und-Sühne-Gangsterfilm Nur Gott kann mich richten. Die Antagonistin des kriminellen Ricky (Moritz Bleibtreu) ist in seinem Fall allerdings eine alleinerziehende Polizistin (Birgit Minichmayr), die sich selbst höchst strafbar macht.

Khaled Kaisers Agententhriller Luna handelte von einer 17-Jährigen (Lisa Vicari), die nach der Ermordung ihrer Eltern vom Doppelleben des Vaters erfährt, der vor seiner Zeit beim BND als russischer Agent gearbeitet hat. Der bis in die Nebenrollen gut besetzte und überzeugend inszenierte Film kam im Februar in die Kinos, erreichte aber gerade einmal 12.567 Zuschauer. Noch schlechter erging es der Regisseurin Tini Tüllmann mit ihrem Psychothriller Freddy/Eddy. Sie fand erst gar keinen Verleih, der Film lief nur auf Festivals und in ausgewählten Kinos – insgesamt sahen ihn 4.780 Menschen. 

Christian Alvart erreichte mit seinem anderen Film in diesem Jahr, dem Highspeedactionfilm Steig. Nicht. Aus! rund 40.000 Zuschauer, auch das kein besonders spektakuläres Ergebnis. Dabei war der Thriller um einen Bauunternehmer (Möhring), der mit einer Bombe im Auto durch Berlin heizt, nicht bloß wegen seiner schwindelerregenden Kamerafahrten sehenswert. Mit seinem Subtext zum überhitzten Immobilienmarkt lieferte er auch eine Verbindung zu einem aktuellen Debattenthema.

Dieser Wille, zeitgemäße, streitbare Stoffe für ein breites Publikum zu erzählen, wird im deutschen Thriller jedoch immer noch zu wenig sichtbar. Das liegt vor allem am traditionellen Dünkel vieler Filmemacher – aber auch Kinobesucherinnen –, die Arthousekino und spannende Unterhaltung nicht zusammenbringen wollen. Dominik Graf, dessen Thriller Die Katze 1988 noch mehr als 1,3 Millionen Zuschauer im Kino sahen, brach vor einigen Jahren in der ZEIT eine Lanze für "Trivialitäten, Schocks und brüllendes Gelächter", die Sinnesfreuden des Genres. "Heute muss man vielleicht die trivialeren Formen des deutschen Kinos verteidigen", schrieb Graf damals, "denn sie wirken wie eine bedrohte Tierart." Der Mainstream sei eine beinahe einsame Unternehmung geworden, und damit auch "Film als Spaß, Film als herrlich künstlicher Glanz, Film als direkte Verführung". 

Interessant ist, dass internationale Unternehmen zurzeit genau auf die wenigen Genreexperten in Deutschland schauen. Netflix wurde wegen Who Am I auf den Regisseur Baran bo Odar und seine Frau, die Drehbuchautorin Jantje Friese, aufmerksam. Nach dem internationalen Erfolg ihrer Mysteryserie Dark im vergangenen Herbst hat der Streamingdienst die beiden längerfristig unter Vertrag genommen. Özgür Yıldırım hat – neben Oliver Hirschbiegel – für TNT Serie die zweite Staffel von 4 Blocks inszeniert. Und die zweite deutsche Netflix-Serie, die im Dezember anlaufende Gangstererzählung Dogs of Berlin, stammt von: Christian Alvart. Möglicherweise gibt es erfolgreiches Genre eben doch – nur nicht mehr im Kino.

"Abgeschnitten" läuft ab 11. Oktober in den deutschen Kinos.