Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

Camping

Man fragt sich nach den ersten vier Folgen von Camping, der neuen sechsteiligen HBO-Serie von Lena Dunham und Jenni Konner, schon, ob das, was da über den Bildschirm flimmert, nun unglaublich genial oder einfach nur gaga ist. Natürlich hat man, wenn diese beiden Frauen zusammen eine Serie schreiben und produzieren, nichts Gewöhnliches oder Kuscheliges erwartet. Girls, ihre erste Zusammenarbeit, riss damals, 2012, ja auch alle Schranken ein und definierte neu, wie Frauen im Fernsehen eigentlich sein sollten. Oder besser: sein konnten. Girls war schamlos, laut, unbequem und extrem anstrengend. Genau das ist Camping auch. Nur sind die Hauptdarstellerin und ihre Freundinnen und Freunde keine verwirrten, gleichzeitig irgendwie drolligen Mittzwanziger, die in New York nach so etwas wie Erfüllung oder einfach dem nächsten Snack suchen, sondern abgehalfterte Mittvierziger aus Los Angeles, also echte Erwachsene mit eingefleischten Profilneurosen.

Kathryn Siddell-Bauers (schon der Name nervt so unglaublich), gespielt von der bittersüßen Jennifer Garner, hat zum 45. Geburtstag ihres Ehemannes ein Wochenende auf einem kalifornischen Campingplatz mit Freunden organisiert. Kathryn leidet unter hartem Kontrollwahn und hat die Tage minutiös durchgeplant, was wiederum die Freunde (unter anderem gespielt von Juliette Lewis und Brett Gelman), die ebenfalls unter allerlei Dingen leiden (Depressionen, Minderwertigkeitskomplexe, Drogensucht, Narzissmus) in den Wahnsinn treibt. Diese Freunde sind – wie es sich für Mittvierzigercliquen gehört – alles Paare, die seit gefühlt 100 Jahren miteinander rumhängen und längst vergessen haben, warum sie eigentlich friends sind. Wirklich offen gesprochen wurde schon lange nicht mehr und echte Nähe hält auch keiner aus. Das Konfliktpotenzial ist vorprogrammiert. Und irgendwann muss die Lage auf dem kleinen Campingplatz eskalieren.

Als Zuschauerin will man alle Beteiligten, vor allem die Frauen, schon nach der ersten Folge anschreien, sich doch verdammt noch mal zusammenzureißen. Mein Gott, ihr seid ERWACHSENE! Aber genau das tun sie eben nicht. Sie reißen sich nicht zusammen. Und das ist möglicherweise das Genialische an der Serie: Hier wird modernes Leben nicht weich gespült oder verdaulich portioniert. Hier kommt jede beschissene Gefühlsregung und jede noch so alberne Hässlichkeit auf den Campingtisch, an dem sich alle jeden Morgen wiedertreffen.

Würde die Serie nur aus männlichen Darstellern bestehen, könnte sie sich durchaus hinter Filmen wie Hangover (nur mit etwas mehr Niveau) einreihen und man würde über all das Chaos wahrscheinlich herzhaft lachen. So bleibt das Lachen oft genug im Halse stecken. Dunham und Konner, Feministinnen par excellence, ist also wieder mal ein großer Coup gelungen. Sie zeigen, was bisher nicht im Fernsehen gezeigt werden durfte, an das wir uns in einer gleichberechtigten Welt aber unbedingt gewöhnen sollten: Auch Frauen können bekloppte Arschlöcher sein. Sie müssen sich dafür nicht mal entschuldigen.
(Carolin Würfel)

Die sechs Folgen von "Camping" laufen in der Nacht vom 14.  auf den 15. Oktober in der Originalfassung auf Sky Ticket, Sky Go und auf Abruf. Ab 14. Dezember immer freitags um 21.10 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic HD und auch nicht-linear, wahlweise auf Englisch oder Deutsch.