Cal Neva hieß das sagenumwobene Hotelresort, das Frank Sinatra, Dean Martin und ihre zwielichtigen Freunde im Jahr 1960 kauften. Es enthielt ein Tunnelsystem, um es Mitgliedern der Mafia zu ermöglichen, das Grundstück unbemerkt zu betreten und zu verlassen. Verschwörungstheoretiker glauben, dass Marilyn Monroe dort gestorben sein könnte, andere behaupten, es sei ein Liebesnest für Politiker wie John F. Kennedy gewesen.

Diesen Ort hat der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Drew Goddard in seinem Retrothriller und Kammerspiel Bad Times at the El Royale zu einer wunderbaren Filmkulisse gemacht. Das titelgebende Hotel befindet sich genau auf der Staatsgrenze von Nevada und Kalifornien, erkennbar an einem dicken roten Streifen, der durch die Lobby und den Parkplatz gezogen ist. Trotz der knalligen Teppiche und Tapeten, den extravaganten Kaminen, den bunten Leuchtreklamen und der Jukebox ist das El Royale im Jahr 1969 ein verblasster Ort. Seit es seine Glücksspiellizenz verloren hat, ist es vom Luxushotel zur Billigabsteige verkommen.

Nur ein Angestellter, ein junger, milchgesichtiger Concierge (Lewis Pullman), hält noch die Stellung. Da tauchen eines Tages unerwartet vier Gäste auf, von denen jeder ein Geheimnis verbirgt: Laramie Seymour Sullivan, ein geschwätziger Staubsaugerverkäufer (Jon Hamm); Darlene Sweet, eine schwarze Soulsängerin (Cynthia Erivo); der freundliche Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und eine mürrische Unbekannte (Dakota Johnson), die das Gästebuch einfach mit "Fuck You" unterschreibt und die in ihrem Koffer eine weitere junge Frau (Cailee Spaeny) gefangen hält – gefesselt und geknebelt.

Sobald sie eingecheckt haben, zeigt uns der Film seine voyeuristische Seele. In den ersten vier Kapiteln, die nach den einzelnen Zimmernummern benannt sind, erfahren wir bald, dass so gut wie niemand das ist, was er oder sie vorgeben zu sein. Und auch das Hotel selbst birgt Geheimnisse, nicht zuletzt, weil alle Räume mit Spionagespiegeln und einem Beobachtungskorridor ausgestattet sind, sodass der Concierge jedwedes merkwürdige Treiben filmen kann.

Wie schon in seinem selbstreflexiven Horrorfilm The Cabin in the Woods aus dem Jahr 2012 setzt Goddard seine Figuren in ein Spiegelkabinett, das nur er durchschauen kann, und lässt uns, die Zuseher, erschaudern vor unseren eigenen Reflexionen.

Goddard schickt seine Protagonistinnen und Protagonisten in eine blutige Nacht, die in der Ankunft von Chris Hemsworths Sektenführer und Hippiemörder Billy Lee (eine Anspielung auf Charles Manson) und einem sadistischen Roulettespiel gipfelt. Der Regisseur, der auch das Drehbuch geschrieben hat, jongliert begeistert mit den zahllosen Wendungen seiner Story, allerdings wird es durch die Verflechtung der Geschichten manchmal etwas chaotisch.

Die Ereignisse werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt, die jeweils eine neue Perspektive auf das Gesamtbild dieser Nacht geben. Es besteht kein Zweifel, dass Goddards Stil und filmische Architektur Vergleiche mit den Filmen Quentin Tarantinos nach sich ziehen werden. Diese sind berechtigt, wobei man in Goddards Film mehr Mitgefühl und weniger Selbstgefälligkeit spürt als bei Tarantino.

Mit dem El Royale ist ihm ein fantastischer Filmort gelungen. Man riecht die abgestandene Luft dieses toten Casinos und der muffigen Zimmer. Das Hotel ist in seiner sündigen Vergangenheit gefangen, und fast alle Besucherinnen und Besucher suchen dort Vergebung. Jede der Figuren repräsentiert auf ihre eigene Art ein Symbol dieser Dekade.

Bad Times at the El Royale ist auch als Mikrokosmos eines Amerikas des Jahres 1969 zu sehen. Dieses Jahr markierte das Ende vieler Träume: Martin Luther King und John F. Kennedy ermordet, der Vietnamkrieg noch in vollem Gange, der FBI-Chef John Edgar Hoover lässt Politiker und Bürgerrechtler abhören. Die Schlagzeilen werden beherrscht von den grausamen Morden von Charles Manson und seinen Sektenmitgliedern.

Das Ensemble des Films ist großartig, vor allem Lewis Pullman, der Sohn des Schauspielers Bill Pullman, als junger Concierge, der sich für alle Ewigkeit verdammt wähnt. Die Musicaldarstellerin Cynthia Erivo behauptet sich als einzige reale Person zwischen all den Kunstfiguren und Archetypen – und ihre Interpretationen von You Can't Hurry Love und Unchained Melody sind kleine Wunder. Und wenn sich diese Darlene Sweet am Ende dem psychopathischen Sektenführer entgegenstellt, während der von Gut und Böse schwafelt, dann wird der Film unerwartet auch zu einer Geschichte der Emanzipation. "Ich bin gelangweilt von Männern wie dir", sagt sie, "ich würde lieber dem Regen zuhören."

"Bad Times at the El Royale" läuft seit dem 11. Oktober in den deutschen Kinos.